Als Daniil Granin vor drei Jahren vor dem Deutschen Bundestag auftrat, sprach er nicht einfach nur als Zeitzeuge 70 Jahre nach Ende der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Der damals 95-Jährige Granin kam in die Feierstunde zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus als ein Russe, der in der Schule die deutsche Sprache gelernt hatte und als ein Schriftsteller, dessen Werke vieltausendfach von Deutschen gelesen wurden.

Vermutlich mehr als eine Million Menschen starben während der fast 900 Tage dauernden Belagerung. Granin befand sich damals als Kommandeur eines Panzerbataillons selbst innerhalb dieses Kessels, in dem die Menschen durch Hunger und Krankheit gebrochen werden sollten. Er kehrte immer wieder dorthin zurück.

Sämtliche Phasen

Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt, war seine Heimat. Er hat mit den Bewohnern der Stadt sämtliche Phasen der politischen Entwicklung vom Stalinismus über das Tauwetter, durch die Stagnation der Breschnew-Ära, den Aufbruch mit Gorbatschow, den Umbruch mit Jelzin und schließlich das erstarkende Russland Putins erlebt. Am Dienstag ist er in St. Petersburg gestorben.

Die wesentliche biografische Erfahrung der Belagerung Leningrads prägte auch die literarische Arbeit Granins. Sie war vielleicht sogar deren Auslöser, hatte er doch eigentlich Elektrotechnik studiert und vor dem Krieg als Ingenieur gearbeitet, 1949 erschien seine erste Erzählung, „Der Sieg des Ingenieurs Korsakow“.

Leningrader Erinnerungen

Schon sein nächstes Buch, der Roman „Bahnbrecher“ um junge Wissenschaftler in der Nachkriegszeit, wurde ins Deutsche übersetzt und in der DDR veröffentlicht, wie später fast alle seine Bücher. Die Probleme im Ländchen waren oft ähnliche wie in der Sowjetunion, so in dem Roman um Macht und Umweltpolitik „Das Gemälde“ (1980).

Mit dem weißrussischen Schriftsteller Ales Adamowitsch befragte Daniil Granin Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre für das „Blockadebuch“ mehr als 200 Leningrader zu ihren Erinnerungen, lange bevor sich Swetlana Alexijewitsch der Dokumentarliteratur zuwandte. Sie, die Nobelpreisträgerin von 2015, gehört zu seinen Lesern. „Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber auch nichts vergessen darf“, sagte Granin in seiner Berliner Rede. „Hass hat keine Zukunft, er ist kontraproduktiv.“

Ein zorniger Blick zurück

Da war sein jüngstes Buch noch nicht auf Deutsch erschienen, erst 2015 brachte der Aufbau Verlag den autobiografischen Roman „Mein Leutnant“ heraus: ein Denkmal für die Menschen, die für das Überleben anderer kämpften. Aber er warf auch einen zornigen Blick zurück. Deutlicher als zuvor beschrieb der greise Autor darin, wie die sowjetische Führung dem Siechtum des eigenen Volkes zusah, die Armee im Kessel zu Untätigkeit zwang. „Unser Volk ist ein Lakai, es hat Angst, zeigt sich selbst an, und wenn man es den Leuten befielt – legen sie sich freiwillig die Schlinge um den Hals.“

Mit Daniil Granin stirbt nach Tschingis Aitmatow und Jewgeni Jewtuschenko der letzte der bedeutenden Autoren der Sowjetunion, die in ihrem Land an der Grenze des Sagbaren entlang schrieben, die Wahrheit mit Zugeständnissen verbanden, aber sie so wenigstens zu ihren Lesern bringen konnten. Anderen Zeitgenossen war das nicht vergönnt.

Die Kraft des gedruckten Worts

Wladimir Dudinzew etwa, der ebenfalls an der Leningrader Front gekämpft hatte, fiel durch seinen Roman „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (1956) so in Ungnade, dass er erst in der Zeit der Perestroika wieder publizieren konnte. Anatoli Rybakow fand für „Die Kinder vom Arbat“ keinen Verlag und wurde jahrzehntelang nur als Jugendbuchautor wahrgenommen. Boris Pasternak lehnte unter Druck den Literaturnobelpreis ab.

Granin wurde Schriftsteller in einer Zeit, da die Bedeutung des gedruckten Wortes hoch aufgeladen war. Er hat in Versammlungen gesessen, da sich Autoren nichtiger Vergehen bezichtigen mussten und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden. Der Titel seiner Erinnerungen „Das Jahrhundert der Angst“ (1997) beschreibt nicht nur den Krieg.

Die Verantwortung des Einzelnen

Einem besonderen deutsch-russischen Helden widmete Daniil Granin den Roman „Sie nannten ihn Ur“, der im Westen unter dem Titel „Der Genetiker“ erschien: dem Biologen Nikolai Timofejew-Ressowski, der 1925 nach Berlin-Buch kam und hier unter anderem mit Max Delbrück über Genmutationen forschte. Der Wissenschaftler weigerte sich, in die Sowjetunion zurückzukehren, denn dort wurde die Genetik damals verachtet. 1945 ließ ihn der sowjetische Geheimdienst abholen und verbrachte ihn nach Kasachstan.

Es ist die Verantwortung des Einzelnen, die Granin immer wieder interessierte. Als er 1987 in Leningrad auf der Straße stürzte, gingen die Leute achtlos ihm vorbei. In der Stadt, deren Bewohner die Blockade auch deshalb überlebten, weil sie sich halfen. Doch gegen Ende des Sozialismus erlebte der Schriftsteller die Menschen als abgestumpft. Er schrieb einen Essay „Über Barmherzigkeit“ und er gründete einen Verein, der nur dazu gedacht war, Gutes zu tun.