In seinem vermutlich letzten Text beschäftigte sich Heiner Müller mit dem „Krieg der Viren“.
Foto: Imago/Zett

Vorbemerkung:Was tut ein Maler in diesen Tagen? Malen, was sonst. Er beschreibt den Stillstand der Welt mit seinen Mitteln: Pinsel, Farbe, Zeichenstift. Und Kugelschreiber für seine collagehaften Bild-Texturen in den „Arbeitsbüchern“.

Der Maler und Bühnenbildner Lammert, Jahrgang 1960, Enkel des Berliner Bildhauers und Antifa-Künstlers Will Lammert, ausgebildet in den 80er-Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und danach Meisterschüler der Akademie der Künste, ist das, was man einen Schreib-Maler nennen kann. Er reflektiert mit seinen Schrift-Gebilden und auf farbigen Untergründen wie schwimmenden und dekonstruktivistischen Körperfragmenten den Informationsüberfluss der Gegenwart sowie politische Situationen. So entstehen beinahe tagebuchartige Arbeits-Mal-Bücher und Denk-Landschaften. Als Bühnenbildner arbeitete Lammert mit Regisseuren wie Dimiter Gotscheff, Jean Jourdheuil und – Heiner Müller. Für dessen „Duell-Traktor-Fatzer“ schuf er 1993 den Bühnenraum am Berliner Ensemble, und 1995 arbeitete er mit an Müllers letzter Inszenierung, „Germania 3“. Daran erinnert Lammert sich in diesem Text.

(Ingeborg Ruthe)

Bei „Krieg der Viren“ handelt um den ursprünglich als letzte Szene geplanten Teil des Stückes „Germania 3 Gespenster am toten Mann“. Die Endfassung des Textes findet sich in Werke 5, Stücke 3 der bei Suhrkamp erschienenen Gesamtausgabe.

Mark Lammert: Erinnerung an Heiner Müller

Fast verschämt muss ich feststellen: es ist wie immer. Nur ein wenig besser. Wie sonntags. Das heißt einem „Sonntags nie“ steht immer gegenüber, dass ich sonntags am besten arbeite und male. Weniger Geräusche, weniger Termine, weniger Telefon, weniger Verkehr, weniger Flugzeuge. So betrachtet, erlebe ich einen Dauersonntag und dementsprechend etwas, das man Maleuphorie nennen kann.

Nie hätte ich mir träumen lassen, eine Verlangsamung im Kapitalismus und damit des Kapitalismus zu erleben. Sie widerspricht seinem Wesen. Und wenn auch diese Verlangsamung durch den Shutdown als Qualität wahrnehmbar ist, bleibt schon jetzt die sich steigernde soziale Verwerfung das Präsente.

Trotzdem: Wie immer ist das Solo der Beschäftigung in und mit der Malerei in der Einsamkeit des Ateliers auch ein Potenzial. Wie macht man aus dieser Verlangsamung eine Qualität? Aus meiner Sozialisierung kommend, in der diese Verlangsamung Norm war, besehen nach mehr als dreißig Jahren, steht diese Frage gegen alle Vermutung. Sie führt vielleicht auf eine Wesenheit zurück, in diesem Fall der Malerei.

„Gott ist vielleicht ein Virus/Der uns bewohnt.“

Eine zusätzliche Anmerkung aus dieser Maleuphorie heraus, für die ich mich nicht schämen darf und will: Vor einem Vierteljahrhundert habe ich mit Heiner Müller an der Vorbereitung für die Inszenierung seines letzten Stückes „Germania 3“ gearbeitet. Ein paar Tage nach seinem Tod am 30. Dezember 1995 erhielt ich unser gemeinsames Arbeitsbuch zurück.

Dem Arbeitsbuch eingelegt war ein Akt, von dem man annehmen darf, dass er zu diesem Stück gehört. Man darf zudem annehmen: Es ist der letzte Text Müllers für die Bühne. Er heißt „Krieg der Viren“. Und er beginnt so:

„Leeres Theater. Autor und Regisseur, betrunken.

Autor: Der Krieg der Viren. Wie beschreibt man das.

Regisseur: Das ist dein Job. Dafür wirst du bezahlt.

Autor: Tretet vor Unbekannte verdeckten Gesichts/Ihr Kämpfer an der unsichtbaren Front/Oder so/ Die großen Kriege der Menschheit Tropfen Tropfen/Auf den heißen Stein/Die Schrecken des Wachstums/Das Verbrechen der Liebe das uns zu Paaren treibt/Und den Planeten zur Wüste macht durch Bevölkerung.

Regisseur: Und wie soll ich das auf meine Bühne bringen.

Autor: Was weiß ich. Was bedeutet mir deine Bühne.

Regisseur: Gott und die Welt.

Autor: Gott ist vielleicht ein Virus/Der uns bewohnt.

Regisseur: Was willst du. Soll ich dir zweitausend Greise auf die Bühne stelln/ Mit weißen Bärten, Nummer eins zwei drei/Und weiter bis zweitausend. Geh ins Kino./Die Viren zählen nach Milliarden und/Unser Theater ist ein Armenhaus ….“

Zu dem Text im Arbeitsbuch gehörte ein herausgerissener Artikel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel aus dem sechsten Heft des Jahres 1995, der den Titel hergab für den Titel von Müllers hinterlassenem Theaterakt. Auch der Spiegel titelte: Krieg der Viren.

Seit fünfundzwanzig Jahren frage ich mich, warum der Autor Müller, der als Katastrophenliebhaber galt, nicht den schönsten Satz aus dem Artikel übernahm: „Der Erreger sei zwar einzigartig, ungewöhnlich raffiniert und tückisch – doch letztlich ist er auch nur ein Virus“.