Ein dänischer Küstenort in alter Zeit. Janet Lewis spürt Geheimnissen nach.
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BerlinDas Wort Sog wird in Literaturkritiken möglicherweise etwas zu häufig verwendet, um noch den geeigneten Sog zu entwickeln. Das ist schade, denn so wie in Janet Lewis’ Roman „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ wird selten an arglos Vorüberspazierenden gesaugt. Zuerst ist es kaum zu bemerken.

Die Handlung spielt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in einem Örtchen im dänischen Jütland taucht ein Fremder auf. Fast beiläufig offenbart er ein Geheimnis, von dem unsereinen zu diesem Zeitpunkt gar nichts verstehen kann. Der Zeitpunkt hält aber eine Weile an. Die altertümelnde Sprache, das gemessene Voranschreiten des Gesprächs, das Auserzählen von jedem Handgriff im Wirtshaus: Man wird nicht direkt schläfrig, aber es herrscht schon einige Bedächtigkeit.

Verschlungenes Zuschlagen des Schicksals

Dann aber in der romanlangen Rückblende die Geschichte von damals: Ein verschlungenes Zuschlagen des Schicksals und der menschlichen Schlechtigkeit, die hier auf eine überbordende evangelische Strenge gegen sich selbst trifft. Denn ein übel verleumdeter Pfarrer nimmt nun wider alle Vernunft und Notwendigkeit eine schwere Schuld auf sich, ruiniert sein Leben scheinbar für nichts, aus seiner Sicht aber für alles. Er ist „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“.

Janet Lewis (1899–1998!), eine heute nur noch mäßig bekannte US-amerikanische Schriftstellerin, die vor allem als Lyrikerin tätig war, hat diesen Roman 1947 vorgelegt. Er beruht auf einem Fundstück, einer im frühen 19. Jahrhundert zusammengestellten Sammlung historischer Rechtsfälle. Soeben ist das Buch erstmals auf Deutsch erschienen – dtv bemüht sich um die Autorin, 2018 kam der Vorgängerroman „Die Frau, die liebte“ in Übersetzung heraus, der ebenfalls auf einem Fallbeispiel basiert.

So legen sich mehrere Zeitschichten übereinander: Die Vorfälle selbst, die Aufnahme in eine Sammlung spektakulärer Prozesse hundert Jahre später, die Verwandlung in einen Roman wieder gut hundert Jahre später, schließlich die Übersetzung in eine Welt hinein, in der ein von teuflischen Gewissensqualen geplagter evangelischer Geistlicher in einige Ferne gerückt ist.

Geschicktes, zartes Erzählen

Lewis geht aber nun geschickt und zart vor. Weder versucht sie, die Zeit zu überspringen, noch bemüht sie sich um ein Historienspiel. Sie nimmt sich lediglich des Handlungsverlaufes an und stellt sich vor, wie es vor allem den Figuren um den unfassbar frommen Pfarrer herum ergeht. In einer Zeit, in der Frömmigkeit zum Leben dazugehört, bemerkenswert nur dann, wenn sie abwesend ist.

Auch wenn die wilden Hexengeschichten der treuen Magd von den Herrschaften nicht für bare Münze genommen werden, findet sich doch keiner, der ernsthaft die Existenz von Hexen oder des Teufels leugnen würde. Jeder lebt in seiner Zeit, und Lewis mischt sich da nicht ein. Der Pfarrer sagt: „Ohne die Gnade Gottes zu leben ist so, als wäre man ein Toter im Leben.“

Daraus entsteht eine merkwürdige, angenehme Kühle, die den eigenen Vorstellungen ein bisschen Raum lässt. Ganz von selbst kann jeder feststellen, ob nicht der Abstand von Jahrhunderten und Geisteswelten geringfügiger ist als angenommen. Die Tochter des Pfarrers ist mit 17 Jahren zwar eine erschreckend junge Braut – der Vater findet hingegen: „Fast zu alt zum Heiraten“ –, aber Neugier und Scheu wirken ganz vertraut.

Die Aufdringlichkeit des Bösen, das sich dazu drängt, das mit- und kaputtmachen will, ist von einem schaurigen Realismus. Wie unerfreulich, aber auch wie lehrreich, dass es so oft das Schlechte ist, das man gleich wiedererkennt: Es ist einfacher gestrickt, als es die Freunde des Mephistophelischen uns weismachen wollen. Die Frömmigkeit des Pfarrers hingegen gewinnt an Schillerndem dazu, das Gute ist facettenreich, ambivalent und labil. Und nachdenklich.

Im Märchen käme der Zauberer

Nicht nur schämt sich der Pfarrer zu Recht seines handgreiflichen Jähzorns, der ihn als Wutwolke bisweilen einhüllt. Er reagiert auch ungewohnt borniert und harsch, als ein Halunke und sozial Geächteter um die Hand seiner schönen Tochter anhält. An solchen Stellen ist man inmitten der Psychologie eines Märchens – daraufhin würde der Zauberer die Prinzessin in eine Schnecke verwandeln –, aber auch eines Psychothrillers von heute – daraufhin würde der Underdog zumindest den Dackel der Familie überfahren.

Auch in „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ haben die Schurken jetzt eine Idee. Ist es ein Trost, 400 Jahre später noch einmal mitzuleiden oder erinnert es bloß daran, wie wenig sich seither zum Besseren gewendet hat?

Die Übersetzung von Lewis’ drittem Roman der kleinen losen Folge steht noch aus. Im kurzen Nachwort – ein längeres wäre auch recht gewesen – klingt Rainer Moritz schon verheißungsvoll.

Janet Lewis: Der Mann, der seinem Gewissen folgte (Roman). Aus dem Engl. von Susanne Höbel. dtv, München 2019. 270 S., 22 Euro.