Jetzt ist auch das Hamburger Schauspielhaus angeschlossen an das U-Bahn-Netz von Regisseur Frank Castorf und seinem Bühnenbildner Aleksandar Denic. Ihre Truppe kann nun direkt von der Pariser Metrostation Stalingrad („Faust“, vormals Volksbühne, im Mai beim Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele) durch die Kanalisation („Les Miserables“, Berliner Ensemble) zu einem New Yorker Subwaystop fahren, zugleich durch die Zeit reisen und in den 1920er Jahren aussteigen. Leuchtende Billboards werben für Trash-Filme und Zigaretten. Es gibt einen Zeitungskiosk, undefinierte Verschläge mit Bierzapfanlage, und hinter der Tapete lauert Haiti.

Demnächst wird es auch Castorf-U-Bahn-Anschlüsse mit Dschungel-Direktverbindung in München, Salzburg und Köln geben. Der ehemalige Volksbühnenintendant ist viel unterwegs, und es tut seiner Kunst gut. Von einer Flaute ist nach der Abschiedsschlacht an der Volksbühne nichts zu merken.

In den Armen des Gorillas

Verkehrstechnisch kommt bei dem nicht einmal fünfeinhalbstündigen Hamburger Eugene-O’Neill-Abend „Der haarige Affe“ noch hinzu, dass wir per Schiff reisen können und die Subway-Treppe nebenbei auch in den Maschinenraum eines Dampfers führt, wo der bullige Yank (Charly Hübner) und seine Männer die Kessel mit Kohle füttern. Dort unten wird ihm die Industriellentochter Mildred Douglas (Lilith Stangenberg) begegnen, seinen Proletarierstolz brechen, dass er sich schließlich in die tödliche Umarmung eines Zoo-Gorillas wirft.

Bevor die Entwicklungen von „Der haarige Affe“ (1923) aber Fahrt aufnehmen – und das dauerte bei der Premiere am Sonnabend ungefähr anderthalb saure Stunden – müssen noch zwei weitere O’Neill-Stücke aufs Gleis: „Kaiser Jones“ (1920) über den Gauner Brutus Jones (Marc Hosemann), der sich im Dschungel zum Kaiser erklärt, sein Volk ausnimmt und nun vor dessen zornigen Geistern durch den dunklen Wald in den Tod flieht; und „Der große Gott Brown“ (1925), in dem der Künstler Dion Anthony (Paul Behren) seine Seele an den Geschäftsmann Brown (Daniel Zillmann) verkauft und stirbt, wonach Brown dessen Maske, Ruhm und Frau (Anne Müller) übernimmt.

Text aus Schaufeln

Zur lyrischen und philosophischen Unterfütterung dienen Arthur Rimbauds „Das trunkene Schiff“ (1871), womit Castorf vor 30 Jahren an der Volksbühne debütierte, und Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844/45), worin der Anarchist alle so genannten höheren Werte verwirft und einen reinen Egoismus predigt. Das ist alles zwingend, aber auch viel Stoff. Da heißt es erst einmal saufen, krakeelen und schwitzen unter Deck im Kohlestaub. Raus mit dem Text, Text, Text. Im Halbdunkel gebrabbelt, in den Ofen gebrüllt, in die Schnapsflaschen gesungen, in die dicken Kajütenteppiche geweint. Auch auf Französisch, Englisch und Portugiesisch.

Man darf als Zuschauer bloß nicht die Ruhe verlieren. Bald nämlich – es schadet nicht, wenn man die Texte kennt – erwachen die O’Neillschen Figuren und beginnen nicht nur ihr eigenes Leben zu führen, sondern sich über die Stückgrenzen hinweg auch mit den anderen in Beziehung zu setzen. In Brutus’ Flucht durch den Wahn begegnet er dem selbstverlorenen Yank und seiner Hassliebe Mildred, die Demaskierung des Gaunerkaisers spiegelt das enthüllende Entsetzen von Anthony und Brown. Und so weiter. Lauter Identitätskatastrophen, die die expressiven Figuren bersten und Einsamkeit, Nacktheit, Leere und Wahrheit übrig lassen.

Wachsendes Castorf-Ensemble 

Aber vorher wird gespielt. Wie schon im BE, finden die Castorf-Gäste und die Ensemble-Mitglieder des Hauses großartig ins Glück und in den Exzess des gemeinsamen Spiels. Dass jemand wie Charly Hübner zum ersten Mal bei Castorf spielt, ist kaum zu glauben. Er erweitert die Riege der großleibigen, zartherzigen Wuchtmänner Josef Ostendorf und Daniel Zillmann und findet sowohl in der feen- und hexenhaften Lilith Stangenberg und in dem kraftstrotzenden Marc Hosemann seine seelischen Widerparts.

Die dunkle Stimme und der goldschwere Akzent von Abdoul Kader Traoré hauchen der Hysterie des Spiels einen warmen gefährlichen Atem ein. Die spielhungrige Thelma Buabeng ist kurz vor der Premiere leider erkrankt, ihre Rollen übernahm nach nur einer Probe mit unbegreiflicher Kühnheit und Sicherheit Kathrin Angerer, als sei sie in diese Inszenierung geboren – und das ist sie ja gewissermaßen auch, weil Castorfs Arbeiten ineinanderfließen und eine schreckensreiche und lebenssatte Parallelwelt bilden.

Attacke ohne Schützengraben

Auf diese guerillahafte Weise, mit der das nun heimatlose, verstreute, fahrende Castorf-Ensemble an den Häusern andockt und neue Kräfte bindet, wächst es und breitet sich aus, infiziert das deutsche Theater mehr als einst. Durch die imaginären Tunnel der Abwasserkanäle, U-Bahn-Schächte und Schiffsbäuche, mit denen Castorf den subventionierten Theaterbetrieb untergräbt, greift seine Partisanenstrategie womöglich so richtig erst jetzt, da er sich nicht mehr in den Schützengraben Volksbühne zurückziehen kann.

Nun muss sich nur noch – Achtung, Hauptstadtkritikerschlusswort! – das Publikum außerhalb Berlins bewähren. In Hamburg seufzte es viel, fand ins verzweifelte Gelächter und jubelte dann, als hätte es ein Meer durchschwommen. Dabei war schon eine Viertelstunde vor Mitternacht Schluss.