Lieber Ingo! Für die Zeit einer Stadtschreiberschaft lebe ich im finnischen Tampere. Zum Frühstück lese ich auch hier deutsche Zeitungen, freilich online. Über Deinen Artikel in der Berliner Zeitung war ich froh. Nicht nur, weil ich leider zu den Unsinnfaslern gehöre. Stets habe ich die Faust aufs Auge schlagen lassen, wenn ich etwas besonders passend fand.

Dabei hast Du recht, es ist etwas Schmerzhaftes, etwas, das einer erst einmal die Sicht nimmt, kriegt sie es ab. Die Faust aufs Auge der Demokratie treffen zu lassen, ist ein Anschlag auf selbige. Ich danke Dir, dass Du mich darauf hinweist.

Ehrlich überdrüssig

Ich danke Dir vor allem dafür, dass Du offen aussprichst, der Erregung über die AfD überdrüssig zu sein. Das bin ich auch, und ich kenne genug Leute, die das ebenso sehen, aber wohl vereinzelt oder in ihren Intimzellen abwarten, wer als nächster für diese Aussage eins auf die Mütze kriegt. Es gehört zum guten Ton, sich über die AfD aufzuregen und darauf zu pochen, ihr den Vorsitz in diesem oder jenen Regierungsorgan auf keinen Fall zu überlassen. Der Demokratie wegen, die gerade dadurch auch ausgehebelt wird, oder?

Du schreibst über den Sprachgebrauch und seine Verwunderlichkeiten. An einem Beispiel, das mir naturgemäß – ich habe bislang sieben Enkel – nahe ist, will auch ich gewissermaßen davon sprechen. Der Begriff des Beherrschtwerdens ist aus dem gesellschaftlichen Diskurs nahezu verschwunden, dabei reproduziert es sich nach wie vor und bestimmt das Leben einer nicht kleiner werdenden Zahl von Menschen.

Die Dominanz der Herkunft

Im Grundgesetz, Artikel 12 steht, dass alle Deutschen das Recht haben, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Wie unfrei dabei schon die Wahl der Ausbildungsstätte ausfällt, belegen inzwischen viele, auch internationale, Studien. In Deutschland bestimmt die soziale Herkunft den schulischen Werdegang der Kinder.

Wer keine in der bundesdeutschen Beschäftigungshierarchie weit oben angesiedelten Akademiker als Eltern hat, wird deutlich seltener selbst einer. Wessen Eltern Hartz IV beziehen, wird das mit ungleich größerer Wahrscheinlichkeit als der des Zufalls eines Tages ebenso tun.

Wer aber in der Beschäftigungshierarchie weit oben steht, hat in der Regel auch räumlich keinen Zugang zur Hartz-IV-Welt und, außer der sehr gezielt medial vermittelten, keine Vorstellung davon, wie Leute damit leben. Wie sie essen, trinken, sprechen, spielen, die Welt sehen.

Ungerechte Verteilung

In den Berliner Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf lebt ein Drittel der Menschen von Hartz IV, in den zum Bezirk gehörenden sogenannten Siedlungsgebieten nur jeder Zwanzigste. Im Bezirk wachsen 39 Prozent aller unter 15-Jährigen in Hartz-IV-Familien auf, bei den Untersechsjährigen sind es gar 41 Prozent. Nicht mehr weit bis zur Hälfte. Sie leben in den Großsiedlungen, während zum Beispiel in Mahlsdorf, meiner netten Einfamilienhausgegend, nur drei Prozent aller Haushalte SGB II, wie Hartz IV haushaltsrechtlich heißt, beziehen. Nachzulesen im Sozialbericht 2015 auf der Website des Bezirksamtes.

Wer es nicht schafft

Das alles kann heißen: Wer von unten aufsteigen will, muss erst einmal mit seiner Herkunft brechen. Muss sich anderen Kommunikations- und Bekleidungsstilen, Umgangsformen, Tagesrhythmen usw. öffnen. Davon ist keine Rede im gesellschaftlichen Diskurs, der von jenen bestimmt wird, die es, so oder so, geschafft haben. Und geschafft haben es ja alle politisch relevanten Lager, zumindest in den Augen derer, die es unter den gegebenen Umständen eben nicht schaffen werden. Um es deutlich zu sagen: die ihre Herkunft „vergessen“ müssten, um so weit zu kommen. Die Würde: ein verletzbares Wesen.

