Christo und Jean-Claude vor einem Modell des verpackten Reichstages 
Foto: Raquel Manzanares/dpa

Berlin„Ein jegliches hat seine Zeit“, heißt es bei Salomo. Und die 16. und letzte Zeile seiner von Luther übersetzten Predigt besagt: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“ Komisch, dass mir gerade das einfällt, während ich nach Worten suche, um einen Künstler zu würdigen, der über Jahrzehnte die Welt in Atem hielt mit seinen spektakulären Verhüllungen von auratischen Landschaften und markanten, geschichtsträchtigen Bauten. So den Pariser Pont Neuf – die Brücke der Liebenden. Die Kunsthalle Bern. Den Gasometer Oberhausen. Die Inseln in der Biscayne Bay von Florida. Und, wer könnte das jemals vergessen, den Berliner Reichstag.

Am 6. Mai, gerade ließen zaghaft beginnende Corona-Lockerungen wieder Ausstellungsbesuche mit kontrollierten Besucherzahlen zu, begann im Berliner Palais Populaire eine große Werkschau der Originalzeichnungen von Christos seit den 60er-Jahren verwirklichten oder auch nur Idee gebliebenen Projekten. Es gab zur Eröffnung eine Videoschaltung nach New York; Christo grüßte sein Berliner Publikum aus seinem Atelierloft in Soho. Der unablässig arbeitende Asket, von dem Nahestehende verrieten, er nehme morgens lediglich eine Zehe Knoblauch, einen Apfel und ein Glas Milch zu sich und esse etwas Richtiges immer erst nach Sonnenuntergang, sah noch abgezehrter aus als sonst. Das Atmen machte ihm sichtlich Mühe, die Schläuche in seiner Nase gaben Anlass zur Sorge.

Als Flüchtling in Paris

Und doch zeigte er die gleiche Leidenschaft wie immer, wie er da von seiner Kunst redete, gestenreich sagte, er werde nach Berlin kommen, zu seinen Bildern, sobald wieder Flugzeuge fliegen dürfen. Und dann malte er, 6385 Kilometer über den Atlantik von uns entfernt und in den Farben der Trikolore, seine nächste große und ultimative Aktion aus, die wegen der Pandemie auf 2021 verschoben worden ist: die Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe. Seine Dankesgeste an die Stadt, die ihn, Christo Javacheff, den Flüchtling aus Bulgarien, im Winter 1957 aufgenommen hatte und zum Weltkünstler werden ließ. Nun wird diese Vision zu seinem Vermächtnis.

Am Pfingstsonntagabend kam die Nachricht von Christos Tod, am 13. Juni hätte er seinen 85. Geburtstag gefeiert. An die traurige Mitteilung schloss sich das Bekenntnis seines treuen Teams, das seit Jahren von Christos energischem Neffen Vladimir Javacheff geleitet wird und dem seit den 70er-Jahren der Düsseldorfer Fotograf Wolfgang Volz angehört, an: Man werde die Mission des Künstlers nach dessen akribischen Vorgaben erfüllen und den Arc de Triomphe nächstes Jahr verhüllen. Die Entwürfe dafür hatte der Perfektionist längst fertig, die Aufträge für die Produktion des insgesamt 6000 Quadratmeter großen, blau-weiß-roten Stoffes, dessen Wirkung er bis zum Faltenwurf vorgegeben hatte, zu Jahresbeginn an eine Lübecker Firma vergeben.

Auch wenn es manchmal so schien, dass in den letzten 20 Jahren andere, jüngere Kunst-Trends Christos so spektakulären wie singulären Beitrag zur Kunstgeschichte der Spätmoderne, vor allem der Land Art, verdrängten, so sorgten er und seine Ehefrau, die Französin Jeanne-Claude – sie starb 2009 – doch alle paar Jahre für eine weitere aufregende gigantomanische, magnetische, kostspielige, aber stets mit eigenen Mitteln finanzierte Verhüllungsaktion.

Christo hatte in Jeanne-Claude eine Kunstpartnerin gefunden, mit der er zumindest in künstlerischer Hinsicht eine symbiotische Beziehung unterhielt. Die beiden waren sich am 13. Juni 1958 auf einer Party in Paris begegnet, sie und er feierten jeweils ihren 23. Geburtstag. Da beide schicksalsgläubige Menschen waren, nahmen die Dinge ihren Lauf. Er erarbeitete sich hart, aber stetig seinen Platz in der Kunstszene. Sie agierte im Hintergrund, organisierte, knüpfte Kontakte, beschaffte Geld und brachte den Sohn Kyrill zur Welt. Christo verpackte und verschnürte die ersten Alltagsdinge. Als er 1962 die Pariser Rue Visconti mit Ölfässern versperrte, war klar, dass sein Kunststil kaum traditionell zu nennen war. Rasch wurde er berühmt, eine spektakuläre Aktion folgte der anderen. Jeanne-Claude zog die Fäden, er, der immer ein bisschen aussah und auch so linkisch wirkte wie Woody Allen, war der Messias – und die Marke.

Logistische Herausforderungen

Zusammen kämpften sie in den meisten Fällen jahrzehntelang um behördliche Genehmigungen. Unvergesslich die Installation „Running Fence“ 1976 in Nordkalifornien, ein weiß leuchtender Zaun über die Hügel bis in den Pazifik hinein. Oder die riesigen, pinkfarbenen Nylon-„Manschetten“ um die Inseln vor Miami 1983, die „Surrounded Islands“. Ein Meisterwerk der Logistik und der Poesie war 1991 jene Umbrella-Aktion, als sich an einem Sonntag zeitgleich an kalifornischen und japanischen Berghängen goldgelbe und marineblaue Sonnenschirme öffneten.

