Der dritte und letzte Teil von Peter Jacksons „The Hobbit“ hat bei der Premiere angeblich auch verzweifelte Reaktionen hervorgerufen. Sie galten allerdings nicht der Verfilmung, sondern dem Umstand, dass es von nun an keine neuen Bilder aus Mittelerde mehr geben wird. Acht Stunden und eine halbe dauert Jacksons Trilogie, länger fast als man zum Lesen der knapp 400 „Hobbit“-Seiten von J. R. R. Tolkien braucht. Aber vielleicht wird man das Buch auch nicht mehr lesen wollen, nicht mehr lesen können, jetzt, wo alles in leuchtenden Farben, 3 D und 48 Bildern pro Sekunde vorliegt. Die Lektüre des Buches, an sich überaus unterhaltend, wird jetzt zur Bildungsanstrengung. Eigene Bilder wird man nicht mehr entwickeln können, dank Jackson wissen wir jetzt, wie Bilbo Beutlin und wie Hobbit-Füße aussehen, wie ein Ork spricht, wie Erebor aussieht und wie die Seestadt und wie Gandalfs Zaubereien. Aussehen, Aussehen, Aussehen.

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Peter Jackson, warum es keine weitere Tolkien-Verfilmung geben wird:

Dass es Unterschiede gibt zwischen Buch und Film, das muss der Tolkien-Gemeinde nicht auseinandergelegt werden, schon gar nicht von jemandem wie dem Autor, der zu dieser Gemeinde nicht gehört. Es handelt sich bei diesen Unterschieden um dramaturgische Zugeständnisse, die ein Film einem Buch gegenüber wohl machen muss. So erfanden Jackson und seine Drehbuchautoren – unter ihnen Guillermo del Toro, der eigentlich auch inszenieren sollte – ein junge Elbin, die sich in einen der Zwerge verliebt.

Die Hauptsache aber an dieser „Hobbit“-Verfilmung ist, wie mit dem Zaunpfahl angedeutet, die visuelle Definition der Mythenwelt. An ihr überrascht nichts, überwältigt alles. Zwerge, Drachen, Orks, Bürgermeister, Gebirge, Burgen, Städte, Schätze – alles sieht genauso aus, wie es der kulturgeschichtliche Bilderschatz nahelegt – von Fritz Langs „Metropolis“ bis hin zu Albrecht Altdorfers „Alexanderschlacht“, deren detailliert ausgerichtetes Speerwirrwarr das Vorbild für die entsprechenden Szenen des Films gewesen sein könnte. Der Mangel an Originalität ist die Kehrseite der Verbindlichkeit. Wenn man den Zwerg spontan als solchen erkennen soll, verbieten sich geistreiche Interpretationen des Zwergenwesens. Warum sollte man jedoch Jackson die Bilderklitterei vorwerfen, wo Tolkien in seinen Büchern nicht weniger Mythenklitterei betreibt.

Jackson inszeniert sein Personal, seine Schauplätze und Handlungen so typisch wie möglich. In einem Kriegsfilm, als der dieser letzte Teil bereits durch den Titel „Die Schlacht der fünf Heere“ angekündigt ist, heißt das: Verdammt viele Männer blicken verdammt entschlossen über die Kamera hinweg. Das wird erst eintönig, später auch unfreiwillig komisch. In diesem Zusammenhang wird ein kleiner hässlicher Mann zum geheimen Helden: Alfrid, einst rechte Hand des Bürgermeisters der Seestadt. Der intrigante Typ ist auf dem Feld ein Feigling ersten Ranges und wirft sich sogar Frauenkleidung um, damit er nicht an die Front geschickt wird. Es ist ein netter Zug des Drehbuchs, dass dieser Kerl eben nicht für seine Niederträchtigkeit bestraft und vom erstbesten Ork niedergetrampelt wird, sondern entkommt – nicht mit großen Ehren, aber mit einem künstlichen Busen voller Geld.

Jacksons Hauptinteresse liegt bei den Kriegsszenen. Schon der Angriff des Drachen Smaug auf die Seestadt ist ein Filetstück der Effektinszenierung. Ohne Bomben, aber mit flammendem Husten veranstaltet er eine Neuauflage von Dresden 1945. Allerdings sieht man diesem Feuersturm auch sehr distanziert zu. Denn was Jackson in die Bilder an kreativem Furor steckt, spart er bei den Figuren ein. Sie sind nur bessere Kostümträger, die im richtigen Moment einen von drei oder vier archetypischen Gesichtsausdrücken abrufen müssen. Gerade noch, dass man den Tod von Kili ein bisschen bedauert, des Zwergs, der mit der erfundenen Elbin Tauriel eine erfundene Liebesgeschichte anfängt.

Das macht nachdenklich: Was bewegt, was zuweilen mitreißt an Kampfszenen, stammt gar nicht von Tolkien, sondern verdankt sich dem Ausmalen von Leerstellen, die das Buch lässt, weil sich Action nun einmal schlechter erzählen als zeigen lässt. Einerseits treuherziges Illustrieren, andererseits weitgehendes Desinteresse, statt schematischer Nebenhandlungen die Substanz des Buches selbst zur dramatischen Wirkung zu bringen – das ist der Zwiespalt, in dem sich Jacksons überlange Verfilmung des „Hobbits“ befindet.

Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere (The Hobbit: The Battle of the Five Armies), Neuseeland, Großbritannien, USA 2014. Regie: Peter Jackson, Buch: Fran Walsh, Guillermo del Toro u.a., Kamera: Andrew Lesnie, Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Orlando Bloom, Evangeline Lilly u.a., 144 Minuten, Farbe, 3D, 48 fps, ab 12