Louise Glück mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama bei der Verleihung der National Humanities Medal (Medaille für Geisteswissenschaften) an die Lyrikerin 2016 im Weißen Haus. Jetzt hat sie den Literaturnobelpreis erhalten. 
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Stockholm - Die Presseränge in der Schwedischen Akademie waren spärlich besetzt, die Fenster weit zum Lüften geöffnet geöffnet, als am Donnerstag kurz nach 13 Uhr die Gewinnerin des diesjährigen Literaturnobelpreises in betont nüchterner Feierlichkeit bekanntgegeben wurde. Ausgezeichnet wird in diesem Jahr die 1943 in New York geborene Lyrikerin Louise Glück, die erstmals 1968 mit ihrem Gedichtband „Firstborn“ in Erscheinung getreten ist. Über den Kreis der Lyrikliebhaber hinaus gilt Louise Glück als weitgehend unbekannt. In den Literaturredaktion der Feuilletons jedenfalls herrschten am Donnerstagmittag fragende Blicke. 

Ins Deutsche übertragen liegen von Louise Glück die Gedichtbände „Averno“ und „Wilde Iris“ vor, die 2007 und 2008 von ihrer Kollegin Ulrike Draesner für den Luchterhand-Literaturverlag übersetzt wurden. In ihren Gedichten setzt sich Glück immer wieder mit dem Menschen auseinander, und wie er den Unwägbarkeiten der Natur gegenübersteht. 

Die Entscheidung für Louise Glück darf nicht zuletzt auch als Kontrapunkt zu der letztjährigen Kontroverse um den österreichischen Schriftsteller Peter Handke gesehen werden. Diesmal also fiel die Wahl auf eine betont in dem von ihr geschaffenen Sprachuniversum agierende Autorin, die über 20 Jahre lang eine Lyrikprofessur am Williams College innehatte. Von 1999 bis 2003 war sie Kanzlerin der Academy of American Poets. Seit 2004 ist Glück Rosenkranz Writer in Residence und Professorin für Englisch an der Yale University.

Die diesjährige Vergabe des Nobelpreises kann ferner als Anstrengung der schwedischen Akademie aufgefasst werden, wieder in das Fahrwasser geregelter Modalitäten zur Preisvergabe zu kommen. Eine natürliche Spannung, die die Vergabe des Literaturnobelpreises Jahr für Jahr erzeugt, hatte unter dem skandalgesättigten Schlingerkurs der Schwedischen Akademie zuletzt stark gelitten. Waren die intransparenten Vergabekriterien durch die auf Lebenszeit bestellten Akademiemitglieder bislang als Bestandteil einer ehrwürdigen Tradition wahrgenommen worden, so mutierte der Preis 2018 zu einer Verkettung von Skandalen, die schließlich dazu führten, dass in dem Jahr überhaupt kein Preis vergeben wurde.

Der Stein war 2017 von der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ins Rollen gebracht worden. 18 Frauen hatten einen Mann aus dem Umfeld der Schwedischen Akademie beschuldigt, er habe sie sexuell belästigt. Bald sickerte durch: Bei dem Beschuldigten handelt es sich um Jean-Claude Arnault, den Ehemann von Akademiemitglied Katarina Frostenson. Hinzu kam der Vorwurf des Geheimnisverrats. In mehreren Fällen war die Wahl des Literaturnobelpreises von auffällig niedrigen Quoten am Wettmarkt begleitet, selbst bei überraschenden Entscheidungen. War der Literaturnobelpreis zu einem Vehikel für kriminelle Machenschaften verkommen?

Nach mehreren Rücktritten und dem Tod der Akademie-Vorsitzenden Sara Danius wurden die Rahmenbedingungen zur Vergabe des Preises schließlich von Grund auf erneuert. Der Kreis der Jury wurde verjüngt und erweitert. Mehr Transparenz und Durchlässigkeit ist seither das Versprechen. Die Auswahl aus insgesamt 197 möglichen Autorinnen und Autoren gleicht dabei aber nach wie vor einem Griff in die Wundertüte.

Die neu formierte Jury nutzte die Doppelvergabe der Preise für 2018 und 2019 im vergangenen Jahr zumindest für eine große Portion Eigensinn. Während die Entscheidung für die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk weithin Zustimmung fand, führte die Auszeichnung des österreichischen Schriftstellers Peter Handke zu einer erbittert geführten Debatte. Dabei ging es nicht um die literarischen Qualitäten Handkes, sondern um dessen politische Haltung zu den sogenannten Serbien-Kriegen. In zwei bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten heftig umstrittenen Essays hatte Handke sich an die Seite des Serbenführer Slobodan Milosevic gestellt und seine Haltung auch später nicht revidiert. Kritiker werfen Handke Geschichtsklitterung vor und unterstellen ihm,  für die humane Katastrophe, die sich im Kontext des Auseinanderbrechens der jugoslawischen Republik ereignete, bind gewesen zu sein.

Für die Zukunft des Literaturnobelpreises war der Streit um Handke auch ein Indiz dafür, dass sich die Sphären von Politik, Gesellschaft und Literatur wechselseitig durchdringen.