Materielle Nähe ist nirgendwo unabdingbarer als an den Orten des Rauschs und der Entgrenzung: in den Clubs.
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BerlinWas für eine Umdeutung der Bilder! Angesichts sich bei schönem Wetter füllender Parks hieß es einst, dass Menschen den Frühling genießen, von Lebenslust und Lebensfreude war die Rede. Nun haben diese Bilder eine andere Botschaft: Achtung, Gefahr! In den sozialen Medien ist von Dummheit, unterirdischem Verhalten und mangelnder Solidarität die Rede.

Selbstverständliche Praktiken wie das Händeschütteln oder das Beieinandersitzen im Freundeskreis gelten trotz vorsichtiger Lockerungen als riskant. Es sind dies körperliche Praktiken, und es ist ja vor allem der Körper, der in der Corona-Krise ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist. Vom Körper kann Gefahr ausgehen, da er infizieren kann. Gleichzeitig ist er schutzbedürftig, denn er kann infiziert werden. Es kann sogar derselbe Körper über die Zeit gefährdet sein und selbst gefährden. Deshalb muss man die Körper von einander entfernt halten. Das ist der Kern des Social Distancing. Und das gilt auch in dieser Zeit der Lockerungen weiter.

Die Abstandsregeln sind einzuhalten, heißt es zu jeder Meldung, die von Öffnung handelt. Und so offerieren Restaurantbesitzer und Theater und Schuldirektoren neue Sitzordnungen, beschäftigen Läden Sicherheitspersonal, das über die Schutz vor Ansteckung versprechenden 1,50 oder zwei Meter wacht, je nach Bundesland. Für den Körper gibt es keine Rückkehr zur Normalität. Vor ein paar Tagen erst sind die Kontaktbeschränkungen bis zum 5. Juni verlängert worden. Kontakt kommt von contingere, lateinisch für berühren.

Biosozialität nennt der amerikanische Anthropologe Paul Rabinow die Entstehung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die darauf beruht, dass sie die strikte Trennung von Natur und Kultur überwindet. Ihn zitierten kürzlich in ihrem Vortrag am Wissenschaftszentrum Berlin die Soziologinnen Gabriele Klein und Katharina Liebsch, die den Ablauf der gegenwärtigen Veränderungen durch die Corona-Krise aus körpersoziologischer Sicht betrachteten. „Biosozial ist demnach der Vorgang, der ausgehend von epidemiologischen und virologischen Untersuchungen und Berechnungen den menschlichen Körper zu dem macht, was wir alle in der Zeitungen lesen können: zu Herden, Kohorten, Risikogruppen, Populationen.“ Die Gesellschaft als Kollektivkörper.

Auch das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit erfährt laut Liebsch und Klein Verschiebungen. So genannte Heldinnen und Helden des Alltags, also Postboten, Supermarkt-Angestellte, Pflegepersonal, erfahren zumindest vorübergehend eine Aufwertung. Andere Körper dagegen verschwinden. Besonders betroffen sind hier die Kulturarbeiter, Schauspieler etwa und Tänzer. Das ist nicht nur ein finanzielles Problem, es greift die Grundlage ihrer Identität an. Die vielfältigen Streams lindern diese problematische Situation nicht, sie unterstreichen sie. Um das zu verstehen, muss man sich nur das Video der Tänzer der Pariser Nationaloper ansehen, die zu Hause vor ihren Küchenzeilen, Hochbetten und in Wohnzimmern zu Prokofiews „Montague und Capulet“ tanzen. Jeder für sich und für ein imaginiertes Publikum.

Und wir spielen ja alle Theater, führen unablässig Schauspiele füreinander auf. In jeder virtuellen Konferenz, in der alle ihre Kamera ausgeschaltet haben, kann man erfahren, dass Kommunikation nicht auf dem Austausch von Sätzen beruht. Im Mittelpunkt des Transports von Botschaften steht der Körper. Die Gesten, die er vollführt, die Haltung, die er einnimmt, die Blicke. Man kann schweigen und hört doch nicht auf, zu kommunizieren. Mit seinem Körper. Alles weg bis auf Weiteres. Denn das funktioniert nur, wenn wir einander begegnen. Das Soziale ist körperlich. Und es hat die Gesundheit selbst soziale Aspekte. Das macht sich in diesen Zeiten der Vereinzelung schmerzlich bemerkbar.

Die Konzentration auf den verletzlichen Körper trifft Berlin als Stadt der Kultur und des Nachtlebens besonders hart. Der Körper des Genießens, der Lust, der Freude und der Freiheit, von dem Klein und Liebsch sprechen, ist nun im Namen der Fürsorge für sich selbst und andere tabuisiert. Denn dieser Körper braucht materielle Nähe. Das wird man noch feststellen, wenn man im Theater in zwei Reihen Entfernung voneinander einer Vorstellung beiwohnt, deren Protagonisten auf der Bühne ihrerseits wieder Distanz voneinander halten müssen.

Und nirgendwo im halböffentlichen Raum ist diese Nähe unabdingbarer als an den Orten des Rauschs und der Entgrenzung. In Berliner Clubs hat durch den Körper der Lust und der Freude die Ausbreitung der Krankheit begonnen. Die Betreiber des Berghain haben schneller als der Berliner Bürgermeister verstanden, was das bedeutet. Sie schlossen ihr Haus, noch bevor dies offiziell angeordnet worden ist. Und sie werden es nicht wieder öffnen können, so lange der Körper der Lust und der Freiheit aus Gründen der Vernunft verboten ist.