Potsdam - Es riecht nach lange nicht gelüftet. Die hölzernen Läden an den Fenstern sind geschlossen. Das Sonnenlicht könnte dem Mobiliar schaden. Nur durch die Ritzen dringt ein bisschen Helligkeit. Im Dämmerlicht schimmert wilhelminische Pracht.

Potsdam, Neues Palais, die Privatgemächer des Prinzen Heinrich. Feinste bemalte Stofftapete an der Wand, Kristallleuchter, Marmorkamin, schwere Vorhänge über dem goldbemalten Bett. Dieser Trakt im Neuen Palais, in dem der jüngere Bruder von Kaiser Wilhelm II. lebte, ist für die Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich. Zu empfindlich alles.

Christoph Röhl durfte heute hinein. Auch er nur ausnahmsweise, natürlich. Jetzt steht er im Raum und hebt die Hände. „Seit 100 Jahren hat sich hier nichts geändert“, sagt er. Soll heißen: Das hier ist authentisch. Was ihm wichtig ist. Sehr wichtig. Er ist Historiker. Und er ist Regisseur.

Unter anderem hier, in diesen Räumen, hat Christoph Röhl seinen Film zum 100. Jahrestag der Abdankung des letzten deutschen Kaisers gedreht. Möglichst authentisch wollte er die Geschichte erzählen. Und nicht bloß, wie sie in den Geschichtsbüchern steht. „Fakten sind vielleicht wahr“, sagt er, „aber sie sind nicht deswegen wahrhaftig. Dafür müssen sie in Zusammenhänge gebracht, in Geschichten eingebettet werden.“

„Kaisersturz“ heißt der Film, in dem es um die letzten Wochen von Wilhelm II. geht; 90 Minuten ist er lang, am Mittwoch wird er im ZDF zu sehen sein, um 20.15 Uhr, zur besten Sendezeit. Es ist ein Vorzeigeprojekt. Und ein Experiment, im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Denkens zumindest.

Grundlage des Films ist ein Exposé des Bremer Historikers und Kaiser-Experten Lothar Machtan gewesen, daraus ist inzwischen das Buch „Kaisersturz“ geworden. Machtan hatte schon öfter mit dem ZDF zusammengearbeitet. Neu war für ihn, dass er am Drehbuch mitschreiben durfte. Machtan, sein Co-Autor Dirk Kämper und der Regisseur Röhl sind sich schnell einig gewesen, dass die Ereignisse nicht bloß dokumentiert werden. Es seien einfach zu viele Emotionen im Spiel gewesen, sagt Machtan.

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Christoph Röhl im Flur der Wohnung von Prinz Heinrich, Bruder von Kaiser Wilhelm II.

Briefe von Vicky

Er war es, der Christoph Röhl ins Spiel gebracht hat, den deutsch-britischen Filmemacher. Röhls Mutter ist Deutsche, er spricht perfekt Deutsch mit einem wunderbaren britischen Akzent. Beim Gang durchs Neue Palais erzählt er von den Dreharbeiten. „Hier im Grottensaal haben wir die Geburtstagsfeier der Kaiserin gedreht. Wir durften kein Wasser in die Gläser füllen, wegen des empfindlichen Marmorbodens.“

Für den Fotografen darf er den Touristenteppich verlassen und auf den Marmor treten. Er baut sich vor dem Fenster auf, groß, schlank, Brille, Locken. Professionell posiert er, folgt den Anweisungen. Er trägt legeres Hemd, bequeme Hose .„Ich habe auch ein T-Shirt dabei“, sagt er. Falls es andere Bilder geben soll. Promotion gehört zum Geschäft. Er redet schnell, ist dabei sehr freundlich, hört zu, achtet aber zugleich sehr darauf, dass klar verstanden wird, was er mit dem Film „Kaisersturz“ will.

Christoph Röhl hat sich schon als Kind und Jugendlicher mit dem Kaiser beschäftigt – mehr oder weniger freiwillig. Röhl ist der Sohn des deutsch-britischen Historikers John C. G. Röhl, und der ist einer der bekanntesten und angesehensten Wilhelm-Experten. Sein Opus Magnum ist eine dreibändige Kaiserbiografie mit mehr als 4000 Seiten.

Am ersten Band hat Christoph Röhl sogar mitgearbeitet. „Ich habe mit meinem Vater im Archiv gesessen und Vicky-Briefe gelesen.“ Kronprinzessin Victoria war Wilhelms Mutter und die Tochter der englischen Königin Victoria. Fast täglich schrieb sie ihr nach London. Emotional näher als in Briefen kann man einem Menschen wohl nicht kommen. 16, 17 Jahre alt war Röhl damals.

