Anthonis van Dycks „Selbstporträt mit Sonnenblume“ hängt wieder an seinem Platz im Museum von Schloss Friedenstein. 
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GothaIm Fall der vor 41 Jahren aus dem Gothaer Schloss Friedenstein gestohlenen und jetzt wieder aufgetauchten Gemälde beginnt sich der Nebel um die Hintergründe des Verbrechens zu lichten. Als dringend tatverdächtig gilt nach Informationen der Berliner Zeitung ein ehemaliger, inzwischen verstorbener DDR-Bürger aus dem damaligen Bezirk Suhl. Für eine Verwicklung des Staatssicherheitsdienstes oder anderer DDR-Behörden haben die Ermittler nach wie vor keine Hinweise.

Über einen Blitzableiter ins Gothaer Schloss gelangt

In der Nacht zum 14. Dezember 1979 war der Einbrecher über einen Blitzableiter am Westflügel des Gothaer Schlosses geklettert und in die Räume der Gemäldesammlung Alte Meister eingedrungen. Dort nahm er die fünf wertvollsten und nicht besonders gesicherten Bilder mitsamt Rahmen an sich und seilte sie aus dem Fenster ab. Es war der größte Kunstraub der DDR-Geschichte.

Obwohl Kriminalpolizei und Stasi über Jahre hinweg eine beispiellose Fahndung durchführten und allein in Gotha mehr als 1000 Personen befragten, wurde weder vom Täter noch von der wertvollen Beute eine Spur gefunden. Möglicherweise lag es daran, dass die Ermittler sich zu sehr auf den DDR-Bezirk Erfurt konzentrierten, in dem Gotha lag. So übersahen sie eine wichtige Spur, die in den benachbarten Bezirk Suhl führte.

Mehrere Zeugen hatten nämlich davon gesprochen, in der Nacht des Raubes ein Fahrzeug vom Typ P 70 Kombi in Tatortnähe gesehen zu haben. Der einst im Zwickauer Sachsenringwerk produzierte P 70 war das Vorgängermodell des Trabant. Zwischen 1955 und 1959 waren etwas mehr als 36.000 Autos vom Typ P 70 gefertigt worden, ein kleiner Teil davon als Kombi-Version. Gut 20 Jahre später waren nur noch wenige dieser Fahrzeuge auf den DDR-Straßen unterwegs.

Der Mann aus dem Bezirk Suhl, hinter dem die Ermittler inzwischen den Gothaer Kunsträuber vermuten, fuhr einen solchen P 70. Er war als Techniker bei der Deutschen Reichsbahn angestellt und hatte mit großem Geschick Geheimverstecke in seinem Auto eingebaut. Darin transportierte er vermutlich auch die Bilder aus Gotha ab. Wären die Fahnder damals den Zeugenhinweisen auf das ungewöhnliche Auto konsequent gefolgt, hätten sie dem Täter auf die Spur kommen können, denn der Verdächtige war wegen krimineller und politischer Delikte bereits polizeibekannt. Die Stasi führte eine umfangreiche Akte über ihn, weil sich der Mann wiederholt öffentlich gegen die Politik des SED-Staates gewandt hatte.

Daneben war er aber immer wieder auch kriminell auffällig geworden, unter anderem mit Eigentumsdelikten. So hatte er einmal versucht, in einen Intershop einzubrechen. Intershops waren Geschäfte, in denen Westwaren gegen Westgeld verkauft wurden. Nach seiner Festnahme bezeichnete der Mann die Tat als politisch motiviert – er habe die Intershop-Waren auf die Straße stellen wollen, um damit gegen die schlechte Versorgungslage in der DDR zu protestieren, gab er an. Nach mehreren Verurteilungen wurde er in den späten 1980er-Jahren in die Bundesrepublik ausgebürgert. Auch dort jedoch kam er mit dem Gesetz in Konflikt, bevor er im Jahr 2014 verstarb.

2019 gingen Bilder nach Gotha zurück - Ermittlungen gegen Familie

Noch unklar ist, ob der mutmaßliche Täter den Diebstahl in Gotha allein durchführte oder Komplizen hatte. Auch ist nicht geklärt, wie er in Kontakt mit dem westdeutschen Ehepaar aus dem Großraum Frankfurt am Main gelangte, das ihm die geraubten Bilder abkaufte und in den Westen schmuggelte. Die Übergabe der Bilder erfolgte 1982/83 am Rande der Transitstrecke.

Die Eheleute, die vier Kinder hatten, waren keine typischen Kunstsammler. Sie hatten die Bilder offenbar als Wertanlage erworben, wussten allerdings auch um deren kriminelle Herkunft. Nachdem die Mutter vor einigen Jahren gestorben war, enthüllte der Vater seinen Kindern das Geheimnis der Bilder und bat darum, sie an Gotha zurückzugeben. Nach dem Tod des Vaters 2018 schalteten die Kinder dazu einen Rechtsanwalt ein. Allerdings verlangte der Anwalt bei seinen Gesprächen mit dem Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch im Namen der Familie rund fünf Millionen Euro als Gegenleistung für die Rückgabe des Raubgutes.

Nachdem sich das Berliner Landeskriminalamt heimlich eingeschaltet hatte, konnten die Bilder Ende September 2019 gesichert und im vergangenen Monat ohne finanzielle Gegenleistung an das Gothaer Schloss zurückgegeben werden. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt jedoch noch wegen des Verdachts der Erpressung gegen die Familie und ihren Anwalt. Der Diebstahl der Gemälde hingegen ist bereits verjährt.