Also war es doch kein Scherz. Am Ende wird Josef K. abgestochen „wie ein Hund“. Ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser wird ihm tief ins Herz gestoßen und dort zweimal gedreht. Die letzten Gedanken, die Franz Kafka seiner Hauptfigur in dem Roman „Der Prozess“ durch den Kopf gehen lässt, sind von fast schon lächerlicher Grausamkeit: „Es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Im Berliner Ensemble stapelt Veit Schubert als Josef K. einen Scheiterhaufen aus dem über die ansonsten leere Bühne verteilten schwarzen Mobiliar auf, zieht sich nackt aus und legt sich hin. Der Hausherr Claus Peymann hat das inszeniert; die Premiere wurde vom April auf den vergangenen Sonnabend verschoben, weil sich der Hauptdarsteller bei den Endproben das Handgelenk brach.

Nach zwei Stunden langsamem, zuständlichem, denkpausendurchlöchertem Textabschreitungs- und -illustrationstheater schneidet dieser Satz wie ein allerdings nicht sehr scharfes Brotmesser in die aufgeweichte Hirnrinde.

Das ist das Schlusswort? Die Scham bleibt übrig und tigert in der Nachwelt herum, während man sich selbst davon gemacht hat, beziehungsweise davon gemacht wurde? Es war bisher in dem unvollendet gebliebenen Roman noch nicht die Rede darauf gekommen, dass K. sich für irgendwas schämt. Er ist doch von seiner Unschuld überzeugt bis zum Schluss. Und auch wenn er ein egozentrischer, karrieristischer Kleingeist ist, der Kollegen abkanzelt, Frauen wie Bedürfnisanstalten aufsucht und sich auch sonst sozial sauber hält, sieht man in Josef K. erst einmal ein Opfer, identifiziert sich mit ihm und erschrickt immer tiefer, dass sich das eigene Dasein ebenso unerbittlich auflösen ließe − wenn dieser Prozess nicht schon längst im Gange ist.

„An welchem Theater spielen Sie?“

Die Egozentrik K.s schlägt zurück. Er scheint bald der einzige zu sein, der nicht in das Verfahren gegen ihn eingeweiht ist. Es ist wie eine gigantische Zersetzungsmaßnahme, bei der eine ganze korrupte, durchtriebene Parallelwelt geschaffen wird, um dem Delinquenten die Nichtigkeit seiner Existenz vorzuführen, sein ungültiges, zwischenmenschlich notdürftig abgepuffertes Prokuristenwesen in einer Geldinstitutswirklichkeit, die aus nichts als Eindrücken und Annahmen, Dienstleistungen und Rechnungen besteht.

Auf diese Welt hatte er bisher vertraut ohne darüber nachzudenken, nun stellt sich alles als billige Fälschung heraus, die durch eine andere ersetzt wird. Das Messer mag beiderseitig geschliffen sein. Aber die Herren, die ihn zur Schlachtung in den Steinbruch führen, was sind das für welche? „Alte, untergeordnete Schauspieler schickt man.“ Und mit der Frage: „An welchem Theater spielen Sie?“, bringt er seine feisten Henker mit den Tenordoppelkinnen kurz durcheinander. „Teata?“, schallt es durch das Berliner Ensemble. Sie scheinen nicht zu wissen, was das ist. Das heißt, die Henker wissen nicht, dass sie spielen. Da können sie noch so unbegabt sein.

Es geht nicht darum, eine Pointe auf die künstlerische Untergeordnetheit von Claus Peymann zu platzieren. Auch wenn das Theater nirgends staubiger, pappiger, abgegriffener und verbrauchter ist als in seinem Haus. Diese fadenscheinige Theatrigkeit wird hier zur Metapher für die fadenscheinige Literarizität von Kafkas Gegenwelten. Hier wie dort trägt das Sein die schiefen, verlotterten, abgenutzen Masken des Scheins. Das Sein wird unmöglich gemacht. Es ist peinlich. Man schämt sich dafür, auf das Sein hereingefallen zu sein. Offenbar selbst dann noch, wenn man nicht mehr ist.

Weiß geschminkte Gesichter, übertriebene Gestikuliererei

Aber ist das im BE wirklich die Absicht? Die Systeme und Gesetze der Welt, wie sie sich uns zeigt, als schlechtes Theater abzubilden, das genauso gut auch ein anderes Stück, nach anderen Systemen und Gesetzen spielen könnte? Es ist ja nicht das erste Mal, dass man in einer Peymann-Inszenierung weiß geschminkte Gesichter sieht, dass man aufgepufften Betonungstext und klischeehaft übertriebene Gestikuliererei vorgeführt und sonstige, längst abgelegte Theatermittelchen aus der Verfremdungs-Effektenkammer langsam um die Ohren gehauen bekommt. Wobei die Altvorderen Jürgen Holtz, Martin Schwab und Swetlana Schönfeld ihre Auftritte zu nutzen wissen.

Diese forcierte Misskunstvorführung hat man am BE wohl eher nicht extra für Kafka erfunden, aber sie passt doch diesmal und hilft beim Mitdenken. Zumal das Tempo sehr niedrig gehalten ist, und fast jeder Gedankenschritt des Textes als Bühnenhandlung illustrativ nachvollzogen wird wie beim technischen Nachstellen eines komplexen Tathergangs. Als wäre das Regieteam ein bürokratischer Textuntersuchungsausschuss, der sich jeder eigenen Interpretation und Deutung enthält. Die mechanisch wirkenden Schauspieler fungieren als mehr oder weniger ausdifferenzierte Visualisierungsständer und Ablaufvollzieher, die die Dialogpassagen auf Deutlichkeit einsprechen und reihum mit dem epischen Material verfugen. Veit Schubert hat demzufolge viel nach innen zu blicken und abzuwarten.

Ja, es ist eine harte Geduldsprobe für das erschöpft applaudierende Publikum, aber eben auch eine harte Wort-für-Wort-Prüfung des (allerdings stark eingekürzten) Textes. Und auch mit den gröbsten Methoden bleibt dieser Text kohärent und lässt kein Schlupfloch für den Trost. Das ist kein Scherz.

Kafkas Prozess 9. Juli; 7., 30. Sept., Berliner Ensemble. Tel.: 28408155