BerlinIch bin im November geboren. Ich kenne mich also sehr gut aus mit grauen Nebel- und Regentagen und matt-dunklen Stimmungslagen und, überhaupt, mit allen anderen Zutaten, die den November zum vielleicht anstrengendsten Monat im Jahreszyklus machen. Im Schönheitswettbewerb der zwölf Jahresteile dürfte der November am schlechtesten abschneiden. Denn: Der Dezember hat Weihnachten, der Januar die guten Vorsätze, der Februar wiederum lockt mit der Aussicht auf den März (und natürlich auf den Frühling). Aber der November? Er hat nichts zu bieten außer den nebulösen Vorgeschmack auf Monate emotionaler Finsternis.

irgendwie fühlt sichs momentan bissl so an als wär man mit der ganzen gesellschaft stationär auf der psychiatrie, alle...

Gepostet von Stefanie Sprengnagel am Sonntag, 8. November 2020

Dieses Jahr, man muss es gar nicht konkret aussprechen, zeigt sich der November von seiner furchtbarsten Seite. Viele der Strategien, um seiner Gräue zu entkommen, fehlen: der Theater- oder Kinobesuch, das Konzert, das Date mit Kerzenschein im Restaurant. Was jetzt hilft, ist allein die Fantasie. Sie muss angekurbelt werden, damit wenigstens im Kopf das Lichtlein der Hoffnung glimmt.  

Lesende haben einen großen Vorteil. Sie brauchen weder Netflix noch Smartphone, um mit dem Verstand in andere, hellere Sphären zu reisen. Andere können es auch so. Robert Musil nennt jene die Glücklichen, die im Kopf frei fantasieren können, Menschen, die über einen Möglichkeitssinn verfügen. Im „Mann ohne Eigenschaften“ heißt es: „Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn (...). So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Was ist also mein Rezept für den Novemberblues? Es klingt albern, aber es ist so: Lesen und den Möglichkeitssinn ankurbeln! Lesen hilft, im Kopf zu verreisen, den Juli zu besuchen oder sich eine Zeit nach der Pandemie vorzustellen. Übrigens hat die Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück diese Fähigkeit jüngst in einem neuen Gedicht als „Feuer der Imagination“ bezeichnet. Die Fantasie, man muss sie jetzt zum Leuchten bringen – so hell und kräftig und tapfer wie schon lange nicht mehr.