Peng. Der amerikanische Dramatiker John Goldman tütet 1966 einen düsteren historischen Welt-Stoff aus dem England des 12. Jahrhunderts als broadwaytaugliches bürgerliches Drama ein. Und der Regisseur Sebastian Hartmann lässt dann diese Tüte im Deutschen Theater als düsteres Welt-Bildergeheul wieder platzen. Bei der Premiere am Freitag soll es Jubel gegeben haben, doch tags drauf − bei der B-Premiere, die so heißt, damit sich der Regisseur noch einmal verbeugen kann − ist ein Viertel des Publikums in der Pause kopfschüttelnd enteilt. Immerhin fanden sich im matten Schlussapplaus des Restpublikums noch ein paar Bravos, aber kein einziges Buh.

„Der Löwe im Winter“ macht es dem Publikum zwar nicht leicht. Aber verglichen mit Inszenierungen, die Hartmann als vormaliger Leipziger Centraltheater-Intendant abgeliefert hat (etwa die fünfstündige „Krieg und Frieden“-Auskotzung oder die wortlose „Faust“-Ausstattungsorgie), ist sein DT-Debüt relativ unstrapaziös und unmutig. Schließlich ist er seit dieser Spielzeit wieder freier Regisseur und nicht mehr Alleinherrscher über die Bedingungen. Der Dreistünder ist aber immer noch strapaziös und mutig genug, um aus dem nachdenklich-depressiven bis wohlfühl-milden DT-Spielplan herauszustechen.

Es ist Weihnachten im Jahr 1183, das Fest der Liebe. Henry II., König von England, Herrscher über ein Reich, das von Irland bis an die Pyrenäen reicht, lädt seine Söhne und seine Gattin auf das Schloss Chinon. Henry ist für damalige Begriffe alt, fünfzig, und will sein Erbe regeln. Das erweist sich als schwierig, denn die Familie ist ganz und gar nicht an einer einvernehmlichen Lösung interessiert, sondern jeder nur an sich selbst. Der Patriarch (so kuschlig wie autoritär: Michael Schweighöfer) trägt nicht wenig zur Missgunst bei, hat er doch seine Brut in rücksichtsloser Konkurrenz erzogen: Richard (ein schwuler Kraftprotz im Lederharnisch, gespielt von Felix Goeser) wäre der legitime Thronfolger, nachdem der Erstgeborene gestorben ist.

Doch des Königs Liebe gilt dem Jungstrunz John (Benjamin Lillie). Oder vielleicht weniger John als dessen Braut Alais (Natalia Belitski), der Schwester Philips (Andreas Döhler), des schwachen Königs von Frankreich, die schon als Neunjährige an Henrys Hof kam und seit Jahren seine Geliebte ist. Auch Henrys oberintriganter und allseits unterschätzter Sandwich-Sohn Geoffrey (lustig verbissen: Peter Moltzen) sowie die Gattin Eleanor (böse und freundlich aus der Finsternis gerufen: Almut Zilcher) haben ihre Interessen dabei. Sie alle intrigieren, und alle wissen, dass alle intrigieren. Das macht die Sache für den Zuschauer unterhaltsam, stürzt aber die Figuren in Verwirrung und in Identitätskrisen: Liebe und Vertrauen sind lediglich Masken und Strategien des Machtausbaus.

Zwei Hollywood-Verfilmungen

Das Stück wurde gleich zweimal in Hollywood verfilmt, 1968 mit Katharine Hepburn als Eleanor und Peter O’Toole als Henry sowie 2004 als Remake mit Glenn Close und Patrick Stewart. Die ziemlich pathetische und wohnstubenpsychologische 68er Verfilmung wurde mit drei Oscars geehrt und hat, wie bei der dramaturgischen Einführung erzählt wird, auch Sebastian Hartmann beeindruckt, indirekt. Als kleiner Junge hat er den Film zusammen mit seiner Großmutter gesehen. Und die hat geweint.

Wohnstubenhaft ist der Abend nun nicht. Die Ausstattung verbreitet den Charme eines geräumigen Bergbauschachtes − ein halbes bekletterbares stählerndes Riesenzahnrad, das auch ein Ziffernblatt sein könnte, beherrscht die von Hartmann entworfene Bühne. Dazu kommen Nebel, Gegenlicht, dekorative abstrakt-anorganisch-amorphe Live-Videobilder (Transforma) und ebensolche Live-Musik (Nackt). Die von Adriana Braga Peretzki sehr schön märchenfilmartig eingekleideten Schauspieler werden ins Bild arrangiert und mit einem Zustand ausgestattet, den sie dann virtuos, formal und antipsychologisch ausspielen: flüsternd, rennend, kichernd, schreiend, fickend. Einmal, in einer langen Enthüllungsszene nach der Pause, darf man einer Situation dabei zusehen, wie sie sich entwickelt. Und hier zeigt Hartmann, dass er die Techniken des Boulevards, denen er zurecht misstraut, durchaus beherrscht. Viel routinierter wirken seltsamerweise die Theaterzerreißungen mit Weltplatzeffekten, die den Abend abrunden, noch bevor der König die Familie per Handauflegen auslöscht.

Der Löwe im Winter 4., 6., 12., 23. März, Deutsches Theater, Tel.: 28441225