Der Kaiser von Kalifornien in der Volksbühne.
Foto: Julian Röder

BerlinDie abenteuerliche Geschichte des Baseler Tuchhändlers Johann August Sutter werden die wenigsten kennen. Dabei ist es eine fantastisch große, widersprüchliche Geschichte, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts zutrug und von der beschaulichen Schweiz ins aufbrechende, noch kaum erschlossene Nordamerika führt, wohin es alle Unzufriedenen, Tatenhungrigen dieser Welt zog, die nach Freiheit und Reichtum suchten. Johann August Sutter, der „Bakrotteur, Ausreißer, Landstreicher, Vagabund, Dieb und Betrüger“, wie Blaise Cendrars ihn neunzig Jahre später in seinem biografischen Roman „Gold“ beschreibt, war einer der agilsten und auch skrupellosesten unter ihnen. Als er auf der Flucht vor seinen schweizerischen Gläubigern 1834 im Hafen von New York landete, besaß er nichts als eine besonderes wache Neugier und die Entschlossenheit, etwas Großes zu schaffen. 14 Jahre später wird er auf einem Agrar-Imperium in Kalifornien sitzen und – kurz zumindest – „der reichste Mann der Welt“ sein.

Für sein im März verschobenes Debüt an der Volksbühne, das nun die Theatersaison am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnet, im großen Saal, aber vor dezimiertem Publikum auf nur 135 von 800 Plätzen. Der junge Autor und Regisseur Alexander Eisenach, der bisher am Berliner Ensemble laborierte, hat sich eine bestens ans Haus passende Figur gesucht: einen janusköpfigen Helden, Idealist und Macher, über dem am Ende die Monsterwellen seines eigenen Erfolgs zusammenschlagen. Ein Kapitalist wie er im Buche steht.

Mit zahllosen Tricks und Gelegenheitsjobs schummelt sich dieser Sutter in wenigen Jahren zum bestaunten „Captain“ hoch, zieht als unerschrockener Kolonist in das damals noch kaum besiedelte, unter mexikanischer Flagge vor sich hin taumelnde Kalifornien und lässt sich von der Regierung gleich riesige Flächen des fruchtbarsten Bodens schenken. Mit der Urbarmachung verspricht er die Unterwerfung der dort lebenden Indianer gleich mit, was den Mächtigen gefällt und seinem „Neu Helvetien“ das nötige Arbeitsvolk verschafft.

Bis hierher wäre Johann Sutters Geschichte nur die eines besonders schlitzohrigen Abenteurers, auch die der giftig-süßen Kolonisierung, in der Fortschrittsmut und Vergewaltigung untrennbar zusammen gehören. Aber dann, es ist das Jahr 1848, findet jemand Gold im Fluss der Sutter’schen Sägemühle – und die fabelhafte Kolonistenwelt steht Kopf: Alle Autorität zerschmilzt, Arbeiter werden ihre eigenen Unternehmer, das Chaos wächst und Sutters Imperium zerfällt. Spekulative Geldwirtschaft löst die planende Realwirtschaft ab und Sutters Fall wird zum Brennglas für jene verzweigten, immer abstrakter sich steuernden Gesellschaftsverläufe, die bis heute ihr Glück suchen.

Hier setzt Alexander Eisenachs „Kaiser von Kalifornien“ ein, der nichts mehr von Sutters Geschichte erzählt, auch nichts von dessen Idealisierung, die Luis Trenker 1936 auf die Leinwand zwingt und dem Abend seinen Titel gibt. Vielmehr versucht Eisenach, Sutters Aufstieg und Fall weiter und neu zu durchdenken, seine Schlüsselthemen virtuos, teils aber auch allzu dichotomisch zu durchleuchten. Die Schule Sebastian Hartmanns sieht und hört man diesem anspruchsvollen Reflexionstheater deutlich an. Zwar tritt der Tatmensch Sutter (Johanna Bantzer) schalkhaft mit Setzling unterm Arm aus der Kulisse und lässt seiner Kalifornien-Begeisterung freien Lauf, identifizierbare Figuren aber gibt es sonst kaum.

Zwei müde Kopfgeldjäger diskutieren über Realität und Fiktion von Recht und Freiheit, bis der eine (Sebastian Grünewald) sich aufmacht, eine Investment-Bank zu gründen und der andere (Robert Kuchenbuch) sich in das Sachbuch „gewaltfreie Kommunikation für Dummies“ vertieft. Ein anderes Paar, Jella Haase und Emma Rönnebeck, sinniert über das moralisch Gute nach und darüber, wie das Gedächtnis und das Erzählen überhaupt funktionieren: nicht chronologisch, lyrisch.

Es sind Schlüsselsätze für diesen Abend selbst, der wie im Steinbruch an der Weltgeschichte klopft und seine rhetorischen Goldnuggets in neue Luftbilder kollagiert: von der Kapitalismuskritik über die Totenwelt Heiner Müllers bis zu den antiken Göttern. Besonders schön spiegelt sich dieses Mäandern zwischen Materie und Glücksversprechen in dem Bühnenbild von Daniel Wollenzin, dessen monumentales Fort mit einem sich ständig drehenden Mühlrad in der Mitte durch die Mauern aus Gaze immer transparent bleibt. Allein das schwarz-weiße Licht und die filmischen Mehrfachüberblendungen, die Wildwest-Szenen, den „Pocahontas“-Mythos und das reale Bühnengeschehen verzahnen, verwandeln den Raum in ein Labyrinth aus vielen Zeiten und Erzählhaltungen. Leider verliert diese luftige Tiefe durch den sich heillos übernehmenden Text bald jede Bodenhaftung. Da wird geschrien und sich gewälzt und am Ende bleibt doch nur eins: Geld macht irre.

„Der Kaiser von Kalifornien“  28.8., 19.30 Uhr, 29.8., 18 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten online unter: volksbuehne.berlin