The Kinks um 1970 mit Ray Davies (rechts).
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Es kursieren viele Geschichten über „Lola“, aber weil es zu ihrem oder auch seinem 50. Geburtstag um den Mann gehen soll, der „Lola“ schuf, begnügen wir uns hier mal mit der Geschichte, die er selbst erzählt: Da ist es sechs Uhr in der Früh in einem Club in Soho, es war eine wilde Nacht, und der Mann, er heißt Ray Davies, macht eine interessante Beobachtung.

Sein Kumpan und Manager Robert Wace hat eine Frau aufgerissen, und er will sich mit ihr zu einem Abenteuer abseilen. „Hast du die Bartstoppeln gesehen?“, fragt Ray Davies. Wace antwortet: „Yeah“. Doch „er war zu besoffen, um sich darüber Sorgen zu machen“, so erzählt es Davies in seiner Biografie. Und also entschwanden die beiden in den Morgen ­– und in die Fantasie von Davies, der den Moment zu seinem berühmtesten Song verarbeitete.

Am 12. Juni 1970 erschien dieser Song als Single, er gilt heute als die offizielle Begrüßung von Transgender in der Massenkultur ­­­– ein Meilenstein, der den Weg ebnete für David Bowie und Lou Reed, Boy George, Hair Metal und Gay Disco, für das, was heute LGBT heißt: „Girls will be boys, and boys will be girls, it’s a mixed up, muddeld up, shoock up world, except for Lola ...“

Ray Davies aus Muswell Hill in Nordlondon, Kopf und Herz der Kinks, hatte nichts davon im Sinn – sondern bestenfalls still auf einen Hit gehofft. Aufgenommen schon zwei Jahre zuvor, hatte es der Song noch nicht mal auf das 1968 erschienene, damals gefloppte, heute als Dokument und zentrales Werk der Kinks gerühmte Album „The Village Green Preservation Society“ geschafft. Nur weil er seine kleine Tochter Victoria das „La-la-la“-Thema vor sich hersingen hörte, habe er „Lola“ noch mal ausgegraben, erzählt er.

„Lola“ hätte wunderbar gepasst in das Panoptikum an Kauzen, die die Kinks da präsentierten. Cross-Dressing und Travestie nahm Davies schlicht und nicht ganz zu Unrecht als eine jener urenglischen Schrullen der Common People wahr, als deren Anwalt und Stimme er sich stets verstand: des biertrinkenden Mannes und der marmeladekochenden Frau, deren Dach undicht ist und deren Küchenspüle leckt – „out of work and got no money, a Sunday joint of bread and honey“, wie es in dem Song „Dead End Street“ von 1966 hieß. Radio und Fernsehen erachteten ihn seinerzeit als unspielbar. So viel Wirklichkeit war unerhört, zumal im Gewand solch verstörend schöner Songs, wie Ray Davies sie schrieb.

Dass Ray Davies vier Jahre später mit „Lola“ durchkam, ist natürlich erstaunlich. Andererseits waren es epochale Jahre in der Popkultur, die Woodstock-Generation hatte die „mixed up, muddeld up, shook up world“ zur Wirklichkeit gemacht, der sich auch die Musikredakteure der Radiostationen nicht mehr verschließen konnten, ohne wie aus der Zeit gefallene Trottel auszusehen. So konzentrierten sie sich absurderweise auf die Erwähnung von Coca-Cola im ersten Vers und schmissen den Song wegen Schleichwerbung aus dem Programm. Ray Davies sang die Strophe kurzerhand neu ein, machte „Cherry Cola“ draus, und damit war „Lola“ in der Welt.

Rein formal war es natürlich ein klassischer Kinks-Song, mit genau der allen Davies-Kompositionen innewohnenden Mischung aus Aggression und Aspiration, die sich legendärerweise auch in ihren Konzerten niederschlug, während derer sich die Davies-Brüder regelmäßig auf offener Bühne an die Haare gingen – zum Pläsir des komplett durchdrehenden, juvenilen Publikums, das sich in alldem wiederfand.

Denn bei aller melodischer Raffinesse und lyrischer Sophistication ging es doch nahezu immer ums Abgehängt- und Ausgeschlossensein. Um die Tristesse, der man nicht entrinnen kann („Sunny Afternoon“), das schöne Leben, das man nicht haben kann („Waterloo Sunset“). Letztlich natürlich auch um das Mädchen, das man nicht kriegen kann, weil es kein Mädchen ist („Lola“). Und über allem schwebte eine zwischen Dickens’scher Romantik und Proto-Skinheadtum changierende Beschwörung eines untergehenden Working-Class-Paradieses, das es nie gab.

Der amerikanische Markt und damit das Ticket zum Superstartum blieb diesen urbritischen musikalischen Kitchen-Sink-Dramen freilich lange verwehrt. Auch ob eines Einreiseverbots von 1965 bis 1969, dessen Ursprung mysteriös ist. Ray Davies beharrt bis heute darauf: „Sie hielten uns für Kommunisten.“ Aber er ist nicht gram darüber, dass seine Landsleute „Sweet Virginia“ entdeckten wie die Rolling Stones oder „Nights On Broadway“ wie die Bee Gees, während er mit seiner Band als „Village Green Society“ den Schnitt des britischen Vorstadtrasens bewahrte. Zu wild, zu spöttisch und vor allem: zu englisch waren sie fürs Rock’n’Roll-Pantheon.

Mit „Lola“ zogen sie dann doch noch dort ein: ein globaler Chart-Topper; selbst in den USA erreichte die Single die Top Ten. 2017 wurde Ray Davies, dessen Werk und Verdienst es war, sein Leben lang das Gegenteil von einem Sir gewesen zu sein, gar von Prince Charles zum „Sir“ geadelt. Es gibt ein Video von der Zeremonie, auf dem man die beiden plauschen und lachen sieht. Ob sie über „Lola“ gesprochen haben? Über die Pein kleiner Brüder oder den Umstand, dass sich der Prinz noch immer nicht King nennen darf, Ray Davies aber seit mehr als 50 Jahren „Kink“?

 Wir werden es nie erfahren. Näher als an jenem Tag war Prince Charles jedenfalls nie an dem Land, seinen Menschen und der Welt, die er dereinst regiert. Womöglich hat er Ray Davies schlicht „Danke dafür“ gesagt.