Der skandinavische Krimi gilt seit geraumer Zeit als Garant für gute Unterhaltung. Und für hohe Verkaufszahlen: Bekanntere Autoren wie Henning Mankell und Stieg Larsson verbuchen mit ihren Büchern Millionenauflagen. Ein Grund für die Beliebtheit dieses Genres in Deutschland mag unter anderem darin liegen, dass wir uns von der – angeblichen – Ikea-gemütlichen Betulichkeit der Skandinavier nur zu gern täuschen lassen, und zwar, um dann noch erschrockener in die Abgründe aus Mord und Totschlag zu blicken. Ja, ist das denn möglich? Die sind doch eigentlich so nett!

Mag sein, aber halt nicht immer. Das müssen wir auch nach der Lektüre von „Der Hypnotiseur“ (Bastei Lübbe 2010) erkennen, geschrieben von Lars Kepler, ein Pseudonym, hinter dem sich das schwedische Ehepaar Alexandra Coelh und Alexander Ahndoril verbirgt. Es ist ihre erste gemeinsam verfasste Geschichte, in der sie – wie um zu beweisen, dass eine solche Zusammenarbeit ganz besondere Kräfte freisetzt – alle Register ziehen und der kommoden Wohlfahrtsidylle Schwedens einige dicke Schrammen verpassen. In ihrem Heimatland kam das an, das Buch war auch international ein Erfolg.

Regisseur gescheitert

Warum also nicht einen Film daraus machen? Einen, der sich sogar einigermaßen an die Buchvorlage hält? So mag es sich der Regisseur Lasse Hallström gedacht haben – und ist krachend gescheitert. Wie konnte das passieren? Antwort: Es war einfach zu viel. In der Reihenfolge ihres Auftretens behandelt Hallström die folgenden Themen: Mehrfacher Mord, übersinnliche Fähigkeiten, Arbeitsüberlastung am Rande des Burnouts, soziale Verwahrlosung, massive Eheprobleme, freilaufende Psychopathen, eine geglückte Kindesentführung, eine missglückte Adoption, Kritik am psychiatrischen System ...

Und das war noch lange nicht alles. Wir verstehen, dass Schweden uns als einziger Alptraum erscheinen soll. In Ordnung. Aber das Drehbuch, das eine solche thematische Vielfalt in eine zweistündige Filmfassung zwängt – und zwar so, dass sich dem Zuschauer eine plausible Handlung erschließt –, muss noch erfunden werden. Der Plot geht ungefähr so: Der Kriminalkommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) eilt durchs winterliche Stockholm und lernt mit Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt) einen beeindruckend schlafgestörten Hypnotiseur kennen, der ihm dabei helfen soll, den Mörder zu finden.

Sehr schnell entsteht ein dichtes Geflecht von Handlungssträngen – so dicht, dass auch nur ein Motiv etwas eingehender zu verfolgen, etwa die prekäre Ehe des Hypnotiseurs, kaum mehr gelingt. Und als dann auch noch Barks Kind entführt wird und diese Entführung wiederum aufs Engste mit dem eigentlichen Mordfall verbunden ist, hastet und stolpert der Film ins unfreiwillig Komische hinein (und zum Schluss ins vollends Alberne). Da wünscht man sich die eindringliche Ruhe vom Anfang zurück: Eine endlose Kamerafahrt übers abendliche, nebelverhangene, klirrend kalte Stockholm mit seinen rauchenden Schloten – eine Brache, ein Moloch. Hallström hätte viel mehr auf solche starken Bilder vertrauen sollen.

Der Hypnotiseur Schweden 2012. Regie: Lasse Hallström, Kamera: Mattias Montero, Darsteller: Mikael Persbrandt, Lena Olin u. a.; 122 Minuten, FSK ab 16.