Der Dorfpate Rudolf Gombroski (Thomas Thieme) mit seinem Hund Fidi.  
Foto:  Stefan Erhard

BerlinWer Juli Zehs Roman „Unterleuten“ kennt, braucht den Dreiteiler nicht. Alles an dem Buch, das nach seinem Erscheinen vor vier Jahren monatelang die Bestsellerlisten bestimmte, trägt die Verfilmung schon in sich. In seinem dramatischen Handlungsbogen, seiner szenischen Struktur, seinem exemplarischen Personal und seiner dialogreichen Sprache lieferte die in Bonn geborene und in Brandenburg lebende Autorin die perfekte Vorlage für den Film im Kopf des Lesers. 

Gerade deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis es diesen Film nun auch im Fernsehen gibt. Nichts lieben die Leute mehr als den Abgleich ihrer eigenen Vorstellungen mit dem Blick eines Regisseurs. Und sei es auch nur, um festzustellen, dass der Film nicht an das Buch herankommt.

Unterleuten ist ein Dorf im Brandenburgischen, in dem die Zeit zu pausieren scheint. Das Alte ist nicht alt und das Neue nicht neu. Man lebt nebeneinander, miteinander und gegeneinander. Daran können auch ein paar Zugezogene aus Berlin nichts ändern, die irgendwelchen Träumen von der Freiheit auf dem Land nachhängen. Es ist nicht einfach mit dem einfachen Leben, das werden die auch noch merken. Die LPG „Gute Hoffnung“ ist jetzt eine GmbH mit dem richtungsweisenden Namen Ökologica.

Alte Konflikte brechen auf

Die Geschäfte führt Rudolf Gombrowski, Großbauer seit Generationen und nach der Kollektivierung Vorsitzender der LPG. Die Hierarchie ist stabil, bis es im Dorf plötzlich nicht mehr um Weizen geht, sondern um Wind. Genauer gesagt um Landbesitz. Der geplante Bau von zehn Windrädern wirkt wie ein Katalysator auf die Beziehungen zwischen den Einwohnern von Unterleuten. Alte Konflikte brechen auf, neue bahnen sich an. Es geht um Erpressung, Verrat, Bosheit, Hass, Wut und Selbstgerechtigkeit auf allen Seiten. „Die Leute sind es doch gewohnt, dass überall um sie herum Dinge geschehen, auf die sie keinen Einfluss haben“, heißt es einmal.

Der Film nimmt sich vor, am Beispiel eines  Dorfes das große Bild der Gesellschaft in ihrer   resignativen Überreizung zu zeichnen.  Mit Matti Geschonneck (Regie) und Magnus Vattrodt (Drehbuch) vertraute das ZDF dieses Prestigeprojekt einem Grimme-Preis-geehrten Gespann an, das sein Gespür für das Erforschen diffiziler Beziehungsgefüge wiederholt bewiesen hat. Einen Sonderpreis verdient diesmal auf jeden Fall die Casterin Simone Bär, die ein Ensemble zusammengestellt hat, das es in dieser schauspielerischen Klasse vielleicht überhaupt noch nie im deutschen Fernsehen gegeben hat. Und schon deshalb braucht das Lesepublikum diesen Dreiteiler eben doch.

Der Trailer zu "Unterleuten"

Quelle: Youtube

Man möchte schon gesehen haben, wie Thomas Thieme als Dorfpate Gombrowski mit seinem Hund Fidi das reife Getreidefeld inspiziert, wie Hermann Beyer als abgewickelter Kommunist seine Verbitterung spazieren führt, wie Ulrich Noethen als Soziologieprofessor Fließ alles besser weiß, wie Bjarne Mädel als schreibblockierter Theaterautor Rasentraktor fährt, wie Charly Hübner als mauliger Schaller den Brandenburger schlechthin verkörpert. Die Aufzählung könnte noch eine Weile so weitergehen, Dagmar Manzel, Rosalie Thomass und, und, und. Nicht zu vergessen Christine Schorn mit ihrem bösen Blick. Dass fast alle Ostler in diesem Film mit Ostschauspielern besetzt sind und alle Westler mit Westlern, ist natürlich kein Zufall.

Epischer Ansatz, klug gerafft

Man muss das nicht so machen, Matti Geschonneck aber hat sich für diese biografische Rückendeckung entschieden, um Nuancen im Spiel herauszuarbeiten und manchmal kommt es ja tatsächlich auf einen Blick, eine Betonung oder einen Halbsatz an. Als Bürgermeister Seidel (Jörg Schüttauf) von der schneidigen Windrad-Lobbyistin Frau Pilz (Mina Tander) gefragt wird, ob er bei der Stasi war, antwortet er kühl: „Ein bisschen raffinierter war die DDR dann doch.“ Thema erledigt.

In seinem epischen Ansatz, der, klug gerafft, weit in die politische Geschichte dieses Landstrichs zurückgreift, erinnert „Unterleuten“ ein wenig an große Fernsehromane wie „Wege übers Land“ oder „Daniel Druskat“, die sich zu ihrer Zeit auf ihre Weise mit den Verwerfungen der Kollektivierung gewidmet haben und die eben auch oder gerade wegen der prominenten Besetzung in der DDR so gern gesehen wurden.

Auch was   Dramaturgie und Tempo  betrifft, ist Matti Geschonneck    der traditionellen  Erzählweise näher als der Serien-Ästhetik, die auch mal Brüche und Dissonanzen zulässt. Hier läuft das alles wie am Schnürchen. In der 90-minütigen Ouvertüre wird das Personaltableau etabliert, wobei jede Partei – wie im Roman – für ein Milieu steht. Im Film erweist sich diese Zuschreibung    als  äußerst funktionabel. Wie durch ein Kaleidoskop betrachtet, ändert sich bei jeder  Drehung  der Geschichte das Beziehungsmuster und damit die Tonalität. Doch selbst wenn es mittendrin ziemlich irrwitzig wird, am Ende sind sie alle unglücklich. 

ZDF/Stefan Erhard
Unterleuten – Das zerrissene Dorf

9., 11. und 12. März, jeweils 20.15 Uhr, ZDF