Die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons bei der Probe zum diesjährigen Neujahrskonzert
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WienEr gehört zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker seit je dazu: Der „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater). Traditionell steht er am Schluss, traditionell klatscht das Publikum mit, traditionell leitet der jeweils eingeladene, weltberühmte Dirigent das Klatschen an. Diesem Brauchtum sieht man als Preuße etwas befremdet zu, intellektuell eingestellte Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder Franz Welser-Möst mochten und mögen das Klatschen gar nicht, konnten es aber auch nicht verhindern.

Das Befremden wächst noch, wenn man erfährt, dass die von den Wienern gespielte Orchesterfassung des „Radetzky-Marschs“ von einem strammen Nationalsozialisten namens Leopold Weninger stammt. Ausgerechnet seit 1946 liegt diese Fassung des 1940 gestorbenen Komponisten von Nazi-Musik auf den Notenpulten. Wie kann das sein?

Die Orchester wandelten sich

In Deutschland hätte man wahrscheinlich gleich das gesamte Neujahrskonzert abgeschafft, weil diese Silvester 1939 eingeführte Veranstaltung eine jener Gute-Laune-Aktionen war, mit denen die Nazis Stimmung für sich machten. In Österreich ist das kein Grund, eine an sich doch schöne Idee zu verdächtigen.

Der „Radetzky-Marsch“ ist schon bei seiner Entstehung ein Dokument politischen Geeiers gewesen. Bevor er im August 1848 entstand, schlug sich Johann Strauß (1804–1849) durchaus auf die Seite jener Bürger, Studenten und Arbeiter, die Fürst Metternich aus dem Amt getrieben hatten; für sie schrieb er den „Österreichischen Nationalgarde-Marsch“.

Als dann aber kurze Zeit später die Italiener in der Lombardei für ihre Unabhängigkeit von Österreich auf die Barrikaden gingen, fand man das nicht so lustig. Nachdem der altgediente, bereits 81-jährige Graf Radetzky von Radetz wieder für Ordnung gesorgt hatte, wurde Johann Strauß, eben noch Revolutionär, jetzt wieder kaisertreu. Er komponierte den „Radetzky-Marsch“ für eine Siegesfeier auf dem Gelände des heutigen Wiener Stadtparks.  

Musik für eine Gesellschaft, nicht für Soldaten

Insbesondere der Mittelteil mit seinen Jodlern tönt so alpenländisch, dass man den patriotischen, aber nicht im engeren Sinne militärischen Entstehungsanlass erkennt. Aber auch im Hauptteil mit der zackigen Melodie ging es Strauß nicht um den Aufruf zu siegesgewisser Martialität, wie man es wohl dem preußischen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke unterstellen würde: Dessen „Preußens Gloria“ oder der „Königgrätzer Marsch“ sind Musik fürs Feld, fürs ungestüme Voran. Strauß bleibt feiner, gewitzter, eleganter, er schreibt Musik für eine Gesellschaft, nicht für Soldaten.

Strauß bediente sich bei der Instrumentierung der Hilfe von Arrangeuren, insofern gibt es ein Originalfassung, aber im Prinzip blieb das Stück offen für alle möglichen Bearbeitungen, natürlich auch für Militärkapellen aus Bläsern und Schlagzeug. Dass sich die Vorstellung davon, wie ein Marsch zu klingen hat, im Lauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewandelt hat, ist nicht verwunderlich: War es doch die Zeit, in der sich zum einen die nationalen Stimmungen bis zum Fanatismus aufschaukelten und zum anderen die Orchester und der von ihnen erwartete Klang vergrößerten – Strauß’ eigenes Orchester umfasste gerade einmal um die 30 Musiker.

Gehaltene Blechbläserakkorde und fröhliche Triller

Wenn die Weninger-Fassung des „Radetzky-Marschs“, die die Wiener Philharmoniker in ihren Neujahrskonzerten spielen, deutlich monumentaler tönt als das sogenannte Original, hat das also nicht nur Gründe, die etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun haben. Weninger stützte sich auf Vorarbeiten von Kollegen, die etwa gehaltene Blechbläserakkorde einführten zur Unterstreichung der harmonischen Vorgänge.

Er fügt noch fröhliche Triller der Piccoloflöte hinzu, wie sie in den Militärpraxis üblich sind, verdickt die Schlagzeugpassagen, und fertig ist ein bombastisches Gewand, das mit der luftigen, rhythmisch feingliedrigen Fassung von 1848, in der auch die Trompeten nicht nur schmettern, sondern auch kleine volksmusikalische Kontrapunkte spielen dürfen, nicht mehr gemein hat als die unverwüstliche Melodie.

Dass daran etwas nicht stimmen kann, haben die Wiener Philharmoniker bemerkt, bevor ihnen die Nazi-Vergangenheit des Arrangeurs unangenehme Fragen ins Haus brachte. Ihr Notenmaterial ist überwuchert von Korrekturen, Streichungen und Veränderungen, die die schlimmsten Auswüchse etwa in Schlagzeug und Piccoloflöte beseitigen.

Asthetisch bedenkliche Station in der Bearbeitungsgeschichte

Das ist Grund genug, jetzt endlich ein neues, ihrer langen Spielpraxis entsprechendes Material zum Druck zu befördern. Man begreift dies als „Distanzierung“ von Weninger, der seit 1932 Parteimitglied war, Werke wie „Jung-Deutschland – Marsch-Potpourri“ oder „Die Fahne hoch. Ein Melodram aus der Zeit der deutschen Schicksalswende“ schuf und Sammlungen namens „Sieg Heil! 43 SA-Marsch- und Kampflieder“ herausgab.

Weningers Namen wird man auf dem neuen Material nicht finden. Und da seine Fassung nur eine, wenn auch ästhetisch bedenkliche Station in der Bearbeitungsgeschichte des „Radetzky-Marschs“ darstellt, ist das auch in Ordnung so: Es ist nun eben die Fassung der Wiener Philharmoniker. 

Aber unter einer „Distanzierung“ würde man vielleicht doch noch etwas anderes verstehen als eine Überarbeitung, etwa ein Bekenntnis zur Originalfassung, die Nikolaus Harnoncourt 2001 und auch noch am Anfang des Neujahrskonzerts dirigierte. Aber so viel Neuigkeiten auf einmal sind aus Wiener Sicht bedenklich für den repräsentativen Anlass.

Geklatscht wird seit 1848

Das Orchester beruhigt: „Für die Zuhörer ändert sich nichts.“ Auch wenn das die Wiener angesichts ihrer einzigartigen Strauß-Kompetenz nicht gerne hören: Es kommt schon noch auf den Dirigenten an, ob sich für den Zuhörer etwas ändert. Andris Nelsons, der diesmal dirigieren wird, ist sicher nur bedingt ein Interpret mit Interesse an Delikatesse; es könnte unter seiner Leitung wie 2017 unter Gustavo Dudamel klingen: recht massiv und auftrumpfend.

Wie man sich auch mit dem Wiener Arrangement in Richtung des transparenten und heiter bewegten Originals begeben kann, machte dagegen Carlos Kleiber 1992 vor; ein Dirigent, der sich verehrungswürdigerweise auch nie um das klatschende Publikum gekümmert hat.

Das Klatschen zum „Radetzky-Marsch“ immerhin war, auch wenn es so klingt, keine Idee der nazistischen Volksgemeinschaft. Es ist überlieferte Tradition seit 1848.