Gemälde von Girolamo Francesco Maria Mazzola (1503-1540).
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BerlinEs ist ein schönes Buch. Es wäre ein Wunder, wenn nicht. Piet Meyer macht nur schöne Bücher. Seit 2007 gibt er, 1953 in Zürich geboren, in seinem Berner Verlag Kunstbücher heraus. Zum Beispiel eines der erhellendsten, das jemals über Malerei geschrieben wurde: „Mann mit blauem Schal“, die Gespräche, die Martin Gayford mit Lucian Freud führte. Auch Gayfords Gespräche mit David Hockney hat Piet Meyer herausgebracht. Und wer es noch nicht kennt, muss unbedingt Gayfords Buch lesen über die neun Wochen, die Van Gogh und Gauguin von Oktober bis Dezember 1888 zusammen in einem Haus in Arles lebten. „Das Gelbe Haus“ heißt es.

Und noch etwas… Nein, nein ich muss aufhören damit, sonst komme ich nie zum Buch des Philosophiehistorikers und Chefs der Universitätsbibliothek Leipzig, Ulrich Johannes Schneider. Es heißt „Der Finger im Buch – Ein Rundgang durch eine Galerie unterbrochener Lektüren“. 150 Seiten mit knappen, eindringlichen Bemerkungen zu 30 Bildern, auf denen eine Frau oder ein Mann dargestellt ist, wie er oder sie ein Buch hält und einen Finger darin lässt, um, wenn der Betrachter sie oder ihn verlässt, die Lektüre fortzusetzen.

In den meisten Fällen weiß der Betrachter nicht, um welches Buch es sich handelt, geschweige denn um welche Stelle, die da jemand auf keinen Fall aus der Hand geben möchte. Je weniger der Betrachter aber über die Bücher weiß, bei deren Lektüre die Dargestellten vorgeben, unterbrochen worden zu sein, desto freier ist seine Fantasie.

Der gelehrte Ulrich Johannes Schneider macht sich Gedanken gerade nicht über das, was er sieht, sondern über das, was er nicht sieht, oft nicht einmal sehen soll. Es sind kluge Überlegungen zu Kunst-, Literatur- und Philosophiegeschichte. Wenn der Engel kommt und Maria mitteilt, dass sie eine jungfräuliche Gottesmutter sein werde, ist die Vorstellung sehr reizvoll, dass er das genau in dem Augenblick tut, da sie bei Jesaja liest: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären“.

So effektiv klappt identifikatorische Lektüre sonst nicht, könnte man – etwas neidisch - sagen. Anzüglicher wäre die sehr nahe liegende Feststellung: So wie sie ihren Finger im Buch hat, so hat Gott in ihrem Körper seine Hand im Spiel. Von Raffael gebe es etwa 20 Darstellungen, schreibt Schneider, von Maria mit Kind, neun davon mit Jesus und Johannes. Vier davon wiederum zeigen Maria mit einem Buch in der Hand. Seit dem 13. Jahrhundert wird die Spindel in Marias Hand durch das Buch ersetzt, lerne ich von Schneider. Die Lektüre wird an die Stelle der Hausarbeit gesetzt. Maria wird, denke ich mir, womöglich immer mal wieder auch als Pergament gesehen, auf das Gott selbst seine Geschichte, seine Menschwerdung, schreibt.

Über das 1520 entstandene „Porträt einer Frau“ des flämischen Malers Quentin Massys schreibt Schneider: Es „predigt, stellt aus, stellt vor, wie um das fromme Lesen als solches zu symbolisieren.“ Eine Pointe, die nichts mit dem Bild zu tun hat, aber sich doch zu sehr aufdrängt, um sie zu verschweigen: 1543, Massys war bereits 13 Jahre tot, kamen die Tochter seines Bruders Josse und ihr Mann vor die Inquisition. Sie waren angeklagt, die Bibel gelesen zu haben. Massys‘ Nichte wurde vor dem Rathaus in Löwen lebendig begraben, ihr Mann enthauptet. Lektüren mit tödlichem Ausgang. So schrieb der Schwiegersohn Jean Pauls, der Kunsthistoriker und Maler Ernst Förster.

