Frédéric Brossier als „Iron Curtain Man“ in der Neuköllner Oper.
Foto: Martin Müller/Imago

Elvis-Imitatoren haben es immer leicht: Eine schwarze Schmalzlocke, ein Glitzeranzug, fertig ist der „King Of Rock’n’Roll“. Dean Reed, der nach seinem frühen Tod zum „Roten Elvis“ verklärt wurde, taucht nun an der Neuköllner Oper ähnlich wieder erkennbar auf: Eine blonde Haartolle quer über die Stirn, ein weißer Rollkragenpullover, dazu die Kämpferfaust – fertig ist der „Iron Curtain Man“, der Mann, der hinter dem Eisernen Vorhang zum Star wurde.

Das filmreife, tragisch endende Leben des Sängers und Schauspielers aus Colorado, der in seiner Heimat erfolglos blieb, aber in Lateinamerika und im Ostblock bejubelt wurde, hat schon viele Biografen und Filmemacher gereizt, das Projekt von Tom Hanks war jahrelang im Gespräch. Nun widmet ihm die Neuköllner Oper eine „Letzte Show“ – es ist eine Totenreise mit dem Blick vom Ende her. Eigentlich sollte die Show im März auf die Bühne kommen und die Zuschauer sollten von zwei Seiten her ganz nah dran sein. Doch die Auflagen haben die Sitzplätze weit nach hinten geschoben, und die sechs Schauspieler und sieben Musiker haben es schwer, diesen Abstand zu überbrücken.

Eine kritische Distanz prägt auch das Stück von Autor Lars Werner, das Fabian Gerhardt in Szene gesetzt hat. Denn Dean Reed wird hier nicht etwa, wie in den biografischen Musicals, von einer Art Double gespielt und gesungen, sondern regelrecht zerlegt. Fünf der sechs Darsteller singen und spielen als Dean Reed, alle sechs tanzen ihn – mit blonder Haartolle und weißem Rolli. Regisseur Gerhardt nennt den Bob-Dylan-Film „I’M Not There“ als Vorbild – da gaben auch Frauen wie Cate Blanchett den Dylan.

Dieses Spiel sorgt immer wieder für Überraschungen. Denn während der originale Reed all seine Balladen melodramatisch schluchzte und seine Kämpfersongs stets voller Pathos sang, reicht hier die stimmliche Breite vom Mezzosopran bis zum Bariton. Auch körperlich macht er einiges durch: Denn Meik van Severen ist gut 30 Zentimeter größer als Sophia Euskirchen, die den jungen Dean Reed singt. Alle sechs Spieler springen in andere Figuren: Sophia Euskirchen etwa taucht noch als Egon Krenz und als Reeds erste deutsche Gattin Wiebke wieder auf.

Inhaltlich erscheint die Zerlegung des Helden logisch: Reed jettete als Friedenskämpfer um die Welt, lobte aber die Mauer um die DDR. Die Inszenierung des politischen Milieus, in das sich Reed begab, gerät hier leider zum Klamauk: Das Trio Erich-Erich-Egon, kostümiert mit Hausmeisterkitteln und kleinkarierten Hütchen, tanzt zuckend über die Bühne, erinnert aber optisch eher an die Olsenbande. Besser umrissen wird das DDR-Leben von seinen Frauen, die ihm die Widersprüche und seine Schizophrenie deutlich machen.

Musikalisch aber ist Dean Reed stärker denn je: Das Kammerorchester von Christopher Verworner und Claas Krause hat das schmale Songmaterial, das kaum Hits enthielt, zu einem dichten Reigen verwoben, das Balladen wie „Susan“ und „Together“ mit Protestsongs und neuen Klängen verbindet. Das Finale ist nicht nur in musikalischer Hinsicht eine Projektion aus dem Heute: So wie sich die Musiker ihren Dean Reed erfinden, so wird aus dem bekennenden Sozialisten ein aktueller Held, der den Nachgeborenen anzeigt, was es heißt, wenn der Kapitalismus keine Alternative mehr hat. Doch dieses Vermächtnis des „Roten Elvis“ wirkt etwas bemüht. Ein „rotes Schwänzchen“ hätte man solch angehängte Moral zu DDR-Zeiten genannt. 

Neuköllner Oper: „Iron Curtain Man“. 5./6.9., 9.–13.9., 15.–18.9., 23.–26.9., 29./30.9., jeweils 20 Uhr