Man muss es sich leisten können, schon vormittags gepflegt Alkohol zu trinken.
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BerlinDer Schriftsteller, Lesebühnenstar und niedergelassene Psychiater Jakob Hein scheint nicht ausgelastet zu sein. Dafür spricht seine Aktivität in den sozialen Medien, insbesondere auf Facebook. Der 48-Jährige meldet sich bei seinen derzeit 3266 Freunden mit politischen Meinungsstücken und Satiren zu Wort, mal länger, mal weniger lang, immer clever.

Am Freitag hat er mal einfach nur eine Frage in die Runde geworfen. „Was gilt als primitiv, wenn es arme Menschen tun, aber als kultiviert, wenn es Reiche tun?“ Die erste Antwort kommt von ihm selbst: „Tagsüber Alkohol trinken“. Und schon blättern sich die Klischees auf. Hier der vormittägliche Taschenflaschenkäufer im Supermarkt, da die Dame oder der Herr von Welt auf einer Terrasse mit Blick über eine Mittelmeerbucht, die sich der schönen Wirkung wegen auf nüchternen Magen einen Aperol Spritz gönnen.

Innerhalb von einem Wochenende ist in der Kommentarspalte die Liste mit Beispielen auf fast 200 angewachsen. „Den Staat bescheißen“, „faulenzen“, „sieben Kinder kriegen“, „sein eigenes Gemüse ziehen“, „sich minimalistisch einrichten“, „nachts arbeiten“ und „nackt arbeiten“. Man hat sofort Beispiele vor Augen. Und die Zweifaltigkeit der Betrachtung legt sich auch über Orte, wenn besser oder schlechter Betuchte sie bereisen: etwa die Ostsee oder Mallorca. Zeigen sie sich hier als ausgesuchte Landschaft mit exklusiven Ferienanlagen, denkt man dort eher an Sandburgen, Sonnenbrand und Ballermann.

Es ist ein lohnendes Spiel, mit dieser Brille auf die Gesellschaft zu gucken. Es eröffnet sarkastische Abgründe und macht deutlich, wie soziale Spaltung funktioniert. Die Liste ist potenziell unendlich. Denn Arme können tun und lassen, was sie wollen – sie entkommen den Vorurteilen nicht. Und Reiche können sich andersherum im Schutze der Distinguiertheit alles erlauben. Würde kann man kaufen.