Der slowakisch-jüdische Regisseur Juraj Herz (1934–2018) ist vor allem durch Märchenverfilmungen bekannt geworden. Er liebte das Phantastische, Groteske, Skurrile, tauchte gern in die Untiefen der menschlichen Seele. Dabei verfingen sich seine Figuren oft in Fallstricken, die sie selbst ausgelegt hatten, stürzten ab ins exzessiv Pathologische: Die Hölle, das sind wir selbst.

Herz‘ Meisterwerk „Der Leichenverbrenner“ (1968) bündelte die Hauptmotive seines Schaffens auf eindrucksvolle Weise. Basierend auf einer Erzählung von Ladislav Fuks, porträtiert Herz hier einen scheinbaren Durchschnittsbürger: Karl Kopfrkingl, Angestellter in einem Krematorium, der den Beruf akkurat und pünktlich ausübt und gern alles noch besser machen will. Seinem Hang zur Nekrophilie folgend, besucht er auf dem Rummelplatz das Kabinett mit Wachsleichen. Zu Hause verlangt es ihn nach Gustav Mahlers Kindertotenliedern. „Wissen Sie“, erklärt er einem Mitarbeiter, „seit fünfzehn Jahren komme ich nun in diesen Tempel des Todes und doch überkommt mich jedes Mal immer noch dasselbe feierliche Gefühl.“ Er sei es doch, der den Verstorbenen den Einzug ins Himmelreich ermögliche. Er, der Engel der Toten.

Der Psychopath als Prototyp einer kranken Gesellschaft

Als die Deutschen einmarschieren, sieht Kopfrkingl seine Stunde gekommen. Denn die Besatzer legen ein Programm der Vernichtung auf, dem ein ganzes Volk zum Opfer fallen soll. Man könne, so schlägt er vor, Zeit, Gas und Arbeitskraft sparen, wenn man in den vorgesehenen 75 Minuten nicht nur eine Leiche verbrennt, sondern Hunderte. Die erste Bestattung gilt der eigenen Frau, einer Halbjüdin, der er selbst die Schlinge um den Hals legt: „Alle rette ich, die ganze Welt.“

Herz erzählt aus der Perspektive der Hauptfigur. Die subjektive Kamera bevorzugt das Weitwinkelformat, das die Umwelt verzerrt und verfremdet, dazu extreme Nahaufnahmen von Kopfrkingls Gesicht. Das albtraumhafte Bild einer gestörten Seele, der Psychopath als Prototyp einer kranken Gesellschaft. Für den tschechischen Volksschauspieler Rudolf Hrusinsky, einst als braver Soldat Schwejk berühmt geworden, bedeutete die Rolle seine größte Herausforderung. Die Dreharbeiten fielen mitten in den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen im August 1968 in Prag. Weil sich der Darsteller für die Politik eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ stark gemacht hatte, musste er abtauchen.

Nach seiner Rückkehr konnte „Der Leichenverbrenner“ zwar abgedreht und 1969 uraufgeführt werden – doch in der neuen kulturpolitischen Eiszeit folgt bald das Aus. Heute gilt diese komplexe Parabel als Meisterwerk des Prager Frühlings.

Der Leichenverbrenner Tschechoslowakei 1968, Regie: Juraj Herz, 99 Min., Label Bildstörung, ab 9,59 €.