Und dann glaubten wir Berliner, „Wrapped Reichstag“ im Jahr 1995 wäre nicht mehr zu überbieten gewesen. Erinnerungen verblassen, doch diese leuchtet in der Stadt bis heute. Die von Krieg und Mauerzeit gezeichnete Wallot-Architektur war durch die Stoffbahnen zur silbrig schimmernden Skulptur geworden, von fünf Millionen Menschen aus aller Herren Länder gefeiert. Die Gegner der Kunstaktion verstummten angesichts dieser überwältigenden Wirkung. Zerstoben waren Befürchtungen und Argumente, die Hülle könne der Würde des Denkmals schaden, vergessen die seit 1977 anhaltende Verhinderungstaktik der Bundestagspräsidenten Stücklen und Jenninger sowie die ablehnende Haltung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl. Der Bundestag hatte dem Projekt 1994 endlich zugestimmt, mit 292 gegen 223 Stimmen. Als Bergsteiger am 24. Juni 1995 die letzten Fassadenbahnen abrollten, zeigte sich, dass die Symbolkraft sehr viel weiter reichte als alles, was man sich im Vorfeld darüber gedacht haben mochte. Elf Millionen D-Mark hatte die Reichstagsverhüllung gekostet, die Bank streckte dem Künstlerpaar die Summe vor; die Vermarktung der Zeichnungen und Drucke florierte, die Schulden wurden restlos getilgt. Sponsoren lehnte Christo ebenso ab wie Zuschüsse aus staatlichen Kassen. Es gehe „um Freiheit“, sie sei „der beste Feind von Besitz und Dauerhaftigkeit“, sagte er, wie so oft.

Dann legte das Paar 2005, als wäre es ein Spiel, die gigantische Aktion der goldgelb leuchtenden „Gates“ im New Yorker Central Park nach. Und im Sommer 2016 erschuf der verwitwete Christo ein zweiwöchiges Spektakel in Norditalien: „The Floating Piers“. Zehntausende spazierten über schwimmende, mit Nylongewebe bezogene Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei zu den vorgelagerten Inseln. Er und sein Team ließen die Besucher glauben, wie Jesus über Wasser gehen zu können. Die Stege ahmten die Bewegung der Wellen nach. Die Leute konnten das Wasser unter ihren Füßen spüren und sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegten. Christo war, wieder einmal, zum zauberischen Land-Art-Poeten geworden, zu einem Romantiker, der der Kunst neben dem Erhabenen vor allem auch das beglückend Unterhaltsame zu geben verstand.

Kaum hatte sich die Begeisterung unzähliger Kunstfreunde in aller Welt ein wenig gelegt, setzte Christo 2018 den Londonern seine ursprünglich für Abu Dhabi geplante „Mastaba“ vor: 7506 leere Ölfässer bildeten einen trapezförmigen Grabbau, eine Pyramide nach mesopotamischem Vorbild. Das Monument schwamm auf dem Serpentine Lake hinter dem Kensington Palace, 20 Meter hoch und 500 Tonnen schwer, in den Farben des Union Jack.

Über seine Kunst sagte Christo bei einem der vielen Interviews, die er 1995 während der Reichstagsverhüllung gab, sie sei eigentlich „total irrational und sinnlos“. Doch die flüchtige Schönheit seiner aufwendigen und kräftezehrenden Verhüllungen faszinierte immer wieder zahllose Menschen. So mitreißend die Projekte, so erstaunlich war seine Geduld im Umgang mit Hindernissen. „Wenn ich Spaß habe an den Problemen“, sagte er, „dann freue ich mich auch am Risiko, an der Herausforderung, dem Aufprall.“ Das war im Jahr 1994. Damals war es dem Berliner Verlag gelungen, eine Vorabschau von Christos Entwürfen zur Reichstagsverhüllung in das Foyer des Pressehauses nahe dem Alexanderplatz zu holen.

Monumente des Vergänglichen

Seit 1995 gehört unserem Zeitungshaus eine große Original-Collage zu „Wrapped Reichstag“. Sie ziert   seit drei Jahren auch das Foyer unseres neuen Domizils an der Alten Jakobstraße. Und ist ein markanter Beweis dafür, wie sehr Christos monumentale Aktionen „nur“ Nachbilder in Form von Zeichnungen, Filmen und Fotos sein sollten – „Speicherplätze allein in der Erinnerung“, wie der Ausnahmekünstler selbst sagte, Kunst, die dem Flüchtigen und Vergänglichen Tribut zollt, indem sie einer vollgestopften Welt nicht noch weitere Monumente hinzufügen mochte.

Einmal gab es auch politisch-emotionale Gründe, als Christo von einem seiner langjährigen Lieblingsprojekte gänzlich absah - seinem gigantischen Traumziel „Over the River“ in Colorado. Kurz nach dem Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump cancelte Christo das ehrgeizige Vorhaben, obwohl er bereits 15.000 Dollar investiert hatte. Teile des Colorado-Flusses gehören dem Staat. Christo wollte auf keinen Fall, dass der Grundherr Trump die Kunstaktion für sich als Werbung vereinnahmen könnte. Derart konsequent und bar aller Larmoyanz konnte der leidenschaftliche, ehrgeizige Christo eben auch sein.

Sein Ruhm, behaupten die Biografen, sei der Lohn für das unerschütterliche Festhalten an der Vision. Man darf es auch Besessenheit nennen. Der Verhüllungsmissionar, der Millionen begeisterte, lebt nicht mehr. Jetzt wird alles, was zuletzt durch eine offenbar allzu strapazierte Produktion von Erinnerungsbildern und Devotionalien an Wert verlor, auf einmal sehr viel teurer und begehrter. Christo gewinnt, so wie es immer sein Prinzip war, dabei nichts.