Li Qing: „East of Eden“, 2020, Ausstellungsansicht  (Ausschnitt).
Foto: Galerie Eigen+ Art Berlin/Uwe Walter

Berlin - Hinterm Kohlfeld beginnt der Traum einer chinesischen Mittelstandsfamilie: ein mehrstöckiges Eigenheim am Stadtrand, beinahe nach westlichem Vorbild. Und doch so anders als in den nach maximal zweistöckiger Idylle strebenden Siedlungen in den Speckgürteln von Berlin, München, Frankfurt am Main oder Stuttgart.

„East of Eden“- im Reich der Mitte wünschen sich die Leute ein allein stehendes, repräsentatives Haus, mehrere Etagen und mit einem markanten Schrägdach, ganz so wie im deutschen Schwarzwald. Möglichst mit dekorativen Villen-Giebeln, Aufsätzen und Türmchen wie aus der europäischen Jugendstil- und Gründerzeit. Oder mit hohen, gotisch anmutenden Farb-Giebelfenstern, als wäre es eine Kirche.  Die Vorbilder sind unverkennbar, allerdings zusätzlich dezent bis üppig verziert mit Pagoden-Elementen und Teehaus-Dachfirsten. Ein wenig Tradition muss schon sein.

Li Qing, 39 Jahr alt, Künstler aus Hangzhou in der chinesischen Provinz Zhejiang und dort Professor an der Kunstakademie, hat an die Wand der Ausstellungshalle von Eigen+Art ein riesiges Foto-Tableau gepinnt. Darauf der Lebenstraum seiner Landsleute, die nicht in den teuren Luxus-Appartements der schwindelerregenden Glas-und-Stahl-Wolkenkratzer leben können oder wollen. Seine Schau „East of Eden“, umgangssprachlich auch ironisch übersetzt mit „Jenseits von Eden“, ist Kunstprojekt und Gesellschaftsstudie in einem. Li Qing spürt seit Jahren historischen Brüchen und ideologischen Konflikten in seinem 1,393-Milliarden-Menschen-Land nach. Was er vorführt, ist Mikropolitik im Alltäglichen. Sein Thema ist die urbane und ländliche Modernisierungsbewegung in China: Konsumismus und der zwiespältige bis heuchlerischen Umgang der autokratisch regierten Gesellschaft mit Schönheitsidealen. Die Serie zeigt Spannung und Widerspruch zwischen Motiv, Symbol, Sprache und dem öffentlichem Raum.

Die stilistische Bau-Mixtur dieser Häuser wirkt seltsam, gar belustigend für unseren europäischen Geschmack. Doch vor allem sehen wir, dass diese privaten Refugien eine Alternative darstellen zum beengten Dasein in Chinas Metropolen. Diese mitunter aberwitzig wirkenden Behausungen erzählen auch von den Anstrengungen ihrer Besitzer, die nur scheinbar „neureich“ sind. Aber ihr„Traum“ steht da, als Symbolik der Selbstbehauptung von Individualität, meist nachbarschaftslos inmitten von Ackerland. Das dient für den Anbau von Gemüse, für Blumen oder auch als saftig-grüne Grasfläche. Die meisten Häuser sind umgeben von Brachen, vertrocknetem Gras. Kein Baum, kein Strauch, nur Erde, Sand, Geröll. So wirkt dieser Häuser-Katalog wie eine öde Mischung aus Lebenstraum und Trostlosigkeit. Der Anblick erweckt den Eindruck, die Häuser der unsichtbaren Familien stünden im Niemandsland – sowohl für die Menschen wie für die Vegetation.

Li Qing bedient sich in seinem Foto-Projekt der Methode des berühmten Düsseldorfer Fotografenpaares Bernd und Hilla Becher. Er wählte das Dokumentarische, das zugleich Geschichte erzählt: betont sachliche Zentralperspektive, mitunter eine leichte Untersicht, Verzerrungsfreiheit, Menschenleere und ein wolkenverhangenes, weiches Tageslicht. Vor der Galeriewand mit den Häuser-Bildern liegt ein Filzteppich, darauf hat der Künstler Spuren abgerissener Häuser abgedruckt, die den aktuellen Neubauten weichen mussten. Im Hintergrund sind weitere Modernisierungsvorhaben auszumachen, vor denen die Eigenheime fast anachronistisch wirken: Hochhäuser drängen an die Ränder der atemberaubend schnell wachsenden chinesischen Städte, wo Grund und Boden immer teurer werden und effizienter gebaut wird. Es wird enger für die individualistischen Traumhäuser, allein auf weitem Feld.

Galerie Eigen+Art, Auguststr. 26. Bis 22. August, Sa 11- 18 Uhr