Berlin - Am 4. Dezember 1958, pünktlich um 11.18 Uhr, startet das erste im Nachkriegsdeutschland gebaute Düsenflugzeug zu seinem Jungfernflug. Die Dresdner Flugzeugbauer jubeln, der Testpilot und seine Crew erhalten Auszeichnungen. Walter Ulbricht erklärt die Erfolge der DDR-Luftfahrtindustrie zum ideologischen Sieg über den Westen.

Die Leitung der Defa entscheidet sich, die Ereignisse zu einem Spielfilm zu verdichten. Der moderne Flugzeugbau als Metapher für die Überlegenheit des sozialistischen Systems, als Beispiel für das Aufblühen der jungen DDR. Karl Georg Egel und Paul Wiens schreiben das Drehbuch und verdichten Gegenwart und Geschichte zu einer Heldensaga: Die Hauptfigur, der Flugzeugmechaniker Ludwig Bartuschek, beteiligt sich als Kommunist bereits am Spanienkrieg, wird von sowjetischen Genossen als illegaler Widerstandskämpfer ins faschistische Deutschland eingeschleust und überlebt hier ein KZ. Nach der Befreiung ist er die treibende Kraft der ostdeutschen Flugzeugindustrie.

Konrad Wolf übernimmt die Regie, Erwin Geschonneck spielt die Hauptrolle. Gemeinsam mit seinem Kameramann Werner Bergmann entwickelt Wolf eine in Maßen experimentelle Farbdramaturgie: Die Gegenwart leuchtet in sonnigem Agfacolor, die Vergangenheit entfaltet sich in schwarz-weißen Rückblenden.

Schwarz-weiß ist freilich auch die dramaturgische Anlage: „Leute mit Flügeln“, wie der Film heißt, konfrontiert den zum Denkmal stilisierten Helden mit einem kapitalistischen Widersacher, der sich in jeder Lebenslage als schleimiger Opportunist erweist. Zwar wirbt ein Kinotrailer, der Film suche „im Dunkel des Gestern Antwort auf Konflikte des lichtvollen Heute“. Doch der vorgeführte DDR-Alltag besteht bestenfalls aus Missverständnissen, nie aus existenziellen Widersprüchen. Aus dem Meer apologetischer Zeitungskritiken ragt ein Satz der „Deutschen Filmkunst“ mahnend heraus: „Didaktik und Konfliktarmut stehen meist eng nebeneinander“ (Klaus Lippert).

In späteren Jahren lässt Konrad Wolf den Film selbst nicht mehr gelten. Das Ganze ist ein ambitioniert gescheitertes Projekt, ein ästhetischer Irrtum. Doch die politischen Entscheidungsträger haben „Leute mit Flügeln“ sowieso längst abgeschrieben. Denn der zivile Flugzeugbau in der DDR ist schneller beendet als gedacht; aus Moskau gibt es andere Weisungen. Schon im November 1961 wendet sich der „Sektor Filmabnahme und -kontrolle“ im Ministerium für Kultur an Filmminister Hans Rodenberg: „Nachdem die DDR im Zuge der Abstimmung der Produktionszweige innerhalb des sozialistischen Weltlagers die Konstruktion von Flugzeugen eingestellt hat, steht zu befürchten, dass durch diesen Film bei einem Teil der Bevölkerung der DDR und evtl. auch im Ausland negative Reaktionen bzw. Diskussionen hervorgerufen werden.“

Im Januar 1962 sperrt Rodenberg den Film fürs Inland und für den Export. Über zwanzig Jahre später, im Juni 1985, protokolliert die Hauptverwaltung Film einen zusätzlichen Grund, „Leute mit Flügeln“ nicht mehr zu zeigen: „Es wirken Darsteller mit, die die DDR verlassen haben; so in einer der Hauptrollen Hilmar Thate, weiterhin Manfred Krug.“ Für Veranstaltungen zur Würdigung Konrad Wolfs muss eine Sonderzulassung beantragt werden, sicher ist sicher.