In der Astronomie und Astrologie ist der rote Planet als nächster Nachbar der Erde ein Superstar. Doch im Kino hat sich der Mars immer als recht glücklos erwiesen. Ganz gleich, ob beim US-Regisseur Brian De Palma („Mission to Mars“, 2000) oder angesichts von einschlägigen Filmen mit Schauspielern wie Val Kilmer („Red Planet“, 2000), Vincent Gallo („Stranded“, 2001) oder Liev Schreiber („Last Days on Mars“, 2013) – künstlerisch wie kommerziell waren das alles Katastrophen. Ganz zu schweigen von Disneys „John Carter“ (2012).

Dass nun ausgerechnet Sir Ridley Scott diesen filmischen Fluch brechen würde, schien eher unwahrscheinlich: Die großen Filme des heute 77-jährigen britischen Regisseurs („Alien“, „Blade Runner“ etc. ) liegen lange zurück; inhaltlich wie ästhetisch hat sich in den letzten Jahren eine laue Beliebigkeit in das Werk des einstigen Kino-Visionärs geschlichen. Scotts „Robin Hood“ (2010) und zuletzt „Exodus: Götter und Könige“ (2014) waren Historien-Spielereien. Das Kartell-Drama „The Counselor“ (2013) und die „Alien“-Vorgeschichte „Prometheus“ (2012) waren immerhin ambitionierte Genre-Filme (im kommenden Frühjahr dreht Scott eine „Prometheus“-Fortsetzung). Dennoch war man vor Ansicht von „Der Marsianer“, mit der deutschen Unterzeile „Rettet Mark Watney“, recht skeptisch.

Umso imposanter ist nun, was Sir Ridley aus Andy Weirs 2011 veröffentlichtem Raumfahrt-Roman – und mit erheblicher Unterstützung der NASA – gemacht hat. Scott hält sich nicht mit langen Vorreden auf, sondern stürzt den Zuschauer sofort in die Geschichte: Mehr als zwei Wochen ist das NASA-Team der Ares-3-Mission unter Leitung der Kommandantin Lewis (Jessica Chastain) bereits auf dem Mars, als es plötzlich ganz schnell gehen muss. Ein furchtbarer Sturm zieht auf. Hastig eilen die Astronauten zu ihrer Landefähre, um den Planeten zu verlassen, aber nicht alle schaffen es. Der Botaniker Mark Watney (Matt Damon) wird unterwegs von einem Trümmerstück getroffen und von der Gruppe weggerissen. Die glaubt, einen Toten zurücklassen zu müssen.

Als sich seine Kollegen längst wieder auf der monatelangen Rückreise zur Erde befinden, wacht Watney auf, nur leicht verletzt, aber mit einer eher düsteren Perspektive: Ohne Kommunikationsmöglichkeiten mit seinem Team oder der Erde ist er auf dem Mars verblieben; ungeachtete der Sauerstoff- und Trinkwasser-Systeme der Ares-Station hat er kaum Chancen, denn erst in vier Jahren werden wieder Astronauten auf dem Mars landen. Watneys Vorräte hingegen reichen nur noch für wenige Monate. Doch Aufgeben ist für den Astronauten keine Option.

Rührend, spannend, schlau und filmisch sehr schön

Entschlossen und einfallsreich macht sich Watney an die Arbeit. Er versucht, auf dem unwirtlichen Planeten in der Station Kartoffeln anzubauen. Gedüngt wird mit den säuberlich eingetüteten, mit Namen versehen Fäkalien der Ares-3-Mannschaft. Dies ist das Abenteuer Überleben. Selten hat man beim Kartoffelwachstum mehr mitgefiebert und nie stärker mitgelitten, wenn Watney der einzige Geschmacksverstärker, nämlich Ketchup, ausgeht.

Es steckt viel Wissenschaft in „Der Marsianer“ – und erstaunlich viel düsterer Humor. Ridley Scott erzählt raffiniert von einer Robinsonade voller Rückschläge, aber auch leiser Momente. Das funktioniert nicht nur wegen des Hauptdarstellers Matt Damon, dem natürlich der Großteil des Films gehört und der seinem NASA-Botaniker Mark Watney eine glaubhafte Mixtur aus grimmiger Entschlossenheit, Experimentierfreude, aber auch naivem Charme verleiht. Dem Regisseur Scott gelingt eine beachtliche Narrative ohne Missklang: Sein Film ist ein cleveres, realistisch anmutendes Spektakel, eine Ode an die Raumfahrt, aber ohne die Echtzeit-Hysterie von „Gravity“ oder die Esoterik von „Interstellar“. Scott hatte wiederholt erklärt, sein Film sei keine Werbung für die NASA oder eine künftige bemannte Mars-Mission – selbstredend spricht er der Geschichte und den Raumfahrern aber überzeugende Professionalität zu.

Doch „Der Marsianer“ ist nicht nur ein rührender, spannender und schlauer Film, sondern auch ein filmisch sehr schöner. Ridley Scott läuft hier wieder zu ganz großer Form auf: Die endlosen felsigen Landschaften des Mars, gedreht in Jordanien, wirken gleichermaßen idyllisch wie bedrohlich, die Hardware gebraucht oder benutzbar. Man möchte quasi sofort ins All. Oder wenigstens Kartoffeln essen.