Die vier Mitglieder der britischen Pop-Rock-Band wollen auf eine Tournee verzichten.
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BerlinSchon Jahre vor ihrer Trennung gaben die Beatles keine Konzerte mehr, wegen des Dauer-Tohuwabohus. Metallica haben jüngst alle Auftritte abgesagt, weil ihr Frontmann erneut der Spirituose verfallen ist. Dieter Bohlen braucht Zeit für die Familie und storniert seine fürs kommende Jahr angedrohte „Mega“-Tournee. Selbst geborene Rampensäue hatten schon gute Gründe, ihren Beruf nicht auf der Bühne auszuüben. Doch nie war ein Grund besser als der von Coldplay: Die britische Schmusemusikformation tingelt nicht mehr um den Globus, um das Klima zu schonen.

Es geht dabei weniger um akustische Atmosphärenökologie. Ganz so schlimm waren die letzten zwei, drei, fünf Coldplay-Alben ja nun auch wieder nicht. Nein, die Künstler wollen überlegen, wie sich ihre Shows kohlendioxidneutral abwickeln lassen. Diese Denkpause könnte angeblich Jahre dauern. Ich hatte bereits nach fünf Minuten eine Idee: Zuletzt war die Combo mit 109 Crewmitgliedern, 32 Lastwagen und neun Busfahrern unterwegs. Es soll schon Ensembles gegeben haben, die ihr Publikum mit weniger Lametta enthusiasmierten. Dabei muss man nicht gleich an die nachhaltig fahrenden Spielleute des Mittelalters denken und an ihre biologisch abbaubaren Drehleiern, Hackbretter und Sackpfeifen – so wie der frischauf höhnende Coldplay-Kollege Sting: „Vielleicht gehe ich diesmal mit einem Esel auf Tour, reite auf ihm von Stadt zu Stadt, hahaha.“

Heimlicher Privatjetausflug

Bei der Gelegenheit offenbarte sich mir wieder einmal mein destruktives Selbst. Viele Anhänger der Band bejubeln deren Klimanotstandserklärung in aller Unschuld, obwohl sie ihnen doch Askese abverlangt. Mir dagegen fiel nichts anderes ein, als hinterlistig die Begriffe „Coldplay“ und „Privatflugzeug“ zu googeln. Mein unchristliches Menschenbild wehrt sich gegen dekorativen Glaubenseifer. Schon als sich Grünen-Politiker und Klima-Aktivisten scharenweise als Flugmeilensammler entpuppten, stieg in mir so eine fiese Genugtuung auf: Siehste! Die größten Kritiker der Elche sind selber welche.

Deshalb, noch führt der Teufel mir die Feder, hier Google-Fundstelle eins: Mitte Juli meldete das „Luxemburger Wort“, Coldplay-Sänger Chris Martin sei auf dem örtlichen Flughafen einem Privatjet entstiegen, habe ein Rammstein-Konzert besucht und sei tags darauf dem Großherzogtum wieder entflogen. Anfang August, Fundstelle zwei, spielten Coldplay für die Teilnehmer des Multimillionärsgipfels Google Camp auf Sizilien. Die Zuhörer sollen mit mehr als 100 Privatflugzeugen angereist und per Hubschrauber oder Maserati-SUV zum Luxusressort transferiert worden sein. Einige kamen auch auf Hochseejachten. Thema des Treffens war der Klimaschutz.

Aber ich will meine niederen Affekte dämpfen. Lenin schrieb 1905: „Man kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein.“ Es ist viel verlangt, sich aus dem Joch der Umstände zu befreien. Das gilt auch für den interkontinentalen Jetset. Einerseits wirkt Bigotterie unsexy. Aber sind nicht Leute, die ihr Ding gnadenlos gegen sich und andere durchziehen, noch suspekter? So wie dieser irre Gründer der Endzeitsekte Extinction Rebellion? Außerdem ist es ja auch keine schöne Vorstellung, Greta Thunberg könnte sich nur deshalb auf Segelbooten übers Meer quälen, weil sie glaubt, meinesgleichen etwas beweisen zu müssen.