„Der kleine Bruder“: Bier saufen und nölen

Berlin - Das ist doch scheiße. Das Leben ist scheiße, die Kunst ist sowieso scheiße und das Bier ist auch wieder nur Schultheiss aus der Dose, mennoh. Da macht man sich extra auf den Weg, ist halbwegs guter Dinge und erwartet eigentlich auch nicht allzu viel, und dann das: Nichts als doofe Anlässe, herzhaft Scheiße zu rufen. Meine Güte.

Wann hat es zuletzt einen Theaterabend gegeben, der in jedem Satz gefühlte zehn Mal das Sch-Wort unterbringt? Ich kann mich an keinen erinnern. Selbst damals, in den Frank-Castorf-Edelkrachjahren an der Volksbühne, als begnadete Scheiße-Rufer wie Henry Hübchen, Bernhard Schütz, Sophie Rois oder Milan Peschel noch zum Ensemble gehörten, ist das nicht so gewesen. Denn wenn sie verbal mit Scheiße warfen, war das immer Welt- und Selbstbeschimpfung zugleich. Ein Akt der politischen Intervention sozusagen. Ach, vorbei.

Nur Einbahnstraßenbeziehungen

Heute dagegen: Neun Schauspieler hampeln knapp vier breiige Stunden lang von einem Scheiße-Satz zum nächsten und meinen nie etwas anderes als das, was sie da sagen, keine Welt und auch kein Selbst, weil es diesen Figuren an Welt- und Selbstreflektion mangelt, um so etwas Anspruchsvolles wie Welt und Selbst überhaupt zu haben. Es gibt für sie nur Einbahnstraßenbeziehungen: ich und mein Bier, ich und mein scheiß Leben.

Das hat für den Betrachter interessante Folgen: Rasch döst er weg – und schreckt wieder hoch. Das muss, denkt er, irgendwas bedeuten, so was kommt nicht irgendwie. Es hat schließlich viele Proben und einen Regisseur gegeben, einen Dramaturgen, Schauspieler, allerlei Assistenten, die wochenlang immerfort mit diesen Scheißesätzen zu tun hatten. Kann ja auch fad werden, solch’ Scheißesätzeproben.

Wurde es offenbar nicht, also muss den Beteiligten die Sch-Sache wirklich wichtig sein. Und weil dieser Abend vom drallen Leben in Kreuzberg Ende der 80er Jahre handelt, von Künstlern, Hausbesetzern, Biertrinkern und Alternativos, von Leuten also, die irgendwie alle anders als die anderen sein wollten und damit allesamt gleich wurden, kann das nur heißen: war scheiße damals, von heute aus gesehen. Das ist keine schöne Lebensbilanz.

Sprache in Comicblasen

Es ist so: Milan Peschel, der einstige Volksbühnenschauspieler, hat Sven Regeners Kreuzberg-Roman „Der kleine Bruder“ erst für die Bühne bearbeitet und hernach so auf die Bühne gehievt, dass es lauter Anlässe gibt, um laut und deutlich in jedem Satz – na, Sie wissen schon.

Es steht da ein Auto, ein blauer Fiat Panda. Und so wie Paul Schröder seine Hauptfigur des Frank Lehmann hinters Lenkrad klemmt, wie Michael Klammer auf der Fahrt von Bremen durch die DDR nach Berlin seinen Punk-Wolli aus dem Fenster schimpfen lässt („Lehnin? Die schreiben Lenin mit h? Die spinnen doch, scheiße.“), wie da also zwei traurige Unglücksritter auf großer kleiner Fahrt in eine ungewissen Kreuzberger Zukunft unterwegs sind, ist das noch halbwegs lustig, weil hübsch klischeesüffig, und halbwegs theatereigensinnig, weil schön schräg. Es wird nach vorn gehechtet, um ins Publikum hineinzuerzählen, es wird comicblasenhaft gesprochen und alles auch ein bisschen hops genommen. Könnte ein drolliger Komödienabend werden.

Herrlich doofe Abziehbildchen

Das glaubt man selbst dann noch, wenn Frank, immerfort auf der Suche nach seinem Bruder Freddie, mit den Kreuzberger Ureinwohnern in Erstkontakt gerät. Wie Peter Kurth mit den Armen baumelt, Ronald Kukulies sich auf den Stuhl fläzt, Regine Zimmermann herumkeift, Holger Stockhaus hinterm Synthesizer zappelt: alles herrlich doofe Abziehbildchen vom Kreuzberger Lodderleben. Und immerhin: Alle haben sie eine eigene Weise des Scheißerufens, weil sie alle dasselbe Luxusproblem haben, nicht zu wissen, was sie lieber wollen: Bier saufen oder nölen. Also machen sie beides so ausgiebig, dass von den Figuren nur noch die Comicblasen bleiben. Einzige Ausnahme: Maike Rosa Vogel und ihre Electro-Folk-Songs. Kommt, winkt, singt, winkt und geht wieder. Mehr braucht es eigentlich nicht, um ein Lebensgefühl atmosphärisch einzufangen. Aber der Rest: oh weh.

Ok., das Buch ist auch nicht viel mehr als ein bisschen lustig, weil es sprachlich immer auf derselben Beschreibungstiefebene bleibt. Aber so schal wie es an diesem Abend wirkt, ist es nun auch wieder nicht.

Der Abend hat übrigens noch einen Kniff zu bieten, eine Vorlagenabweichung, die augenscheinlich auch etwas bedeuten will: Anders als im Buch sind hier alle um die Vierzig, in einem Alter, wo man sich mit dem Gedanken beschäftigen muss, ob das alles jetzt immer so Lalala weitergehen soll. Also wurschtelt dieser Abend auch im berüchtigten Midlifecrisis-Dings herum. Und das ist ja nun wirklich scheiße.

Der kleine Bruder, 5., 17., 30.4., Maxim-Gorki-Theater, Karten: 20 22 11 15.