Die Gießkanne ist immer griffbereit.
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BerlinWer diese Kolumne hin und wieder liest, weiß, dass ich eine Freundin der Nutzpflanze bin: In meinem Garten wachsen jedes Jahr grüne, rote und mehrfarbige Salate, verschiedene Bohnensorten, Schnittlauch, Petersilie, Minze, Melisse und Thymian, Radieschen, Möhren, Mangold, Erbsen, Zucchini und Tomaten, manchmal auch Gurken. Weiterhin gibt es Erd-, Johannis-, Stachel- und Himbeeren, Äpfel, Pflaumen und sogar Pfirsiche. Dazu kommt dieses und jenes Experiment, zuletzt versuchte ich mich an Soja und fand es sehr interessant.

Die Zierfunktion eines Beets hat mich nie besonders gefesselt, aber ein paar Blüten blühen in alten Gärten wie meinem von ganz allein. Die eine oder andere Blume säe ich auch, und zwar weil sie nützlich ist, wie Tagetes, die lästige Bodenwürmer (Nematoden) vertreiben, oder Bienenfreund und Klee, die in Kooperation mit Knöllchenbakterien Stickstoff im Boden binden, oder Ringelblumen, weil sie ganz allgemein allen wohltun (nicht zufällig wird Babycreme aus ihnen hergestellt).

Natürlich mag ich auch die vielen Vergissmeinnicht, Akeleien und Ringelblumen, die sich selbst aussäen, all die Frühblüher oder die gelbe, an den Rändern rot überhauchte und lieblich duftenden Rose, die ein Vorbesitzer gepflanzt haben muss. Und da auch die schiere Blütenpracht einen noblen Zweck hat, nämlich den Artenschutz, verwandele ich gerade einen Teil meines schneckensicheren Gemüsebeets in ein Blütenmeer: Eine Mischung aus Inkarnatklee, Ringelblumen und Bienenfreund, interpunktiert von zart in den Himmel ragenden Dolden des Patagonischen Eisenkrauts. Noch sind all diese Pflanzen winzig, aber vor meinem inneren Auge entsteht ein Bild aus Rot-Rosa-Blau-Tönen, aufgefrischt durch strahlendes Orange: wogende Blüten im satten Abendlicht, darauf und darüber Bienen, Schwebfliegen, Schmetterlinge und wer sich sonst noch von Pollen und Nektar ernährt.

Im Frühjahr habe ich die alte gelbe Rose aus ihrer Schattenecke an einen sonnigen Standort umgepflanzt, aus Mitgefühl, nehme ich an, auch wenn sie für die Insekten als gefüllte Sorte wertlos ist: Ihre Staubgefäße sind zwischen dicht gerüschten Blütenblättern versteckt. Sie wurde vor etwa 80 Jahren gezüchtet und heißt in ihrer Heimat Frankreich „Madame A. Meilland“. Ihr Züchter schickte sie 1939 an Kollegen in den USA, England, Italien und Deutschland, der Krieg verhinderte die weitere Kommunikation. Und so wurde diese Rose in Deutschland Gloria Dei, in Italien Gioia (Freude) und in den USA Peace getauft – übrigens am 29. April 1945 – am Tag des Sturms der Roten Armee auf Berlin. Bei der ersten Uno-Vollversammlung wurde allen Delegierten eine gelbe „Peace“-Rose überreicht. Anschließend startete sie unter ihren vielen Namen eine Weltkarriere als Rabattenschönheit, Sie haben bestimmt schon eine gesehen.

Und ich gieße meinen nachhaltigen, bienenfreundlichen Strebergarten und denke mir, dass Nützlichkeit und Nutzen womöglich nicht immer das Gleiche sind. Ich stelle mir vor, wie mein Vor-Vor-Vorgänger (oder eine Vorgängerin?) vielleicht schon 1946, als man in der Kolonie begann, auf einem Schutthaufen dringend benötigtes Gemüse anzubauen, die Gloria-Dei- bzw. Peace-Rose neben die Kartoffeln pflanzte. Und wie diese Rose zu nichts anderem da war, als die Menschen, die sie ansahen, zu erfreuen.