Das Word-Dokument, das Petina Gappah am Donnerstag nach unserem Gespräch mailt, trägt den Namen Opening Speech, Eröffnungsrede, aber mit einem Zusatz in Großbuchstaben: Revised, also überarbeitet. Es ist die Rede, mit der die in Simbabwe aufgewachsene Schriftstellerin am Donnerstagabend das Internationale Literaturfestival eröffnet.

Der Grund für die Änderungen: Zwei Tage vor ihrem Auftritt hatte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem die Beratungstätigkeit Gappahs für die Regierung Simbabwes im Mittelpunkt stand, für eine Regierung, deren Präsident Emmerson Mnangagwa ist, der für viele Menschen in Afrika ein übler Diktator sei. Tatsächlich hat der Nachfolger Robert Mugabes Anfang Januar Soldaten auf Demonstranten schießen lassen, es gab zwölf Tote.

Gelesen hat sie den Artikel noch nicht, als wir sprechen. „Ich will nicht noch nervöser werden, als ich es ohnehin schon bin.“ Sie hat ihre Lektorin beim S. Fischer Verlag um eine kurze Zusammenfassung gebeten. Nachdem wir auf der Terrasse ihres Hotels in einer Seitenstraße des Kudamms Platz genommen haben, will sie doch ein bisschen mehr wissen. Als sie die ihr wohlbekannten Namen einer von ihr, wie sie sagt, hochgeschätzen Schriftstellerkollegin und eines Menschenrechtsaktivisten sieht, raucht sie erst einmal zwei Zigaretten hintereinander. „Es ist sehr leicht in Binärsystemen zu denken, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen“, sagt sie dann.

Die Hoffnung hat sie in das Land ihrer Geburt zurückgebracht

Die Sätze, die sie ihrer Rede nun hinzugefügt hat, sind unterstrichen. Sie antwortet nicht direkt auf die Kritik, versucht eher zu erklären, welche Hoffnungen sie in das Land, in dem sie aufgewachsen ist, zurückgebracht haben: „Ich bin aus denselben Gründen nach Simbabwe zurückgekehrt, die mich motiviert haben, kritisch über mein Land zu schreiben. Zurückzukehren bedeutete, mit einem Regime zu arbeiten, mit dessen Politik und Einstellungen ich nicht einverstanden gewesen war. Aber ich war bereit, zu versuchen der Wandel zu sein, und nicht nur darüber zu schreiben, wie notwendig dieser Wandel ist.“

Die 1971 geborene Petina Gappah ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Juristin. Sie hat als erste aus ihrer Familie studiert, Jura in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, später war sie in Cambridge, in Graz hat sie promoviert. Sie arbeitete 15 Jahre lang bei der Welthandelsorganisation in Genf, bevor sie sich mehr ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin zuwandte, und nicht mehr nur morgens vor der Arbeit schrieb.

Im Frühjahr 2017 zog sie nach Berlin-Charlottenburg, als Stipendiatin des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst). Im November desselben Jahres wurde der in Simbabwe regierende Diktator Robert Mugabe durch einen Militärputsch abgesetzt. Sie habe damals auf einen Neuanfang gehofft.

Petina Gappah, längst verwurzelt in Europa, hätte Simbabwe einfach fern bleiben können. Sie hat sich anders entschieden, ist nach Harare gezogen, hat ihr Land neu kennengelernt. „Ich habe wirklich geglaubt, dass wir eine Chance für Veränderung haben.“

Petina Gappah ist auch Fachanwältin für Handelsrecht

Ihre Aufgabe als Beraterin sei gewesen, ein Investitionsgesetz auf den Weg zu bringen. „Das ist meine Expertise.“ Petina Gappah ist Fachanwältin für Handelsrecht. Sie hat Mnangagwa auf Reisen begleitet, hat versucht, ihr Land dem Westen zu öffnen, nicht nur China und Russland, auch wenn das viel leichter sei, weil diese Länder keine Bedingungen an ihre Investitionen knüpften, jedenfalls nicht, was Demokratisierung und Menschenrechte angeht.

„Ohne Investitionen von außen kann das Land nicht gedeihen“, sagt sie. Und erzählt von sich aus, dass sie 1000 Dollar für ihre Tätigkeit bekommen habe, jedoch nur die ersten drei Monate lang. Aber das war nicht das größte Problem.

Als ihr Vertrag mit der Regierung vor zwei Wochen endete, hat sie darauf verzichtet, ihn zu erneuern. Das Problem in Simbabwe seien nicht nur Korruption und Menschenrechtsverletzungen. Sie habe unterschätzt, wie stark die Eigeninteressen vieler Regierungsangehöriger seien, die alles tun würden, um ihren Posten zu erhalten. Sie sagt aber auch, dass sie nichts bedauert und diese Aufgabe wieder übernehmen würde. Jedenfalls hat Simbabwe jetzt ein Investitionsgesetz. Die wirtschaftliche Lage des Landes ist allerdings desaströs.

Eigentlich aber ist Petina Gappah nicht nach Berlin gekommen, um über Politik zu sprechen, sondern um ihr neues Buch vorzustellen, es ist ihr viertes. Und sie sagt jetzt auf der Terrasse, wo sie sich bei jedem, der dort Platz nimmt, entschuldigt, dass wir so viel reden, dass es eigentlich ihr erstes sei. Jedenfalls ist es das Buch, das sie vor den anderen zu schreiben angefangen hat, nur ist es erst jetzt fertig geworden.

