Voller Wut empfangen die Arbeiter eines maroden Chemiewerkes den Treuhand-Chef (Ulrich Tukur) – doch der steigt aus dem Auto und stellt sich der Menge. Nicht nur im Film, auch in der Politik wird derzeit wieder über die Treuhand diskutiert, jene Institution, die binnen kürzester Zeit die DDR-Wirtschaft auf Marktwirtschaft umstellen sollte und dabei weite Landstriche deindustrialisierte. Die Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder im April 1991 war schon damals Thema in der darstellenden Kunst, etwa in Rolf Hochhuths provokantem Theaterstück „Wessis in Weimar“.

"Der Mordanschlag" ist Fiktion gepaart mit der Orientierung an historischen Ereignissen

Der ZDF-Zweiteiler „Der Mordanschlag“ basiert auf dem Roman „Die letzte Terroristin“ von André Georgi, der auch das Drehbuch schrieb. Der Film orientiere sich an historischen Ereignissen, sei aber fiktiv, ebenso die Personen, betont der Vorspann. Der Treuhand-Chef heißt hier Dahlmann und wird von Ulrich Tukur als integrer, eloquenter Wirtschaftslenker gespielt, der nicht abwickeln, sondern gestalten will. André Georgis zentrale Idee besteht nun darin, dass der Mann nicht nur von einem Scharfschützen erschossen wird, sondern dass die RAF vorher schon eine Helferin in seiner Nähe platziert hatte. Für die Figur der Sandra Wellmann (Petra Schmidt-Schaller) standen zwei RAF-Frauen Pate: Wie Susanne Albrecht erschleicht sie sich das Vertrauen des Opfers, wie Ulrike Meinhof lässt sie ihr Kind zurück. Dazu kommt ein weiterer Konflikt: Sandra, die als Assistentin von Dahlmann arbeitet, erlebt mit, dass ihr Chef ja kein skrupelloser Kapitalist ist, sondern um viele Betriebe kämpft.

ZDF-Film "Der Mordanschlag" zerfasert mit überflüssigen Handlungsfäden

Der erste, ruhigere Teil beschreibt die Annäherung der beiden Figuren, während die Beamten von BKA und LKA immer konkretere Hinweise für den Anschlag bekommen. Das ist spannender als der action-getriebene zweite Teil, der zeigt, wie Sandra nach der Tat in einen Strudel hineingezogen wird. Sie muss mit der erfahrenen Terroristin Bettina (Jenny Schily) fliehen, die das Attentat zwar plante und mit pseudorevolutionären Phrasen motivierte, die aber beteuert, nicht geschossen zu haben. Auf der anderen Seite steht ein BKA-Mann (Maximilian Brückner), der vermutet, nicht die RAF, sondern deren frühere Ausbilder von der Stasi steckten hinter der Tat. Sein Hauptargument bleibt schwach: Die RAF sei gar nicht in der Lage, einen solch präzisen Schuss abzugeben. Dabei muss sich der Mann nicht nur mit seinen Chefs, sondern auch mit seiner Exfrau auseinandersetzen – solch überflüssige Handlungsfäden lassen den Film immer weiter zerfasern.

Daneben bringt der Autor noch eine Verschwörung westdeutscher Industrieller ins Spiel, die sich vom Treuhand-Chef bei ihrer Ost-Expansion gestört fühlen.

Figuren im Film "Der Mordanschlag" gehen nicht ans Herz

Regisseur Miguel Alexandre, der auch die Kamera führte, ist eigentlich Spezialist für das Polit-Melodram, wie „Die Frau von Checkpoint Charlie“ mit Veronica Ferres. Auch in diesem Thriller zielt er allzu deutlich auf Gefühle: So hinterlässt jedes Opfer ein kleines Kind, nicht nur Dahlmann und sein Enkel. Auch ein ermordeter Bankier (Richard Sammel) und der Stasi-Mann (Thomas Lawinky) werden unmittelbar vor ihrem Tod mit ihren Kindern gezeigt. Sandra, die bei einer Aktion verhaftet wird, die den Ereignissen in Bad Kleinen ähnelt, verliert schließlich ihren Sohn.

Doch selbst die Figuren, die so deutlich wie die Terroristin wider Willen auf Emotionalisierung ausgerichtet wurden, kommen einem nicht wirklich nahe. Petra Schmidt-Schaller bekommt kaum Raum, Sandras Loyalitätskonflikte auszuspielen, wird in die Schablonen eines Kolportage-Thrillers gepresst, der mal Fiktionalität behauptet und kräftig spekuliert, dann wieder zu nahe an der Historie klebt.
Die ZDF-Dokumentation am Mittwoch stellt dann Filmbilder neben damalige TV-Aufnahmen und beteuert immer wieder, wie und wo der Spielfilm der Realität gefolgt sei. Neben vielen Personen, die Rohwedder erlebten, kommt er auch selbst zu Wort, etwa in ZDF-Diskussionen mit Regine Hildebrandt. Doch die Stasi-Spekulationen entkräftet die Doku recht deutlich: Die Ostberliner Genossen hätten zwar Terroristen Unterschlupf gewährt, deren Ausbildung aber schon 1984 eingestellt. Heute gilt es als erwiesen, dass die RAF Rohwedder erschoss. Unklar bleibt nur: wer?

Der MordanschlagMontag und Mittwoch, jeweils 20.15 Uhr, ZDF
Dokumentation Mittwoch, 21.45 Uhr