Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in einer Szene mit Udo Samel.
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Ein Herbststurm fegt durch die Hallen der Berliner Börse, wertlose Wertpapiere flattern umher wie Laub. Taumelnd wie ein loses Blatt schleppt sich Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) zum Ausgang, öffnet das Tor für einen Ansturm wütender Kleinaktionäre. Der Börsencrash Ende Oktober 1929 ist Ouvertüre und Finale der dritten Staffel von „Babylon Berlin“. Die erste neue Folge springt fünf Wochen zurück, eröffnet den Countdown zum schwarzen Herbst.

Damit verweilt die Serie viel länger im Jahr 1929, als es Autor Volker Kutscher vorgesehen hatte. Denn „Der stumme Tod“, der zweite Roman um Kommissar Rath, spielt während der ersten Märzwochen 1930. Leser des Buches vollführen beim Schauen also einen zweiten Zeitsprung. Im Roman muss sich Gereon Rath schon mit den Tumulten um die Beerdigung von Horst Wessel herumschlagen, im Film tummelt der SA-Mann sich noch in Friedrichshain. Dass sich Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die drei Köpfe von „Babylon Berlin“, immer weiter von der Vorlage entfernen, ist legitim. Dass jedes Medium anderen Gesetzen folgt, zeigt ja schon das Buch. „Der stumme Tod“ erzählt seinen Kriminalfall vor dem Hintergrund des Übergangs vom Stummfilm zum Tonfilm.

Die ARD hat den Staffelstart mit einem üppigen multimedialen Begleitprogramm ausgestattet, bietet dem Gebührenzahler einen echten Mehrwert gegenüber dem Sky-Kunden, der die Serie schon ab Januar sehen konnte. Ob Doku, ob Podcast, ob Radiohörspiel oder die zwölf Filmklassiker der 20er-Jahre in der ARD Mediathek – all diese Ausflüge könnten die Zuschauer schon jenseits der Serie tagelang ins Jahr 1929 entführen.

Die sechsteilige Radioserie vom WDR bleibt eng am Roman. Neben vertrauten Stimmen wie Ole Lagerpusch als Rath und Alice Dwyer als Assistentin Charly lassen die Songs von Anika Mauer und vom WDR-Sinfonieorchester aufhorchen. Der filmerfahrene Regisseur Benjamin Quabeck spielt akustisch mit den Mitteln des Films. Dagegen begleiten die vom RBB verantwortete Doku und der Podcast „Herbst 1929“ die Filmvariante und liefern Hintergründe und Stimmungen. Fünf Schauspieler der Serie zitieren prägende Figuren jenes Jahres. So tritt Benno Fürmann hier als Alfred Hugenberg und als Joseph Goebbels auf, Godehard Giese zitiert Außenminister Gustav Stresemann, Erich Kästner und Regisseur G.W. Pabst. Besonders sprechend sind die Filmzitate, etwa von den Probeaufnahmen mit Marlene Dietrich als fesche Lola – die Dreharbeiten begannen unmittelbar nach dem Börsencrash 1929.

Auch in der Serie spielt der Medienwandel eine wichtige Rolle. So beklagt sich der Enthüllungsreporter Katelbach (Karl Markovics) darüber, dass in seiner Zeitung, dem neumodischen Blatt „Tempo“, eine „Diktatur der Bilder“ ausgebrochen sei: Der Leser solle nicht mehr lesen, sondern nur noch gucken. Den Chefredakteur des Blatts, für das Größen wie Kurt Tucholsky schrieben, spielt Martin Wuttke – herrlich rastlos-rasend. An heutige Parolen erinnern die SA-Sturmtrupps, die Presseleute als „Lügenschweine“ beschimpfen und schwarze Listen ihrer Gegner anlegen.

Wie viel die Macher von „Babylon Berlin“ dem Film der späten Zwanziger verdanken, das erklären sie als „Paten“ von zwölf Filmklassikern in der ARD-Mediathek. Liv Lisa Fries begeistert sich für Louise Brooks im „Tagebuch einer Verlorenen“, einen der letzten Stummfilme, Meret Becker sagt, sie müsse beim Gesang von Marlene Dietrich im „Blauen Engel“ jedes Mal heulen. Achim von Borries erklärt, wie inspirierend „Menschen am Sonntag“ für das Team gewesen sei, preist den Stummfilm als frühen „Dogma“-Film. Udo Samel, neben Meret Becker, Martin Wuttke, Hanno Koffler und Ronald Zehrfeld einer der vielen Neuzugänge, spielt eine Figur nach einem realen Vorbild, den Polizeikommissar Ernst Gennat, der wiederum schon in einem Filmklassiker für einen Kommissar Pate stand - in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Samel betont, wie aktuell Motive wie Angst und Hass sind.

Das Angebot der ARD hat aber nicht nur das Potenzial, Fernsehzuschauer zu cineastischen Klassikern zu locken. Filme wie „Menschen am Sonntag“, „M“ und „Dr. Mabuse“ legen zugleich die Messlatte für „Babylon Berlin“ sehr hoch. Und die neuen Folgen halten tatsächlich das hohe Niveau der ersten beiden Staffeln, können die psychologischen und historischen Hintergründe der vertrauten Figuren vertiefen – und spielen souverän mit den zeitgenössischen Bildern. Zwar ist das legendäre „Moka Efti“ zerstört, aber Gereon Rath, Charlotte Ritter und Co. toben sich an neuen Orten aus. Die Tanz-Szenen für die Dreharbeiten zum Film „Dämonen der Leidenschaft“ sind sogar perfekter choreographiert, kostümiert und gefilmt als die Originale. Nachdem sich die Serie insgesamt 28 Folgen im Jahr 1929 aufgehalten hat, wird es für die vierte Staffel Zeit für einen Zeitsprung. Die Vorlage „Goldstein“ spielt im Jahr 1931.

Babylon Berlin – Multimedial: Alle drei Staffeln ab 11.10. komplett in der ARD-Mediathek, die ersten drei Folgen ab Freitag, den 9.10.; die zwölf Filmklassiker sind abrufbar unter: www.daserste.de/BabylonBerlin. Die dritte Staffel in der ARD: am So, 11.10., und Mi, 14.10., jeweils drei Folgen; am 15./21./22.10. jeweils zwei Folgen um 20.15 Uhr. Die Dokumentation „Herbst 1929 – Schatten über Babylon“ wird am Sonntag, 11.10. um 22.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Die Podcast-Serie „Herbst 1929“ ab Mo, 12.10., täglich um 18.30 Uhr auf Radioeins, alle Folgen abrufbar bei Radioeins und in der ARD-Audiothek. Die Hörspielserie „Der stumme Tod“ – 9./16./23.10., jeweils freitags um 22.04 Uhr auf rbbkultur, alle Folgen in der ARD-Audiothek