BerlinÜber Julianne Moore könnte man viele gute Dinge sagen. Wie wandelbar sie ist, wie toll sie sich anzieht, wie feinsinnig und klug sich ihr Humor ausnimmt. Ihr enormes Spektrum als Schauspielerin zeigte sich zum Beispiel in einem der Kultfilme der späten 90er-Jahre. In „The Big Lebowski“ hat Moore einen furiosen Auftritt als feministische Künstlerin Maude Lebowski, die dem unerschütterlichen Dude, gespielt von Jeff Bridges, ebenso unerschütterlich ihre ausgefeilte Maltechnik erklärt, bei der sie nackt und pinselschwingend an einer Drahtseilkonstruktion über die Leinwand saust. Ihre Kunst, erklärt sie dem verdatterten Atelierbesucher, sei stark vaginal geprägt, was einige Männer störe.

Kann denn irgendjemand noch cooler sein als der Dude, die männliche Hauptfigur in dieser abgedrehten Gebrüder-Coen-Komödie? Oh ja: Moore spielt ihre Maude mit einer freudvollen Kaltschnäuzigkeit, verleiht ihr eine abgeklärte Strenge, da kann der Dude einpacken. Freilich erst, nachdem er mit ihr den Koitus vollzogen hat, dem Maude ein kleines Sportprogramm folgen lässt. Ob das Yoga sei, fragt der Dude, woraufhin Maude lapidar erwidert, diese Übungen erhöhten die Chance einer Empfängnis. Das lässt den Dude seinen White Russian ausspucken und den Zuschauer vor Lachen nicht mehr werden. „Worum, denkst du, geht es hier“, fragt Maude, „Spiel und Spaß?“ Sie wolle ein Kind, und bevor sich der Alt-Hippie jetzt zu sehr aufregt, dafür brauche sie natürlich keinen Partner. Für diese Rolle muss man Julianne Moore einfach lieben.

Mit Bob und scharfer Zunge: Moore als Künstlerin Maude in „The Big Lebowski“.

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Und natürlich gibt es da noch sehr viele andere. Moore, die am Donnerstag, den 3. Dezember, ihren 60. Geburtstag feiert, blickt auf eine lange Karriere zurück. Auf den großen Ruhm musste sie lange warten, aber aufgefallen war sie natürlich schon früh: Wer könnte ihre besondere Erscheinung auch vergessen? Wurde sie als Kind noch wegen ihrer roten Haare und der Sommersprossen gehänselt, so schaffte sie es später, eben dies zu ihrem Markenzeichen umzuwidmen. Den sexy Hollywood-Vamp überließ sie anderen Kolleginnen, Moores Anziehung speist sich aus einem subtileren Charme, der im Ergebnis natürlich nicht weniger sexy sein muss.

Geheimnisvoll, ambivalent, wandelbar – so könnte man Moores Aura umschreiben. Eben noch wirkt sie blass und unscheinbar, im nächsten Moment glamourös und elegant. Moore braucht den großen Auftritt nicht, kann ihn aber jederzeit absolvieren, wenn es notwendig ist. Bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2015 trug sie eine schimmernd-weiße, schulterfreie Chanel-Robe, entworfen vom Meister Karl Lagerfeld selbst. Als hätte sie geahnt, dass sie an diesem Abend auf dem roten Teppich das ganz große Besteck braucht.

Schließlich sollte es bis zu eben jenem Abend dauern, dass Moore ihren Goldjungen endlich mit nach Hause nehmen durfte, den wichtigsten Filmpreis der Welt, für den sie zuvor bereits viermal nominiert gewesen war. Die erste Oscar-Chance bot sich 1998 für „Boogie Nights“, es folgten Nominierungen für die Graham-Greene-Verfilmung „Das Ende einer Affäre“, das Melodram „Dem Himmel so fern“ und die Romanverfilmung „The Hours“, in der Moore eine Hausfrau spielt, die im Los Angeles der 50er-Jahre an ihrer bürgerlichen Idylle zerbricht. Für diesen Film nahm am Ende Nicole Kidman die Trophäe in Empfang.

Moore feierte ihren Triumph bei der Oscar-Gala zwölf Jahre später dank ihres Auftritts im Drama „Still Alice“. Als an Alzheimer erkrankte Linguistik-Professorin Alice Howland konnte Moore ihre ganze Wucht auf der Leinwand entfalten. Wie sie, anfangs für Außenstehende nur zerstreut wirkend, immer mehr hineingerät in einen Nebel der Unschärfe, wie diese starke, mitten im Leben stehende Frau zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, das zeigt Julianne Moore mit beklemmender und berührender Kraft. Gänzlich uneitel im Spiel schafft sie es, dem Film eine Tiefe zu verleihen, die im Drehbuch so gar nicht zu finden war.

