Das Hermannsdenkmal in der Nähe von Detmold.
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BerlinEine innere Zerrissenheit, die man ihm nicht gleich anmerkt, ergibt sich bereits aus dem Namen. Der Ostwestfale scheint nicht genau zu wissen, wo er hingehört. Schließlich gibt es ja auch keine Nordsüdmenschen. Und wenn Nord und Süd doch einmal in einem Satz auftauchen, assoziiert der politisch denkende Mensch sogleich einen fundamentalen Konflikt. Der Ostwestfale indes hat sich damit arrangiert, dass die Himmelsrichtung Ost nicht im Widerspruch zu jener im Westen steht, sondern vielmehr den östlichen Raum Westfalens bezeichnet, was als historische Einheit nie allzu lange Bestand hatte. Die größte Aufmerksamkeit hat noch der Cherusker Hermann erfahren, den man sich dank Ridley Scott als einen tapferen Gladiator unter Römern vorstellen kann. Später bezeichneten die Sachsen den westlichen Teil ihres Siedlungsgebietes als Westfalen, der mittlere hieß Engern und der östliche Ostfalen. Aber so viel Eigenständigkeit schien den Stammesangehörigen nicht allzu geheuer, weshalb sich die Bezeichnung Ostfalen nicht durchzusetzen vermochte und sie es vorzogen, lieber als Ostwestfalen weiterzumachen.

Zufriedenheit ist eine Kategorie, die dem Ostwestfalen wichtig ist, weshalb er sich am liebsten zu Hause aufhält. Der Ostwestfale reist nicht gern, aber er hat nichts dagegen, die sprichwörtlichen Wohnwagen der Niederländer auf den dafür bereitgehaltenen Campingplätzen zu beherbergen. Die Liebe des Ostwestfalen zur Heimat ist derart intim, dass Namen wie Eggegebirge, Teutoburger Wald und Delbrücker Land weitgehend unbekannt geblieben sind in der Welt. Die Schönheit der Gegend, wie man hier sagt, behalten die Einheimischen lieber für sich. Für sie ist es unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die, von den Holländern einmal abgesehen, darauf aus sein könnten, ihren Landstrich zu Erholungszwecken aufzusuchen.

Um so bitterer ist es nun für den Ostwestfalen, das Stigma mit sich herumzutragen, Überträger einer gefährlichen Seuche zu sein. Aber plötzlich war es da, das Virus in Verl, Rheda-Wiedenbrück und Gütersloh, und wer die Region einmal durchquert hat, weiß, was das heißt. Vorstadt reiht sich hier an Vorstadt, und ehe man sich versieht, ist man bereits in Bielefeld oder Paderborn. Der Ostwestfale würde sein Leid nie lauthals beklagen, aber es verletzt ihn doch sehr, dass er als Fahrzeughalter mit dem Kennzeichen GT demnächst an der Weiterfahrt nach Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern gehindert werden soll. Schon möglich, dass der Ostwestfale gar nicht von zu Hause fortgewollt hätte. Es nun aber nicht zu dürfen, wird er in der ihm aus guten Gründen nachgesagten Wortkargheit kopfschüttelnd von sich weisen. Der Ostwestfale redet nicht gern über sich, aber er weiß, wie es zugeht in der Welt, die nun vor ihm abgeriegelt werden soll. Der schönste Witz über die Unlust, Worte oder gar ganze Sätze aneinander zu reihen, soll hier nicht unterschlagen werden, obwohl man ihn eigentlich nur versteht, wenn man Ostwestfale ist oder einen kennt. Kommt ein Mann in eine ostwestfälische Kneipe mit einem Papagei auf der Schulter. „Spricht der?“, fragt daraufhin ein Gast. „Keine Ahnung“, sagt der Papagei, „Ich habe ihn noch nicht sehr lange.“

Wenn Corona nicht in dem Schlachtbetrieb des Mannes ausgebrochen wäre, der sich von Rheda-Wiedenbrück aus nach Gelsenkirchen aufgemacht hat, um sich dort den örtlichen Fußballklub Schalke 04 untertan zu machen, hätte es für den Ostwestfalen, der schon mangels alternativer Freizeitbeschäftigungen ein Fußballfan ist, noch ein ganz versöhnlicher Sommer werden können. Der Abstieg des SC Paderborn aus der Bundesliga war schon deshalb zu verschmerzen, weil bereits der Aufstieg ein Jahr zuvor als seltsame Fügung angesehen werden durfte. Alle anderen hatten sich beharrlich geweigert, den Platz der Paderborner einzunehmen. Fast wäre es also eine ohnehin nur von Autochthonen wahrgenommene Angelegenheit gewesen, dass der SC Paderborn und Arminia Bielefeld ihre Plätze aus Liga eins und Liga zwei tauschen.

Nun jedoch hat der Kreis Gütersloh die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich gezogen und die Ostwestfalen zu einer Kohorte gemacht, die man sich besser vom Leib hält. Und wer GT sagt, meint letztlich auch PB, BI und HF. Der solide Nachbarschaftsregionalismus, der eben noch gute Chancen hatte, eine echte Alternative zu nationalstaatlichen Verspannungen zu sein, ist infiziert worden mit Vorsicht, Angst und Ablehnung. Was einmal als Ressentiment gegeißelt wurde, kehrt nun als berechtigtes Schutzinteresse zurück. Vorbei die Zeit, als „lippische Schützen“, wie es in dem einschlägigen Lied über die Lipper aus Detmold und Umgebung heißt, gen Frankreich zogen, um das Vaterland zu schützen. Mit den soldatischen Tugenden der Lipper war es nicht so weit her. Schon vor der Schlacht hatten sie ihre heimischen Speisen verzehrt, und oft kamen sie erst an, wenn bereits alles vorbei war. In dieser Weise sind die lippischen Schützen eher eine Art Friedensarmee. Selbstironie, man mag es kaum glauben, gehört zu den Merkmalen des Ostwestfalen. Vor einem Virus läuft er nicht gleich davon.