Komponist und Produzent Ralph Siegel am Klavier in seinem Haus in Pullach.
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BerlinIn Deutschland hatte Ralph Siegel nie einen leichten Stand – Spott war sein ständiger Begleiter. Im Ausland sah das immer anders aus. Als „König des Eurovision Song Contest“ etwa bezeichnete ihn im April ein schwedischer Podcast anlässlich eines Legenden-Interviews mit Siegel. Allzu gern würde der Komponist noch einmal für Deutschland beim ESC starten. Man lässt ihn aber nicht, wie er sagt.

Dabei gehört der Künstler mit mehr als 2000 Liedern, darunter Hits wie „Fiesta Mexicana“, „Du kannst nicht immer 17 sein“, „Die kleine Kneipe“, „Ein bisschen Spaß muss sein“ oder „Moskau“ zu den erfolgreichsten Schlagerkomponisten Deutschlands. Doch vielleicht gehört es zur Vita von Siegel, dass er immer ein bisschen mehr um Anerkennung kämpfen muss als andere. Aufgegeben hat er nie. Siegel, der Unverdrossene.

Am 30. September 1945 kam er kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Spross zweier Musikstars seiner Zeit in München zur Welt. Sein Vater war der Komponist, Texter und Verleger Ralph Maria Siegel, der Klassiker wie „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“ oder „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ schrieb. Seine Mutter war die Sopranistin Ingeborg Döderlein, die in der Operette brillierte. Der Junge wuchs also in einem Künstlerhaushalt auf, in dem er sich mit seinen musikalischen Ambitionen früh behaupten musste.

Eine gigantischen Hitmaschine

Ihren gemeinsamen Sohn zog es schon von Kind an zu einer eigenen Musikkarriere. Mit 13 Jahren schrieb er seine ersten Lieder, mit 15 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Peter Elversen seine erste Schallplattenaufnahme. Nach dem Tod des Vaters 1972 übernahm er das Geschäft und baute es zu einer gigantischen Hitmaschine aus. Rex Gildo, Peter Alexander, Ireen Sheer, Katja Ebstein, Lena Valaitis und Dschingis Khan sangen Siegel-Produktionen. 

Doch verbunden wird sein Name vor allem mit den deutschen ESC-Beiträgen. 1974 schickte er Ireen Sheer für Luxemburg ins Rennen und holte direkt Platz vier. Ab da war das ESC-Fieber bei Siegel ausgebrochen. 1976 landeten The Les Humpries Singers mit „Sing Sang Song“ für Deutschland zwar nur auf Platz 15. Zu einem der bekanntesten deutschen Beiträge der ESC-Geschichte wurde aber drei Jahre später „Dschingis Khan“ mit der gleichnamigen Band. Das Lied landete auf Platz vier, die Gruppe wurde ein Welterfolg.

1980 und 1981 verpasste Siegel mit Katja Ebstein und „Theater“ sowie Lena Valaitis und „Johnny Blue“ auf Platz zwei den ersten deutschen ESC-Sieg denkbar knapp. Diesen holte dann 1982 Nicole mit „Ein bisschen Frieden“. Dieser Erfolg war Segen, aber auch Fluch. Das mit zitternder Stimme und zur sanft gezupften Gitarre dargebrachte Friedenslied trug Siegel endgültig den Ruf ein, seicht-säuselndes Liedgut zu produzieren.

Dennoch markiert „Ein bisschen Frieden“ einen Höhepunkt in Siegels Schaffen: Er nahm die Themen seiner Zeit auf und setzte sie gefällig um. Insgesamt 25 Mal war Siegel beim ESC dabei, davon 14 Mal für Deutschland. Doch für sein vom Siegel-Klang übersättigtes Heimatland darf er seit fast 20 Jahren nicht mehr antreten. Zuletzt durfte er nicht mal mehr versuchen, eigene Beiträge einzureichen.

Das liegt allerdings auch daran, dass sich das Spiel änderte. Spätestens seit der TV-Moderator Stefan Raab den Eurovision Song Contest mit Guildo Horn (1998) und Lena Meyer-Landrut (2010) ordentlich aufmischte und ein frecher, ironischer und bisweilen aggressiver Ton dort Einzug hielt, geriet Siegel zunehmend ins Abseits. Raab nannte sich als Komponist für Guildo Horn „Alf Igel“ – eine deutliche Spitze gegen den ESC-Champion.

Doch schaffte Siegel den Absprung und widmete sich fortan dem Musical, „wo man eben nicht nur drei Minuten, sondern drei Stunden Programm macht“. Im Alter also nicht mehr Sprint, sondern Langstrecke. Mit dem Leben des Grafen Zeppelin und dem Drama der „Hindenburg“ hat sich Siegel zuletzt eingehender beschäftigt. „Zeppelin“ wird 2021 aufgeführt, erst in Füssen und danach im Deutschen Theater in München. (mit AFP)