Dabei würde ich nicht so weit gehen zu sagen, dass das Bildungssystem auf genau diese Wirkweise hin konstruiert worden sei. Im Gegenteil! Aber es ist ausgehöhlt von Reformgeschwätz, wo Widerstand gegen soziale Schicksale auf die Tagesordnung gehörte, und es hat die Eigenverantwortung an jene Stelle rücken lassen, wo von Suppression die Rede hätte sein müssen. Nach wie vor. Soziale Gruppen wurden diskursiv entsorgt.

Vereinzelt und beherrscht

Und so kommt es, dass „gleichberechtigte“ Individuen eben keine Gruppeninteressen zu artikulieren, sondern sich regieren zu lassen haben. Das ist gewissermaßen Konsens in der politisch-medialen Bandbreite. Unterprivilegierte haben die Erfahrung machen müssen, dass jene, die sie, die Regierten, doch vertreten sollen, keinesfalls mit ihrer Stimme sprechen, sondern mit der der Regierenden, als die sie sich über sie hinweg eingerichtet haben im mauschelwarmen Lager. Kein Laut dringt von unten hinauf durch die Mühlen der Alltagsbürokratie.

Was früher eine Sache der Rechten war, nämlich sich Dinge wie Sozialabbau auf die Fahnen zu schreiben, machten die Linken europaweit mehr und mehr zu ihrer eigenen, wo sie sich in Regierungsverantwortung wiederfanden seit den Anfängen des Neoliberalismus.

Rassistische Reflexe

Die Tatsache, dass es in Deutschland qua DDR eine vermeintlich noch linkere Partei gibt, nämlich Die Linke, mag einige Jahre lang das deutsche Protestwählertum gebunden haben. Angesichts von Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz-IV war im Sommer 2015 dann aber der Punkt erreicht, an dem das Fass überlief und rassistische Reflexe, die schon immer auch oder gerade innerhalb der Gruppe der Benachteiligten virulent waren, hervorschossen.

Die sie bündelten, begierig aufnahmen, um eine Alternative für Deutschland in den Raum zu stellen, kamen durchaus aus einem anderen Milieu. Sie gaben den Unterprivilegierten das Gefühl, die einzigen zu sein, die sich ihrer annehmen. Wenn man merkt, dass die eigene, im Grundgesetz bescheinigte Würde verwundbar ist und verletzt darniederliegen kann, macht man sein Kreuz auf dem Wahlzettel eben an jener Stelle, von der man sich die Wiederaufrichtung dieser Würde verspricht.

Nicht mehr stumm

Nichts liegt mir ferner, als hier die Schuldfrage zu stellen. Wie der Gegensatz zwischen Herrschenden und Beherrschten in der öffentlich-medialen Aufmerksamkeit zum Beispiel zu jenem zwischen „Deutschen“ und „Ausländern“ werden konnte, ist eine vielschichtige Angelegenheit.

Den in ihrer Würde verletzten Unterprivilegierten jetzt aber die Wahl der AfD vorwerfen zu wollen, ist ungefähr dasselbe, wie in ihnen bestenfalls Opfer zu sehen, zu denen Ausgrenzung und Prekarisierung sie gemacht haben. Dass sie als Hilfeempfänger stumm bleiben, hatten sich die Regierenden, gewollt oder ungewollt, erhofft. Dass sie es nicht taten, ist ihnen, so bedauerlich ihre Wahl anmuten mag, auch als Leistung zuzuschreiben.

Die Karten liegen offen

Die Wähler der AfD sind keineswegs allein in der Gruppe der Unterprivilegierten zu suchen. Aber das Verschwinden einer kollektiven Identität zieht eben auch neue Blockbildungen nach sich, über die man sich wundern, die man aber, je nachdem, wie man auf die Welt schaut, auch wieder als neuen Gruppenaufbau verstehen und durchaus analysieren kann…

Das führte hier zu weit. Was ich sagen wollte: Das Verschwinden von Worten aus unserer Begrifflichkeit bedeutet ja nicht, dass jene, die sich diesen Worten zuordnen ließen, gemeinsam mit ihnen das Weite gesucht haben. Sie sind noch da, die Beherrschten wie die Beherrschenden. Dass die Karten jetzt offener auf dem Tisch liegen als vor der Wahl, ist vermutlich besser, als ich zugeben kann. Dennoch ist es kein Spiel, zu dem sie dorthin gepackt wurden. Wir werden auch zivilen Ungehorsam brauchen, um anders zu sprechen und zu handeln. Mögen wir ihn finden. Herzlich – Deine Kathrin.

Zum Essay von Ingo Schulze, erschienen am 7. Oktober in der Berliner Zeitung