Als ihm sein Freund Hani Neuigkeiten aus seiner Heimatstadt Nablus berichtet, hört Midhat nur mit halbem Ohr zu, „weil er sich fragte, wie man seine eigenen Scharaden nach seinem Tod kolportieren würde, wenn er nichts mehr unter Kontrolle hätte, wenn die Details seines Lebens in den Gedanken und der Phantasie anderer ein Eigenleben gewännen“. Es ist ein rührender Moment in Isabella Hammads Roman „Der Fremde aus Paris“. Er kann für die Essenz der Hauptfigur stehen.

Für ihren Debütroman nimmt die Londonerin Hammad das Leben ihres Urgroßvaters als Vorlage. Es geht um die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem arabischen Aufstand von 1936 im britischen Palästinamandat. Sie erzählt, wie das persönliche Schicksal des Protagonisten mit dem turbulenten Schicksal des nach Autonomie strebenden palästinensischen Gebiets verwoben ist. In Palästina wird Midhat sowohl mit Zuneigung als auch mit leiser Verachtung „al-Barisi“, also „der Pariser“, genannt, nachdem er in Frankreich Medizin studiert hat und nach Hause zurückgekehrt ist.

Dass er mit einer fremden Welt in Kontakt gekommen ist, das macht ihn natürlich zum Objekt der Neugierde. Allerdings arbeitet er dort nun gar nicht wie geplant als Arzt, sondern hat die Schneiderei seines Vaters übernommen. Einerseits wird Midhat als „elegant, charmant, gebildet“ angesehen, andererseits als Opportunist und Anhänger des Westens. Doch Midhat zeigt kein Interesse daran, bei seinen Landsleuten überlegen zu wirken oder Macht auszustrahlen, wenn er europäische Kleidung trägt oder französisch spricht. Trotz der allgegenwärtigen Politik in Palästina ist er nur auf sich selbst fokussiert. Wenn es um Politik geht, dann stimmt er seinen Freunden einfach zu, damit er unbefangen seinen Weg gehen kann.

Im Westen ein Versuchskaninchen

Für Midhat ist nur das Persönliche auch das Politische. Und das hat mit seiner Zeit in Frankreich zu tun. Als junger Araber in Montpellier, wohin er 1914 kommt, muss er herausfinden, dass sein freundlicher Gastgeber Frédéric Molineau in Wirklichkeit nur ein wissenschaftliches Interesse an ihm hat. Er wollte erforschen, ob sich junge Muslime in Europa integrieren können. Molineau ist also ein alter weißer Mann, der genauso gut aus unserer heutigen Welt sein könnte. Diese perfide, verklausulierte Art des Rassismus verschlägt Midhat die Sprache, sie „füllt seine Stirn wie mit Wasser“. Ihm wird klar, dass er als „Versuchskaninchen“ niemals Molineaus Tochter Jeannette heiraten kann, obwohl die beiden ineinander verliebt sind. Solchermaßen gekränkt, hätte Midhat dem Westen den Rücken kehren können, doch Isabella Hammad vermeidet in ihrem Roman faule Schwarz-Weiß-Charakterisierungen. Midhat geht zunächst nach Paris, taucht tiefer in die französische Kultur ein, bevor er nach Nablus zurückkehrt. So wird er auch in der alten Heimat zum Fremden, eine äußerst authentisch erzählte und differenzierte Figur.

Überhaupt ist „Der Fremde aus Paris“ weltklug und raffiniert, mit klassischen Elementen eines Bildungsromans. So kann man sich als 28-jährige Autorin ankündigen: mit einem ambitionierten historischen Roman, der sich mit der Gründung eines ganzen Staates auseinandersetzt und gleichzeitig intime Themen wie Männlichkeit, Identität, Freundschaft und Liebe erforscht. Hammads außerordentliches literarisches Talent ist eine Bereicherung für die Weltliteratur.

Isabella Hammad: Der Fremde aus Paris. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Luchterhand, München 2020. 736 S., 24 Euro.