Er studierte dann selbst Geschichte (und Germanistik), mit Kaiserreich und Weimarer Republik als Schwerpunkte. Die Universität in Manchester hätte ihn gerne behalten. Aber er ging zum Studium nach Berlin an die Deutsche Film- und Fernsehakademie, gründete später eine Filmhochschule in London. Als ihm die Lehr- und Verwaltungsarbeit zu viel wurde, gab er den Job auf und zog vor zehn Jahren mit seiner Familie wieder nach Berlin. Er wollte wieder Filme machen.

Über den Film „Kaisersturz“ habe er übrigens mit seinem Vater nur einmal gesprochen, erzählt er. „Er hat sich später beschwert, ich hätte ihn nur gefragt, welche Augenfarbe der Kaiser hatte.“

Sein Kaiserwissen war aber nicht der Grund für Machtans Anfrage. Er kam auf Röhl, weil der zwei bemerkenswerte Filme zu den Missbrauchsfällen an der hessischen Odenwaldschule gedreht hat. 2011 eine Dokumentation, die für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war, und drei Jahre später den Spielfilm „Die Auserwählten“. Die Dokumentation habe keine Antwort auf Fragen gegeben, wie ein solches Mitwisser-Täter-Schweigekartell möglich war, sagt Röhl.

Er selbst war zwei Jahre als junger Englisch-Tutor an der Odenwaldschule. „Von Missbrauch habe ich nichts mitbekommen. Aber ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“ Um zu erzählen, wie ein solches System funktioniert, habe er den Spielfilm gedreht. Manchmal ist eben Fiktion nötig, um sich der Wirklichkeit zu nähern.

So ist das auch beim Thema Kaisersturz gewesen. Daher haben Machtan und Röhl als Erstes die für Doku-Dramen üblichen Historiker-Auftritte weggelassen. „Davon mussten wir das ZDF erst überzeugen“, erinnert sich Röhl. Wissenschaftler, die erklären, was richtig, was belegt, was unklar, was Spekulation ist, unterbrechen den Erzählfluss, findet Röhl. Oft seien solche Dokumentationen am Ende nur bebilderte Vorlesungen. „Man kann das Bild abschalten und verpasst trotzdem nichts.“ Film habe dagegen besondere Eigenschaften, die sollte man nutzen, um die Geschichte authentisch zu erzählen.

Beispiel? Als Röhls Kaiser, wunderbar gespielt von Sylvester Groth, erkennt, dass der Krieg und wohl auch seine Krone verloren sind, darf er sich bei seiner Frau ausweinen. Ist das wirklich so passiert? Unklar. „Es ist aber überliefert, wie wechselhaft, unberechenbar und depressiv der Kaiser in diesen Tagen war“, sagt Röhl. Vielleicht habe er nicht genau an diesem Ort, in dieser Situation geweint, aber dennoch sei es glaubhaft. Es gehe um die Essenz, nicht um Rechtfertigung oder Geschichtsklitterung. Röhl: „Mir geht es nicht darum, den Kaiser sympathischer zu machen, sondern menschlicher.“

Drei Männer und eine Frau stehen im Mittelpunkt der Wochen des Epochenwechsels: Kaiser Wilhelm und seine Frau Auguste Viktoria, Max von Baden, der letzte Reichskanzler, und der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert. Erzählt wird die Geschichte aus ihrer Perspektive. Die vier sind Getriebene. Von äußeren Umständen wie den Katastrophen an der Front, den Forderungen der Alliierten, dem Unmut der hungernden Bevölkerung, der Unruhe unter Arbeitern und Soldaten. Und von den eigenen Ängsten, Wünschen, Empfindlichkeiten. „Geschichte sind eben auch die Akteure, und die sind auch getrieben von Trotz, Angst, Hass, Selbstsucht“, sagt Machtan. Und das ist Filmstoff.

Sylvester Groths Kaiser Wilhelm schwankt beängstigend zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Angesichts dieser Impulsivität ist man froh, dass der Mann noch nicht twittern konnte. Die Gemüts-Parallelen zwischen Wilhelm und dem aktuellen US-Präsidenten sind irritierend. Die machtbewusste Frau an Wilhelms Seite, Kaiserin Auguste Viktoria, spielt Sunnyi Melles, bereit alles zu riskieren, um den Thron zu retten. Christian Redl gibt den knurrigen „Vernunft-Monarchisten“ Friedrich Ebert, der auf einen Kaiser gegen das Chaos setzt – bis es nicht mehr geht.

Beeindruckend ist vor allem Hubertus Hartmann in der Rolle des letzten Reichskanzlers Max von Baden. Vor der Kamera trägt er seinen inneren Kampf aus, ob er nun als Reichsverweser seinen Vetter vom Thron stoßen soll, um die Monarchie zu retten. Am Ende obsiegt seine Angst vor der Drohung des Kaiserpaares, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Am Telefon beschimpft die Kaiserin ihn auf das Unflätigste.

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Der Regisseur Röhl vor einem Porträt Kaiser Wilhelms II.

