Der Bildhauer Günther Uecker hinter einem Detail aus seinem achtteiligen Nagel-"Wald" von 1984 in der Sammlung der Nationalgalerie (derzeit wegen der Bauarbeiten im Depot).
Foto:  Max Lautenschläger

Berlin- Rostock-Schwerin. Günther Uecker kam  am 13. März 1930 auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow zur Welt. Berühmt wurde er in Düsseldorf, wohin er 1953 nach seinem Rauswurf aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo seine  freie Kunstauffassung die Stalinisten reizte, geflohen war. Seit fünf Jahrzehnten nennt man ihn den "Nagelkünstler". Deswegen zählt er heute zu den bedeutendsten deutschen Künstlern. Noch in diesem Jahr gründet  er ein Forschungsinstitut, das Stipendien an junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vergibt. Heute wird er Neunzig. Wir gratulieren! Und in Rostock und Schwerin, in den großen Museen seiner alten mecklenburgischen Heimat, beginnen Retrospektiven.

Seit Jahren fabriziert er Sitzkissen und ganze Wälder aus Nägeln, auch Andachtsräume, etwa den des Deutschen Parlaments im Reichstagsgebäude. Er baute meditative Sandspiralen in Wüsten, schrieb nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989 auf Leinen mit schwarzer Tusche mahnende Briefe an die Machthaber in Peking. Und er schuf mit den „Aschebildern“ ein Gleichnis für die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und illustrierte so auch das Buch „Störfall“ von Christa Wolf. Er zertrümmerte Klaviere als Metapher für die „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938, in der Nazis Konzertflügel und andere Musikinstrumente aus jüdischen Wohnungen warfen. Und er verhüllte Altäre, wie 2017 am Aschermittwoch den der Paul-Gerhardt-Kirche in Prenzlauer Berg.

Poetische Störbilder

Günther Uecker ist kein religiöser Mann. Auch kein Anarchist. Vielmehr glaubt er an die tröstende, ermutigende und an die irritierende Kraft der Kunst. Und wo immer er gerade ist, verwandelt er Emotionen in poetische Störfaktoren. Oder in „Friedensangebote“: Helle Bänder und umschnürte Bündel bilden eine bildhauerische Ringparabel für das gestörte Nebeneinander von Christentum, Judentum und Islam. Auf weiße Tüchern schrieb er Bibelsprüche, Thoraverse, Koransuren. „Religion“, sagt er, „ist seit Urzeiten die Begleiterin der Menschheit, Wiege der Moral, Weisheit, Hoffnungsspenderin. Leider auch tyrannische, unbarmherzige Herrscherin.“

In seinem Bilderkosmos macht Uecker deutlich, dass die Welt aus den Fugen ist. Gewaltsam. Und aus Mangel an Achtsamkeit, wegen der Gleichgültigkeit. Seine eigene war es bereits 1945, als er   15 war. Vor der Küste waren Schiffe gesunken, mit KZ-Häftlingen an Bord. Das Meer hatte die Leichen der Frauen, Kinder, Männer angespült. Rotarmisten trieben die Jugendlichen vorgehaltenen Kalaschnikows zusammen, die Toten zu verscharren. Der Junge begrub mit anderen Halbwüchsigen 175 Leichen. Das Trauma blieb.

Uecker studierte nach seiner Flucht aus dem Osten an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Otto Pankok, der wie Heinz Mack zur Künstlergruppe Zero gehörte, die aus profanen Materialien Bilder machte. Bald beengte ihn der Gruppengeist, und er arbeitete zunehmend allein.

Der Wald im Museumsdepot

Irgendwann   schlug er Nägel in einen gefällten Baum, durchsägte die Stämme, verschaffte ihnen in berserkerhaften Nagelaktionen Stahlhäupter. Die in Serien entstandenen Gebilde gleichen Graspilzen oder Dornenkränzen. Der Kontrast von organischer Substanz und technischer Materialität wirkt beunruhigend. Inzwischen zählt Ueckers „Wald“ von 1984 zu einem der wichtigsten Schaustücke deutscher Gegenwartskunst, das Werk gehört der Neuen Nationalgalerie und steckt wegen der aktuellen Restaurierung leider im Depot. Darüber hinaus malte er Bilder, auf denen sich Ölfarbe mit Geäst und Grasbüscheln vereint: Vergänglichkeitssymbole oder Menetekel für die Vergewaltigung der Natur durch den modernen Menschen. Als Bauernjunge an der Waterkant aufgewachsen, hat Uecker von klein an den Umgang mit Tier, Mensch und Natur erlebt, ehe der Krieg in seine Jugend eingriff.

Ruhe kann er nicht finden. Auch nicht inmitten der Materialien, die ihm Kunstmittel sind: Holz und Asche, Nägel, Steine, Farben und Sand. „Ich mache Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um“, sagt er über seine Arbeit. „Die Quellen meiner Kunst sind außerhalb der Kunst.“ Landschaften, die Gesellschaften der Erde, die Politik meinen. Für den Bildhauer sind die im rhythmischem Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu dunklen Feldern und gefährlichen Furchen geformten Gebilde eine Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken.

Die überdimensionalen Stahlstifte sind seine Pinsel, die er mit Gewalt durch Leinwände und Tafeln, Klaviere, Nähmaschinen oder Tischplatten treibt, bis die Fläche dreidimensional wird. Doch fährt man mit den Fingerkuppen über manche Nagelfläche, spürt man auch Sanftes, als streichle man einem struppigen Tier den Pelz.

Geburtstagsausstellungen in der Rostocker Kunsthalle (erstmals mit dem „Hafez-Zyklus“) ab 13.3. bis 19.7. und im Staatlichen Museum Schwerin bis 1.6.