Berlin - Ja, vielleicht findet die Fortsetzung der Europa-Stadion-Tour von Rammstein, die im vergangenen Jahr ausfallen musste, im Sommer 2021 ja wirklich statt. Für 5. und 6. Juni sind die Berliner Termine im Olympiastadion geplant. Der Einlass über mehrere Stunden gezogen, nur jeder zweite Platz belegt und im Publikum alle mit Maske – könnte klappen. Gegen Lautstärke und Feuer gibt es hygienisch ja nichts einzuwenden. Und vielleicht kann man auch tatsächlich noch vor Ostern in Kleinstgruppen physisch durchs Humboldt-Forum flanieren und ab August 2021 Besucher-Slots für die wiedereröffnete Neue Nationalgalerie buchen. Aber ist dann wieder alles heile im Kulturbetrieb?

Streng genommen bezeichnet der Begriff Kultur ja alles, was nicht Natur, also geboren, gewachsen oder sonst von selbst entstanden ist. Im engeren Sinne gilt er dafür, was viele oft machen und daher entsprechend verfeinert haben. Unsereiner geht vielleicht auch mal in die Sauna oder strickt zu Hause etwas Schönes. Das ist dann eine Wellnessmaßnahme beziehungsweise Handarbeit. In Finnland oder auf den Shetland-Inseln aber gälte es als Teilhabe am jeweiligen kulturellen Erbe.

Kulturelle Praxis ist eine Praxis der Wiederholung und der Gruppen. Vielfach resultiert daraus Professionalisierung oder sogar Kunst. In der Tat sind nur jene Künste wirklich lebendig, die sich aus einer authentischen Kultur erheben und in Beziehung mit ihr bleiben. Ein schön inszeniertes Beispiel hierfür präsentiert etwa die Netflix-Schach-Serie „Das Damengambit“. Das Endspiel zwischen der jungen Amerikanerin Beth und dem russischen Großmeister Borgov in Moskau wird dort nicht nur von einigen Nerds beobachtet, wie vergleichbare Spiele in den USA, sondern von Tausenden kennerhafter Laien, die in Trauben vor dem Gebäude warten und jeden Zug gespannt verfolgen. Wie Beth am Ende zu Fuß durch die Moskauer Straßen geht und von den Schachbegeisterten erkannt und umstandslos zu einem öffentlichen Spiel eingeladen wird, geht nicht nur der Figur im Film ans Herz.

14 Millionen Freizeitmusiker, sieben Millionen Fußballspieler

In Deutschland zählen zweifellos der Fußball und der Bereich der Darstellenden Kunst zu jenen Kulturformen, die sich auf breiter Basis in echte Spitzenleistungen hinein ausdifferenziert haben. Allein der Bund deutscher Amateurtheater verzeichnet 2400 Spielgruppen, die die rund 550 Profi-Theater, -Orchester oder -Festivals flankieren, hinzu kommen 14 Millionen Menschen, die in Deutschland (laut Bundesmusikverband) in ihrer Freizeit organisiert singen oder Musik machen. Fußball spielende Menschen verzeichnet der Deutsche Fußballbund indessen über sieben Millionen in rund 24.000 Vereinen, auch das ist stattlich. 

Da die Eventklasse dieser Kulturen, die Schaubühnen und Deutschen Theater und Bundesligisten, im Fokus der deutschen Öffentlichkeit stehen, wird es alsbald auch gelingen, ihre jeweiligen Betriebe virensicher zu machen. Es werden – wie im September und Oktober vergangenen Jahres – Tests und Hygienekonzepte in Anschlag gebracht, auch der Impfschutz kommt hinzu. Und beim Wort „Publikum“ darf man sich wohl zukünftig keine Massen mehr vorstellen (dazu gehört das Mutieren zu sehr zum Virus), aber es wird auch Zuschauer geben.

Und dennoch wird hier eine Ära zu Ende gehen. Denn erstens kann die Millionenbasis, auf der diese Spitzen zum Ereignis werden, nicht in gleicher Weise am Leben gehalten werden. Und zweitens geht es den Ritualen, die die Profi- mit den Amateurveranstaltungen teilen, wohl definitiv an den Kragen. Das Sich-in-die-Arme-Fallen beim Fußballspielen, das Händeschütteln danach, das Gemeinschaftsduschen, die La-Ola-Welle Schulter an Schulter, kurz alles, was das Tun als gemeinschaftliches bestätigt, hat sich erledigt, wenn im Zusammenhalt zukünftig keine Sicherheit, sondern im Gegenteil stets die Gefahr liegt.

Temporäre Intimität ist die Voraussetzung der gemeinsamen Reise

Auch im Theater ist die Nähe betroffen: die zwischen den Schauspielern wie die zwischen Schauspielern und Publikum und den Zuschauern untereinander im Parkett oder später in der Pause beim Sekt. Dass man das Parfüm der Nebensitzenden riecht, gehört zum Theatererlebnis ebenso dazu wie der Anblick von Hamlets Spucketropfen im Scheinwerferlicht. Diese temporäre Intimität, auf die man sich außerhalb des dafür vorgesehenen Raumes nicht berufen kann, ist ein Parameter der gemeinsamen Reise, auf die man sich im Theater oder im Konzert begibt, und dies gleichgültig, ob es die eigene Tochter ist, die da die Geige unterm Kinn hat, oder Hilary Hahn. Das, was Hilary Hahn der Laienmusikerin voraus hat, passt auf eine Schallplatte. Das, was sie mit ihr gemeinsam hat, nicht. 

Was daraus folgt, ist an dieser Stelle nicht mehr als die kleine Warnung zu Jahresbeginn, das Wort „Kulturbetrieb“ nicht zu eng zu fassen, die Zukunftsfähigkeit desselben danach zu bemessen, was auch nebenan weiter stattfinden kann, und die Sicherungs-Ressourcen entsprechend zu verteilen. Und darüber hinaus die Augen offen zu halten, wie sich Gemeinschaft zukünftig formulieren wird, welche neuen Rituale und Live-Formate sich bilden werden.

Das Ornament der Masse, das der Soziologe, Filmtheoretiker und Feuilletonist Siegfried Kracauer 1927 in seinem gleichnamigen Aufsatz als kulturellen Ausdruck des kapitalistischen Produktionsprozesses beschrieb, löst sich vor unser aller Augen gerade auf. Und damit auch der abstrakte Charakter Form gewordenen Miteinanders. Das Virus als Störfall der Vernetzung lässt einen aus dem Gesamtbild des neutral Ereignishaften herausfallen und als Pixel zurück – weiterhin blinkend zwar, aber zunächst noch ohne neuen Zusammenhang. Jeder Einzelne ein freies Radikal, wenn man so will.