Es spielt wie alle ihrer Bücher in Simbabwe, allerdings nicht in der Gegenwart wie etwa in „Im Herzen des goldenen Dreiecks“, einem Band mit Kurzgeschichten, deren Protagonisten mit Hyperinflation, Bürokratie und Frauenfeindlichkeit kämpfen.

Die Geschichte des schottischen Missionars David Lingstone

Der gerade auf Deutsch erschienene Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ erzählt die Geschichte des 1813 geborenen schottischen Missionars David Livingstone, der Afrika als Missionar und Forscher bereist hat, der den Sklavenhandel beenden sollte und der besessen davon war, die Quellen des Nils zu entdecken. „Mit all diesen Ambitionen ist er praktisch gescheitert.“

Petina Gappah nimmt allerdings nicht Livingstones Sicht ein, sondern die seiner afrikanischen, seiner dunkelhäutigen Gefährten, die ihn Bwana Daudi nannten. Um diese Stimmen geht ihr. Es waren an die 70, ein Tross, der nicht nur aus Männern bestand, sondern auch aus Frauen und Kindern, ein ganzes Dorf, das Livingstone begleitete und später seinen Leichnam. Petina Gappah destilliert daraus zwei Stimmen: die der vorlauten Halima, Livingstones Köchin, und die von Jacob Wainwright, einem in einer britischen Missionsschule in Bombay christianisierten Afrikaner.

Ihr Buch ist ein Abenteuerroman, der durch den Dschungel zum Hafen von Bagamoyo führt, es ist eine Groteske, etwa wenn die Gefährten Livingstones Leiche ausnehmen und die Hülle trocknen lassen, damit sie überhaupt transportfähig ist und weniger stinkt. Es gibt Überfälle, Krankheiten, Liebesgeschichten, Streit, zehn der Gefährten sterben. Vor allem aber beschreibt das Buch eine Reise ins Herz der Finsternis dieses von Sklaverei geprägten Ostafrikas, dessen Sklavenhandel eher internen Zwecken diente. Es wurden anders als aus Westafrika kaum Menschen exportiert.

Immer wieder kommt der Tross an kleinen Knochenhaufen vorbei und an Leichen, die an Baumstämmen gefesselt sind. Sie stammen von Gefangenen, die sich weigerten weiterzugehen. „Das ist die einzige Art Widerstand, die die Gefangenen leisten können“, schreibt Petina Gappah. Es ist zugleich ihr Todesurteil. Auf Sanisbar, wo es in der Handlungszeit des Buches den großen Sklavenmarkt gab, lebten heute die Nachfahren von Sklavenhändler neben denen von Sklaven. „Es ist eine lebendige Geschichte“, sagt Petina Gappah.

"Hier in Berlin wurde entschieden, dass ich Englisch spreche."

Livingstone starb 1873, also gut zehn Jahre vor der „Berliner Konferenz“, bei der die europäischen Staaten, die USA und das Osmanische Reich über ihr weiteres Vorgehen in Afrika berieten. „Hier in Berlin wurde entschieden, dass ich Englisch spreche und nicht Portugiesisch wie im benachbarten Mosambique oder Deutsch wie in Namibia oder Französisch wie im Senegal“, führt Petina Gappah in ihrer Eröffnungsrede aus. Man könnte also sagen, dass ihr Roman am Vorabend der Kolonisierung dieses Kontinents spielt, an der Livingstone keinen Anteil hat, für die er aber Voraussetzungen schuf, was ihn am Ende dann doch zu einer zwiespältigen Figur macht.

Als der treue Tross der Dunkelhäutigen Livingstones Leichnam an die Küste schafft, damit seine Kinder ihn in seiner Heimat begraben können, haben sie auch die Karten dabei, die der Forscher angefertigt hat. Darunter ist auch die, in der er den Fluss Lualaba eingezeichnet hat. „Was, wenn wir damals gewusst hätten, dass unser letzter Akt der Loyalität den Samen für den Verrat an unseren Kindern, an ihrem Schicksal und auch an dem ihrer Kindeskinder säen würde; dass der von ihm eingezeichnete Lualaba der Beginn des großen Kongo unseres Niedergangs war, der schiffbare Fluss, auf dem der weiße Mann kommen würde mit erhobener Winchester und geladenem Maschinengewehr“, lässt Petina Gappah die dunkelhäutigen Gefährten im Prolog des Romans sagen.

Diese Zwiespältigkeit wird in Ostafrika entweder nicht gesehen oder man lebt eben mit ihr. Petina Gappah jedenfalls erzählt, dass es in jedem Land nach Livingstone benannte Schulen gibt, auch Statuen. Eine stehe sogar im Hof des Gebäudes in Harare, in dem der Fuhrpark des Präsidenten untergebracht sei. Mugabe habe darauf verzichtet, sie entfernen zu lassen. „Lasst ihn stehen, hier kann er kein Unheil anrichten.“

Petina Gappahs Roman ist voll von zwiespältigen Figuren, und der Missionarsschüler Jacob Wainwright ist die tragischste unter ihnen: Er repräsentiert den Kolonisierten, der sich kleidet wie die Kolonisatoren, der spricht wie sie, der aber trotzdem nie einer von ihnen werden wird, wie ihm der eigentlich unsympathische Chirango einmal entgegenschleudert. Das macht Chirango zu einem Dekolonisierer und alle beide zu höchst gegenwärtigen Figuren.

„Der wahre Erfolg der Kolonisatoren war ja nicht die materielle Eroberung, sondern die mentale“, sagt Petina Gappah. Sie habe die Dunkelhäutigen zu den Anderen gemacht, die sich als primitiv empfinden. Die Geschichte ist gegenwärtig, und wir teilen sie, auch das ist Gappahs Botschaft.