Axel Roschlock ist in der Hip-Hop-Szene als Mann hinter der Kamera bekannt.
Foto: Volkmar Otto

BerlinAxel Roschlock begrüßt in einem Neuköllner Gartenhaus mit einer Ghettofaust. Was einst den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama lässig wirken ließ und jetzt für viele in Pandemie-Zeiten ein gängiges Begrüßungsritual ist, kennt Roschlock aus Hip-Hop-Kreisen von der Straße. Zur Kultur zählt sich der in Templin geborene 45-Jährige, seit die Raps von Dr. Dre Anfang der 90er-Jahre aus seinem Ghettoblaster knallten. Zu einer tragenden Säule im deutschen Hip-Hop-Kontext wurde Roschlock durch seine Musikvideos ab Ende der 2000er-Jahre – als Mann hinter der Kamera.

Der Kreuzberger, der seine Haare zum Männerdutt gebunden hat und seine Sätze zumeist wahlweise mit „Digger“ beginnt oder schließt, trägt ein weißes T-Shirt mit einem Aggro Berlin-Logo. Es ist Roschlocks früherer Arbeitgeber. Als das Berliner Rapmusik-Plattenlabel 2009 nach jahrelangen Charterfolgen mit Künstlern wie Sido oder Fler seinen Betrieb einstellt und zeitgleich der Verfall des Musikfernsehens einsetzt, kommt Roschlock eine Formatidee, wie man Rapper künftig in Videos in Szene setzen könnte.

Es sollten keine zusammengeschnittenen Musikclips mehr sein, sondern ein an einem Stück abgedrehtes Video, ein sogenannter One-Take-Clip, nur mit einer Handkamera gedreht. „Mit dieser dynamischen Kameraführung konnten wir die Rapper noch besser in den Fokus rücken und damit ihr Profil schärfen“, sagt Roschlock. Zudem habe alle Beteiligten das Wirtschaftliche begeistert. „Die Videos waren schnell gedreht, es waren keine Schnitte nötig und man hatte kaum Ausgaben. Das einzige, was du wirklich für ein gutes Straßenvideo brauchst, sind drei Lampen, zwei im Hintergrund und eine im Vordergrund“, erklärt Roschlock.

Das Format bekommt den rebellischen Namen „Halt die Fresse“ und läuft fortan auf dem noch bestehenden Kanal von Aggro Berlin auf YouTube. Roschlock hat von Sido über Haftbefehl bis hin zu Capital Bra sämtliche musikalischen Schwergewichte der Deutschrap-Szene vor der Kamera gehabt. Über 420 „Halt die Fresse“-Videos hat er bis heute gedreht. Sein Weg bis dahin war allerdings nicht nur rosig, sondern auch gepflastert mit Einschnitten wie Schlägereien oder Knastaufenthalten. Dadurch setzte ein Umdenken bei ihm ein.

Genau von diesen Wendepunkten in seinem Leben erzählt Roschlock dem Autor Johannes Finke, der ein gemeinsames Buch aus Roschlocks Erfahrungen geschrieben hat. Dass „Die Geschichte von Axel und Rap“ (Herzstückverlag, 19,90 Euro) ein Buch geworden ist, erstaunt bei dessen Bewegtbild-Vita doch ein wenig – und macht gleichzeitig Sinn. Schließlich habe er seinen Kontakt und die Erlebnisse mit den Rappern nie groß in die Öffentlichkeit getragen, nur selten Fotos mit ihnen gepostet. Roschlock ist nicht der Star aus der ersten Reihe, und doch hat er prägende Zäsuren erlebt und zu vielem eine Meinung, die er stets nach außen vertritt.

Etwa wenn er im Buch über den Rapper Deso Dogg, seinen früheren Kumpel, der in den Medien eher Bekanntheit unter seinem bürgerlichen Namen Denis Cuspert und als Salafist, der sich der Terrormiliz IS anschloss und vermutlich 2018 starb, schreibt. Natürlich fragt sich Roschlock wie es mit Cuspert so weit kommen konnte. Aber er könne auch nur die Zeit vor Cusperts Konvertierung zum IS beurteilen – und da habe er ihn als „liebevollen“ und „korrekten“ Menschen kennengelernt, der jedoch damals schon einen Hang zur Gewalt hatte.

Im Gartenhaus, das zum Tonstudio umfunktioniert wurde, spricht Roschlock Teile des Buches als Hörversion ein, so zum Beispiel einen Abschnitt darüber, wie sich die Hip-Hop-Kultur in der DDR etabliert hat. Roschlock hat viele Gespräche mit Finke geführt, der insbesondere zum Thema DDR und Rap recherchiert hat. Finke erzählt, dass der Kinofilm „Beat Street“ aus dem Jahr 1984 maßgeblichen Anteil an der Bewegung habe. „Harry Belafonte hat diesen Film produziert. Er war für die DDR-Führung ein anerkannter Star, weil er eine große Zuneigung zu sozialistischen Staaten wie etwa Kuba hatte. „Beat Street“ zeigt, „wie die USA schwarze Menschen unterdrückten und die jüngere Generation sollte sehen, dass der Klassenfeind ein Rassist ist“, sagt Finke. „Die DDR-Führung konnte aber nicht ahnen, dass die Kinobesucher sich mehr für die Sneaker, Breakdancer und Plattenspieler interessierten und fing an, die aufkeimende Bewegung zu beobachten und zu kontrollieren. Hip-Hop war sicherlich einer der Gründe für viele junge Menschen im Osten, die USA und den Westen an sich mit anderen Augen zu sehen und sich stärker für Popkultur zu interessieren. Daraus sind auch einige kleine Revolten entstanden“, sagt Finke.

Revolten im Hip-Hop kennt auch Roschlock. Mit seinem Format „Halt die Fresse“ war er in den 2010er-Jahren am Puls der Zeit. 2015 drehte er mit „Alles kaputt“ eines der ersten Videos von Vladislav Balovatsky, besser bekannt als Capital Bra, was diesem in der Musikszene noch mehr Aufmerksamkeit verschaffte. Die Produktion für neue Videos aus dieser Reihe ruht seit einiger Zeit. Wenn das Format noch mal Fahrt aufnimmt, wolle er „hungrige Rapper von der Straße“ vor die Kamera holen, die aus ihrem Leben erzählen, sagt Roschlock. „Am liebsten würde ich aber eine Gangster-Serie drehen, Digger.“ Genug Stoff für die Episoden würde sein Buch jedenfalls hergeben.