Neulich verbreitete ich einen Tweet, in dem ich mich darüber wunderte, warum sich so viele sich über die Freifahrten für die Bundeswehrsoldaten aufregten. Also die, die im Zweifel auch für uns den Kopf hinhalten, wie es ein Kollege formuliert hatte. Sofort schallte es mir entgegen: „Also für mich muss keiner den Kopf hinhalten, ich sehe nicht, wo wir uns verteidigen müssten“, „Schulkinder, Schwangere und Rentner sollten auch frei fahren dürfen“, „Soldaten sind Mörder“. Der Hass, der durch die Zeilen drang, erschreckte mich.

Ich dachte an meinen vierzehn Jahre alten Neffen in Brandenburg, der gesagt hatte, dass er zur Armee will, um Pilot zu werden. Während das wohl in großstädtischen Akademikerfamilien zu einer Krise führen würde, findet bei uns in der Familie kaum jemand etwas an dieser Wahl anstößig.

Die Bundeswehr ist mangels Alternativen ein begehrter Arbeitgeber, einer, der auch Aufstieg ermöglicht. Man wird nicht schief angeschaut, wenn man sagt, dass man Soldat werden will. Nur ich trat als kritische Tante aus der Großstadt auf und fragte: „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Ich war die Spielverderberin.

Wenn mein Neffe sich in seinem Dorf und den Dörfern drumherum umschaut, dann sind diejenigen, die das meiste Geld haben, die die coolsten Autos fahren, die vom Abenteuern im Ausland erzählen können, oft Ex-Soldaten. Führerschein für den Lkw, Ausbildung, alles wird bezahlt. 

Soldaten aus wirtschaftsschwachen Gebieten 

Ausland heißt aber nicht Interrail in Barcelona, sondern Kosovo, Afghanistan. Und die Wunden, die sie von den Einsätzen mitbringen, die sieht man nicht auf den ersten Blick. Es ist gar nicht so einfach herauszufinden, wie viele Ostdeutsche in der Bundeswehr arbeiten. Aus dem Verteidigungsministerium verlautet, die Bundeswehr sei die „Armee der Einheit“, deshalb gebe man keine Zahlen heraus. 

Nach einer Statistik von 2010 sind Ostdeutsche überproportional an Auslandseinsätzen beteiligt. Etwa die Hälfte der Soldaten im Auslandseinsatz waren damals laut Statistik Ostdeutsche – obwohl der Anteil der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung weniger als 20 Prozent beträgt. Aus der Statistik ging hervor, dass besonders die unteren Dienstgrade aus Ostdeutschland kommen. Von den vier Generälen im Auslandseinsatz stammte keiner aus dem Osten.

Über die Zahlen wurde damals berichtet. „Treibt die Not viele Ostdeutsche zum Afghanistan-Einsatz?“, schrieb die Mitteldeutsche Zeitung. Der Historiker Michael Wolffsohn, der lange an der Bundeswehr Universität München lehrte, sprach von einer „Ossifizierung“ und der Gefahr, dass die Armee sich zu einer Unterschichtenarmee entwickeln könnte. Seitdem gibt das Ministerium keine Zahlen mehr heraus.

Ich schicke Michael Wolffsohn eine E-Mail. „In der gesamten Menschheits- und Militärgeschichte konnte man potenzielle und faktische Krieger nur mit mindestens einem der drei, am besten allen drei Faktoren gewinnen: Macht, Ansehen und Ruhm, Geld“, antwortet er. Es seien in der Bundeswehr vor allem Soldaten aus wirtschaftsschwachen Gebieten vertreten – und das ist nicht nur, aber vor allem der Osten.

Außerdem sei das Ansehen des Militärs im deutschen Osten (noch) nicht so negativ wie im Westen, fügte Wolffsohn hinzu. Mein Neffe will jetzt ein Vorgespräch führen. Bald kommen die Bundeswehr in die Schule, zur Karriereberatung.