Beim Bildnis des Domherr Graf von Löwenstein macht Schneider sich keine Gedanken darüber, was der wohl liest. Der Graf, erklärt Schneider, wende sich vom Text ab, weil er jetzt Christus selbst vor Augen habe. „Eine beim Lesen entstehende gestalthafte Konkretisierung“, eine 3-D-Vision des Erlösers, nennt die Theologie, so Schneider, „Inkarnationshermeneutik“. Bei dieser Art lesen geht es gerade nicht ums Lesen. Die Lektüre ist ein Sprungbrett, das einen zu ganz anderen, viel ergreifenderen Erfahrungen führt. Zur richtigen Lektüre gehört ihre Unterbrechung. Wer nicht immer wieder auch nachdenkt über das Gelesene, der liest nicht wirklich. Heilige Texte gar sind eher Meditationsvorlagen als Lektüre.

Zu Pier Francesco Foschis Lesender aus dem Jahr 1535 meint Schneider: Diese Leseszene „kann überall stattfinden.“ Dann hebt Schneider ab: „Der Maler hat mit dem Buch und dem Finger darin nicht eine, sondern viele mögliche Welten von Texten, Vorstellungen und Sehnsüchten in das Bild geholt. Die dargestellte Person könnte wie Sextus in einer Fantasie des barocken Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in mehreren Realitäten beheimatet sein.“ Ich liebe diese Ausritte und verschwinde erst einmal in Leibniz‘ Theodizee, in seinen Beschreibungen möglicher Paralleluniversen. Zum richtigen Lesen gehört, auch das lerne ich von Schneider, das viel geschmähte Switchen.

Jetzt bin ich wieder bei Ulrich Johannes Schneiders schöner Reflexion über den Finger im Buch. Es geht um Rubens. Ein Blick von oben. Also hinein ins Dekolleté der 34-jährigen Isabella Rubens. Schneider schreibt: „Alle vier hellen Bildteile – Gesicht, Brust, zwei Hände – scheinen zu den Betrachtern zu sprechen, sie optisch mit der weißen Haut geradezu anzuspringen… Bei den Händen weiß man nicht, welche Geste die wichtigere ist, die linke Hand an der rechten Brust oder die rechte am Buch mit einem Finger darin. Diese doppelte Geste des sich selbst Berührens und der Lektüre…“ An dieser Stelle habe ich natürlich aufgehört zu lesen und mir noch einmal den Rubens angesehen.

Mit einem Mal ist mir klar, dass Ulrich Johannes Schneider leider ein viel zu anständiger Mensch ist. Er übersieht die Bedeutung des Autoerotischen des Fingers im Buch. Rubens Gattin karessiert ihren Busen, während der Zeigefinger der rechten Hand sich im Buch bewegt. Dazu lächelt sie anzüglich. Ich sollte noch einmal von vorne beginnen mit der Lektüre und nachschauen, wo Buch und Finger auch eine Metapher sein könnte. Stattdessen nur ein Hinweis auf Felix Vallotton (1865-1925). Der in der Schweiz geborene Maler hat immer wieder Frauen dargestellt, die lesend masturbieren. Die schönste Ergänzung für Schneiders Kollektion zeigt eine nackt auf einem Bett liegende Frau, deren linke Hand ihre Klitoris streichelt. Die rechte ist vom Bett hinuntergesunken, der ausgestreckte Zeigefinger steckte gerade eben noch in einem Buch.

Ulrich Johannes Schneider: Der Finger im Buch – Die unterbrochene Lektüre im Bild, Piet Meyer Verlag, Bern, Wien 2020, 175 Seiten, 30 Abbildungen, 28,40 €