Baran Rasoulof mit dem Goldenen Bären für ihren Vater, den Regisseur Mohammad Rasoulof.
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Berlin - Manchmal ist es dann doch ganz einfach. Die Letzten werden die Ersten sein. Als letzter Film war der iranische Beitrag „There Is No Evil“ am Freitagabend ins Rennen um den Goldenen Bären gegangen. Nur 24 Stunden später hat er ihn gewonnen. In den Händen halten durfte ihn zunächst Baran Rasoulof, die in Hamburg lebende Tochter des Regisseur Mohammad Rasoulof, der sein Heimatland nicht verlassen darf und diesen Film unter schwierigsten Umständen im Iran realisiert hat.

Mit der Auszeichnung für diesen gleichermaßen politischen wie poetischen Film bleibt das Festival auch unter neuer Leitung seiner Tradition treu, dem engagierten Weltkino Anerkennung zu zollen. Wobei den Preis natürlich die Internationale Jury vergibt, die in diesem Jahr von dem britischen Schauspieler Jeremy Irons geleitet wurde. Ausgezeichnet werde „ein Film, der Fragen stellt über unsere Entscheidungen und unsere Verantwortung in der Welt“, sagte Irons in seiner Begründung der Entscheidung.

„There Is No Evil“ (Es gibt kein Böses) erzählt in vier Episoden und aus vier Perspektiven von den verheerenden Folgen, die die Todesstrafe im Iran nicht nur auf die Familien und Freunde der Exekutierten hat, sondern auch auf diejenigen, die sie vollstrecken. Er führt einen moralischen Diskurs über Schuld und Verstrickung und findet für sein Thema oft berückende Bilder. Dieser Film ist ein verdienter und würdiger Preisträger, auf den am Ende dann doch viele gewettet hatten. Im Namen des Regisseurs bedankte sich dessen Produzent Farzad Pak für den Bären-Preis und nutzte die Gelegenheit zu einer bewegenden Rede auf seine unter Zensur und Repression ächzende Heimat. 

Der Bär für Paula Beer

Auch die Verteilung der weiteren Preise ging soweit in Ordnung, nur dass Kelly Reichardts originelle Westerngeschichte„First Cow“ gar nichts gewann, ist unverständlich. Die US-amerikanische Regisseurin Eliza Hittman bekam einen Silbernen Bären als Großen Preis der Jury für ihr Teenagerdrama „Never Rarely Sometimes Always“ um ein 17-jähriges Mädchen, das sich für eine Abtreibung entscheidet. Bester Regisseur wurde der Koreaner Hong Sangsoo, ein Stammgast des Festivals, mit seiner fein gesponnenen Konverationstudie „The Woman Who Ran“.

Große Freude besonders beim deutschen Publikum löste der Silberne Bär für Paula Beer als „Undine“ in dem gleichnamigen Film von Christian Petzold aus. In ihrem Dankeswort verbeugte sie sich vor ihrem Filmpartner Franz Rogowski, mit dem sie bereits vor zwei Jahren in Petzolds „Transit“ bei der Berlinale aufgetreten war. Damals gingen beide leer aus, nun hat es zumindest für sie geklappt. Der Italiener Elio Germano erhielt den Preis als bester Darsteller. Im Film „Hidden Away“ spielt er den persönlichkeitsgestörten Maler Antonio Ligabue, eine dankbare Rolle für einen Schauspieler.

Paula Beer bekam einen Silbernen Bären als beste Darstellerin.
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Unumstrittener Preis für umstrittenes Projekt

Der Preis für eine hervorragende künstlerische Leistung ging hoch verdient an den deutschen Kameramann Jürgen Jürges, der sein Können einem Film schenkte, der nicht nur die Jury spaltete, wie Jeremy Irons erklärte, sondern auch das Publikum. Das Folterkammerspiel „DAU.Natasha“ des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky wirkte in seinem zynischen Provokantismus so sinnlos kalkuliert, dass es nicht einmal für einen kleinen Skandal gereicht hat. Für viele ein Ärgernis, für manche eine Attraktion. 

Als Sonderpreis wurde in diesem Jahr der Silberne Bär der 70. Berlinale ausgelobt. Er ging an die französische Komödie „Effacer L'Historique“ (Delete History“). Die Auszeichnung ersetzte den Alfred-Bauer-Preis, der wegen der kurz vor Festivalbeginn publik gewordenen Nazi-Vergangenheit seines Namenspatrons künftig nicht mehr vergeben wird.