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Julianne Moore und ihr Ehemann, der Regisseur Bart Freundlich, bei der Oscar-Verleihung 2015. Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder.

Dabei ist es Moores besonderes Talent, sich auf ihre Figuren mit Haut und Haar einlassen zu können. Labil, überdreht, unberechenbar, vor Schmerz vergehend – man nimmt ihr das alles ab. Vielleicht war es hilfreich für ihre Karriere, dass der Erfolg sich nicht sofort einstellte. Moore studierte Schauspiel in Boston und bekam erste Theaterengagements auf New Yorker Bühnen. Mit Seifenopern und Mini-Serien schaffte sie den Sprung auf die Leinwand, arbeitete aber immer noch nebenher als Kellnerin, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Seriösere Produktionen folgten erst, als sie jenseits der 30 war. Plötzlich drehte sie „Short Cuts“ mit Robert Altman – durch die Zusammenarbeit mit dem Regie-Altmeister, erzählte sie später, sei ihr bewusst geworden, dass sie eine richtige Filmschauspielerin werden wollte. Danach gab es kein Halten mehr: Moore drehte mit Steven Spielberg, stand mit Hugh Grant, Antonio Banderas und Anthony Hopkins vor der Kamera.

Den Durchbruch als Charakterdarstellerin brachte die Zusammenarbeit mit Paul Thomas Anderson, der sie für seinen Film „Boogie Nights“ auswählte. Die Rolle der drogensüchtigen Pornodarstellerin Amber Waves, die um das Sorgerecht für ihr Kind kämpft, katapultierte Moore in die Liga der großen Hollywood-Schauspielerinnen. Auch abseits der Leinwand wurde sie zur engagierten Kämpferin: Sie setzt sich dafür ein, die Waffengewalt in den USA zu beenden, macht sich für LGBT-Rechte stark und war auch als lautstarke Gegnerin von Donald Trump zu vernehmen. So vertonte sie unter anderem eine kritische Doku über den US-Präsidenten.

Vor vier Jahren überraschte Moore mit einem weiteren, ungeahnten Talent. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Hamburg bedankte sie sich in gebrochenem Deutsch für ihren Preis – und erzählte von ihrer Zeit als Teenagerin in Frankfurt am Main. Ihr Vater war Militärrichter, Moore wuchs auf Stützpunkten in den USA, Panama und Deutschland auf. Ihren Highschool-Abschluss machte sie 1979 an der American High School in Frankfurt. „Wir sind auch viel in Europa herumgereist. Dadurch hat sich meine Sicht auf die Welt verändert, ich nehme seitdem meinen Platz darin anders wahr“, erzählte sie der „Vogue“.

Noch vor dem Beginn der Corona-Pandemie entstand Moores jüngster Film „The Glorias“ über die amerikanische Frauenrechts-Ikone Gloria Steinem. Moore hat die heute 86 Jahre alte Feministin getroffen und sagte im Anschluss, sie sei völlig eingeschüchtert gewesen: „Sie ist so eine großartige und beeindruckende Frau und der Inbegriff einer Aktivistin.“ Diese etwas scheue Zurückhaltung ist Teil von Moores Wesen, die Schauspielerin beschreibt sich selbst als eher ängstliche und leicht beeinflussbare Person.

Aber in der Schauspielerei, da fürchtet sie sich vor gar nichts. Sie finde es faszinierend, sich mit den Spielarten des menschlichen Verhaltens auseinanderzusetzen, sagte Moore mal in einem Interview. „Wir haben immer so eingefahrene Vorstellungen von Normalität. Aber es gibt Verhaltensweisen, die du dir in deinen verrücktesten Träumen nicht ausmalst, und die möchte ich erforschen.“ Dass es oft schwermütige Frauenfiguren sind, für die sie ausgewählt wird, nimmt Moore mit sportlicher Professionalität zur Kenntnis. Sie mache wohl irgendwie eine tolle Figur, wenn es den Menschen um sie herum nicht gut gehe: „Das habe ich mal gehört. Und eben auch, dass mein Leiden beinahe die Züge einer griechischen Tragödie annähme.“

Wenn die Kamera aus ist, versichert Moore, gehe sie leichten Gemüts nach Hause. Und wer sich ihr komödiantisches Talent in Erinnerung rufen will, der muss ja nur mal wieder „The Big Lebowski“ schauen.