Im Jahr 1932 verfasste der Regisseur Sergej Eisenstein einen Aufsatz mit dem Titel „Das dynamische Quadrat“. Der Wegbereiter des sowjetischen Revolutionsfilms forderte darin einen kreativen Umgang mit den Bildformaten im Kino. Warum muss denn ein Film durchweg mit den gleichen Größenverhältnissen gezeigt werden? Wäre es nicht viel spannender, Breite und Höhe des Bildes je nach den dramaturgischen Notwendigkeiten zu verändern? In der Filmgeschichte gibt es nur ganz wenige Beispiele, die sich dieser Maxime annahmen. Der berühmteste Fall ist der wunderbare Picasso-Film von Henri-Georges Clouzot („Le Mystère Picasso“, 1955). Nach einer Stunde in Schwarzweiß im damals klassischen 4:3-Format musste der Filmvorführer für die letzte Rolle schnell das Objektiv austauschen, um dann zu Farbaufnahmen im Cinemascope-Format (1:2,35) zu wechseln.

Ein weiterer Versuch wurde Mitte der 1960er-Jahre ausgerechnet bei der DEFA unternommen. In den sonst nicht gerade für ihre Innovationen berühmten Babelsberger Studios ging 1962 mit „Der fliegende Holländer“ ein Film in die Produktion, der aus mehreren Gründen seine Wiederentdeckung wert ist. Im Nachhinein wirkt dieser Film für DDR-Verhältnisse geradezu avantgardistisch – zumindest in formaler Hinsicht. Wie war dies nur möglich?

Zeit des „Überholens ohne einzuholen“

Erinnern wir uns: Nach Stalins Tod im Jahr 1953 und mit der Einleitung der Reformpolitik unter Nikita Chruschtschow ab 1956 bemühte sich auch die DDR unter Walter Ulbricht um eigene innenpolitische Akzente. Es war die Zeit des „Überholens ohne einzuholen“, so die politische Phrase, nach dem Mauerbau. Im Schönheitswettbewerb mit der Bundesrepublik strebte die SED ein sozialistisches Wirtschaftswunder an. Die DDR-Konsumgüterproduktion sollte binnen Kürze vervielfacht werden, sogar eine eigene Flugzeugindustrie schien im Bereich des Möglichen. Dass damals im filmtechnischen Bereich mit dem weltweit noch in den Kinderschuhen steckenden Mehrkanalton experimentiert wurde, gehört in diesen Kontext.

Um die neue Technologie auszutesten und zu präsentieren, schien eine Wagner-Oper wohl angemessen. Unter der künstlerischen Leitung des erfahrenen Opernregisseurs Joachim Herz (1924-2010) gelang der DEFA mit dem „Fliegenden Holländer“ ein erstaunlich nachhaltiges Werk. Herz straffte die Handlung der Oper auf knapp 100 Minuten, griff sanft in ihre Struktur ein und reicherte die Umsetzung mit originär filmischen Mitteln an. Es handelt sich hier eben nicht um eine bloße Abfilmung des Bühnengeschehens, sondern um eine eigenständige Anverwandlung des Opernstoffs in die Formensprache des Kinos.

Interessante szenische Zweiteilung

Im „Fliegenden Holländer“ erträumt sich die von ihrem tristen Alltag frustrierte Senta ihren Geliebten in Person eines Seefahrers, der ruhelos über die Ozeane zieht. Er ist Kapitän eines verfluchten Geisterschiffs, kann aber durch ihre Liebe, so wähnt Senta, dereinst erlöst werden. In Schwarzweiß gedreht (Kamera: Erich Gusko), nimmt der Film eine interessante szenische Zweiteilung dieses Geschehens vor. Immer wenn die Frau sich in ihrem „richtigen Leben“ bewegt, ist das Bild verengt und alle Geräusche sind in Mono zu hören. Wechselt Senta aber in die Traumwelt, weitet sich plötzlich das visuelle Spektrum und die Musik tönt in sattem Sound aus mehreren Lautsprechern, vermittelt so einen vollen, räumlichen Klang.

Anders als im Picasso-Film von Clouzot wird der Übergang vom Normal- zum Breitbild jedoch nicht durch einen Objektivwechsel erzielt, sondern durch eine vertikale Aufblende. Neben diesem beeindruckenden, weil sehr geschmeidigem Pendeln zwischen Real- und Traumwelt wartet der Film mit weiteren visuellen Überraschungen auf. Es gibt jede Menge Doppelbelichtungen, dies in mehreren Ebenen, teilweise sogar im Negativ kopiert. Die Fotografie erinnert einerseits an die Klassiker des deutschen Expressionismus, andererseits an die Mysterienspiele des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman. Wenn auch der Film inhaltlich nicht unbedingt Zeichen eines Tauwetters setzt, so stellt er ästhetisch doch eine ungewöhnliche Leistung dar. Schön, dass der „Fliegende Holländer“ nun nach langer Irrfahrt den Hafen der Filmgeschichte erreicht hat.

Der fliegende Holländer: DDR 1964, 98 Minuten, Schwarzweiß, 4-Kanal-Ton, erschienen bei Icestorm Entertanment, 10 Euro.