Unglückliche Entscheidung vor Beginn

Die Enthüllungen um den Berlinale-Gründer sorgten dafür, dass Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als neues Leitungsduo des Festivals zunächst einmal Krisenmanagement betreiben mussten und sich die Jubiläumsstimmung allgemein in Grenzen hielt. Zudem hatte das neue Direktorium schon Wochen vor Beginn der 70. Berlinale mit einer unglücklichen Entscheidung für Unruhe gesorgt. Die Berufung von Jeremy Irons zum Jurypräsidenten führte dazu, dass sich der britische Schauspieler in der traditionellen Pressekonferenz am Starttag des Festivals zunächst einmal zu frauenfeindlichen und homophoben Äußerungen erklären musste, mit denen er sich eigentlich für eine solche Aufgabe diskreditiert hatte. Handelte es sich dabei ja nicht etwa um lange zurück liegende Verbalismen, sondern um Auffassungen eines lebenserfahrenen Künstlers. Wer noch vor zwei Jahren Abtreibung als Sünde bezeichnet hat, besitzt nicht unbedingt die persönliche Integrität, um über die Geschichte einer Teenagerschwangerschaft zu urteilen. Der Präsident hat sich vor den Journalisten entschuldigt. Akzeptiert.

Nicht akzeptabel war indes die instinktlose Eröffnungsgala am Abend der Anschläge von Hanau. Statt mit einer selbstverliebten Clownerie des Conferenciers Samuel Finzi ins Festival einzusteigen, wäre es angemessen gewesen, den einstudierten Ablauf beiseitezulassen und sich erst einmal klarzumachen, an was für einem Tag man sich hier zur Feier der Berlinale versammelt hat. Der belanglose Eröffnungsfilm fiel nach diesem Entree kaum noch ins Gewicht, wenngleich man sich als Statement der neuen Leitung einen etwas originelleren Zugriff gewünscht hätte.

Auffällig in diesem Jahr, dass es oft sehr kleine und kleinste Geschichten waren, die die besten Filme im Wettbewerb ausmachten. Zwei Männer, die in „Rizi“ ihre Einsamkeit teilen. Eine Frau und ihre zwei Freundinnen in „The Woman Who Ran“. Zwei Männer, die die neue Welt endecken, in „First Cow“. Zwei Cousinen in „Never Rarely Sometimes Always“. Dieter Kosslick hatte im vergangenen Jahr den Slogan „Das Private ist politisch“ vorgegeben und wurde dafür ausgelacht. In diesem Jahr lachte  niemand. Viele Filme boten genau das, Miniaturen der Wirklichkeit, ziseliert bis ins Detail. Ein Film, der Großes wagte, ging hingegen leer aus. Burhan Qurbanis Döblin-Adaption „Berlin Alexanderplatz“ konnte die  Jury nicht beeindrucken.

Kino in Zeiten der Verunsicherung

Insgesamt gsehen machte der Wettbewerb einen gemischten Eindruck. Beifang gibt es immer, früher wurde die Konkurrenz oft mit mäßigen Hollywood-Produktionen aufgefüllt, um ein paar Bekannte auf den roten Teppich zu bugsieren, nun sind es mäßige Arthouse-Filme ohne Glamourfaktor. So ganz an dem in Jahrzehnten geprägten Image vorbei wird sich das Festival künftig nicht programmieren lassen. Die Berlinale ist ja kein Filmklub, sondern eine Massenveranstaltung, die auch dem Laufpublikum etwas zu bieten haben muss.

Die erste Berlinale für Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek verlief nicht gerade unbeschwert. Coronavirus, Idlib, Dehli, Lesbos – täglich neue Katastrophen auf dem Weg zum Filmpalast und wenn das Licht wieder anging, wurde es nicht besser, weil auf dem Handy schon die nächste schlechte Nachricht aufploppte. Was kann das Kino in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung bieten? Erlösung ebenso wenig wie Therapie. Im besten Fall Stoff zum Gespräch, über den Film, das Leben und die Kunst, aber gerade an Filmen, über die man spricht, mangelte es in diesem Jahr. Leidenschaft und Begeisterung war selten zu spüren, nicht mal begeisterte Ablehnung, eher ein freundliches Gutfindenwollen. Schließlich hatte man viel Hoffnung in die Neubesetzung der Festivalleitung gesetzt. Wo die einen eine kuratorische Handschrift erkennen wollten, zuckten andere mit den Schultern. Neue Perspektiven für die Relevanz eines Filmfestivals in Zeiten der medialen Modernisierung blieb diese Berlinale noch schuldig.