Tilman Jens (1954–2020).
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TübingenIn seinen Porträts, Reportagen und Berichten, die vor allem in Kulturmagazinen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erschienen, fühlte Tilman Jens sich der gesellschaftlichen Aufklärung verpflichtet. Fast immer ging es ihm dabei um Entlarvung, selten einmal um einfühlsame Beschreibung. Viele seiner Beiträge drängten auf eine These zu, mit bloßer Anschauung gab er sich nicht zufrieden.

Für den Autor und Journalisten Tilman Jens war es nahezu unmöglich, in seinem Beruf nicht immer wieder auch mit den eigenen Eltern konfrontiert zu werden. Inge und Walter Jens waren Ikonen der Friedensbewegung der 80er-Jahre, und der nicht selten belehrende Gestus des Tübinger Rhetorikprofessors Walter Jens dürfte eine prägende Wirkung gehabt haben. Schon möglich, dass Tilman Jens deshalb in den Fernsehjournalismus strebte, eine Disziplin, die vom Vater nicht besetzt war. Darin aber strebte er schnell zu Aufsehen erregenden Ergebnissen und berührte dabei wiederholt die Grenzen der beruflichen Ethik. Kurz nach dem Tod des Schriftstellers Uwe Johnson im Jahre 1984 brach Tilman Jens in die Wohnung des Verstorbenen ein und verschaffte sich für eine Veröffentlichung in dem Magazin „Stern“ Zugang zu privaten Notizen Johnsons. Die Reportage erschien, aber als die Umstände ihrer Entstehung bekannt wurden, entließ das Blatt den damals 30 Jahre alten Journalisten.

In den 90er-Jahren beschuldigte Tilman Jens in einem Bericht für den WDR-„Kulturspiegel“ den Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki, während seiner Zeit als Vizekonsul in London für den polnischen Geheimdienst regimekritische Exilpolen unter falschen Vorwänden „in ihre Heimat zurückgelockt“ zu haben. Reich-Ranicki widersprach und erhielt später auch von Historikern Unterstützung für die Richtigkeit seiner Darstellungen. Pikant war die Affäre nicht zuletzt wegen der engen Freundschaft zwischen Reich-Ranicki und Walter Jens.

In zwei Fällen entschied sich Tilman Jens dafür, sein Privatleben zum Gegenstand seiner Autorschaft zu machen. Zusammen mit seiner Mutter Inge Jens machte er 2008 die Demenzerkrankung seines Vaters publik, was ihm umgehend den Vorwurf des symbolischen Vatermords einbrachte. Tatsächlich aber war es das Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“, das maßgeblich dazu beitrug, den bis dahin weitgehend unbekannten sozialen Folgen der Krankheit Aufmerksamkeit zu verschaffen. Auch hier jedoch versäumte Tilman Jens es nicht, seine Wahrnehmung mit der These zuzuspitzen, sein Vater habe sich aus Scham vor seiner erst spät bekannt gewordenen Mitgliedschaft in der NSDAP in die Krankheit geflüchtet.

Als 2010 die Missbrauchsaffäre an der Odenwaldschule bekannt wurde, gehörte Jens bald ebenfalls zu den Berichterstattern über die umstrittene Erziehungseinrichtung, deren Schüler er gewesen war. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Tilman Jens vor wenigen Tagen im Alter von 65 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Tübingen gestorben.