Das ist eine Schlüsselszene des Films. Ob es das Telefonat gegeben hat, ist unklar. Dass Auguste Viktoria Max von Baden beleidigt hat, ist verbrieft. „Ich habe keine Wahl“, sagt Max schließlich. Er verlässt am 9. November 1918 fluchtartig Berlin. Dann muss es eben ohne Kaiser gehen.

Röhl und Machtan legen Wert darauf, dass alle Fakten im Film belegbar sind. So gesehen ist es eine klassische Dokumentation. Gedreht wurde an den Originalschauplätzen in Potsdam im Neuen Palais und im Schloss Kassel-Wilhelmshöhe, der Sommerresidenz des Kaisers. Gezeigt wird eine bizarre Parallelwelt zum Sterben an der Front. Die Lücken zwischen den dokumentierbaren Ereignissen werden mit dichten, kammerspielartigen Szenen gefüllt. Das hat es beim ZDF noch nicht oft gegeben.

„Das ist die neue Form, Geschichte zu erzählen“, sagt der Historiker Machtan. Denn Geschichte werde eben auch von Menschen geprägt, nicht nur durch die äußeren Umstände. „Man kann so erkennen, wie Politik entsteht. Wir sind ja sonst nicht dabei.“

Christoph Röhl spricht von „emotional truth“, von emotionaler Wahrheit. Es ist einer der wenigen Momente, wo ihm zunächst der deutsche Begriff fehlt. „Gerade Film ist dazu geschaffen, solche Wahrheiten zu vermitteln, weil er dem Zuschauer erlaubt, in die Seelen von Figuren zu schauen.“

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Neue Palais Potsdam

Ein deutsches Historiker-Phänomen

Mit „Kaisersturz“ wagt das ZDF, Genregrenzen zu überschreiten. Das hat seinen Preis. Einen Historiker ins Studio zu setzen, ist natürlich günstiger, als Schauspieler und Equipment nach Potsdam zu fahren. Rund 1,45 Millionen Euro habe die Produktion gekostet, sagt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Das Budget liegt normalerweise bei etwa 1,2 Millionen.

Brauburger spricht etwas vorsichtiger nur von einer Facette des Erzählens. „Aber szenische Darstellungen nehmen zu“, räumt er ein. Das Interesse beim Publikum an Historischem sei ungebrochen. Vor allem nach der Wende sei das gewachsen. „Wir konnten uns plötzlich mit der gesamtdeutschen Geschichte befassen, ohne in den Verdacht des Revisionismus zu geraten“, erinnert er sich.

Immerhin acht bis 13 Prozent Marktanteil erreichen Doku-Dramen heute, bis zu 4,5 Millionen Zuschauer. Man wuchs von den Spätvorstellungen in die Primetime.

Das Vermischen von Fakten und Fiktion gefällt nicht jedem. Als das ZDF den Film „Kaisersturz“ in einem Hotel in Berlin präsentiert, kommt die Frage, was der Film denn nun eigentlich sein wolle, Doku-Drama oder Spielfilm? Ob es nicht klarer wäre, gleich einen Spielfilm zu drehen, will ein Kritiker wissen. Röhl, das wird in dem leicht stickigen Tagungsraum schnell klar, kann mit der Frage nicht so recht was anfangen.

Jetzt, Wochen später im Café am Neuen Palais, sagt er, er finde diese Frage seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass er Brite ist und aus einer anderen historischen Erzähltradition kommt. Emotionen seien in deutschen Geschichtsbüchern eher verpönt, findet er. Man halte sich an Fakten und Strukturen. „Gefühlen steht man eher misstrauisch gegenüber.“

Dahinter stecke die Angst vor Manipulation, vermutet er. Röhl hält das für ein deutsches Historiker-Phänomen. „Angelsächsische Historiker sind viel mehr bereit, zu verdichten und mit Spannung zu arbeiten. Und die Psychologie der handelnden Personen in Betracht zu ziehen.“

In der Heinrich-Wohnung ist so eine der schönsten Szenen entstanden, sie ist fiktiv. Sunnyi Melles steht in der Zimmerflucht der Wohnung. Die Kaiserin erwartet ihren Mann, der zu dem Zeitpunkt schon auf dem Weg ins Exil ist. Sie weiß das noch nicht. Soldaten, offensichtlich Revolutionäre, kommen auf sie zu. Sie strafft sich, betrachtet die einfachen Männer voller Hochmut und Angst zugleich. Der Offizier teilt ihr mit, dass er zu ihrem Schutz abgestellt sei. Und in diesem Moment kann man Melles zusehen, wie sie ihre Krone verliert, wie sie keine Kaiserin mehr ist. Sie schrumpft gleichsam auf bürgerliche Größe und flüstert: „Ich danke Ihnen.“

Das ist Kino, keine Doku. Genrepuristen werden empört rufen: So geht das nicht. Am Ende ist es einfach Geschichte – wahrhaftig und gut erzählt.

Der Kaiser hatte übrigens blaue Augen. Wie Sylvester Groth.