Berlin - Normalerweise würde er den großen Stromkasten bevorzugen. Immer wieder übermalt er auf solchen Kästen die wild plakatierten Konzertposter mit Kalkfarbe. In seinem ganz eigenen Stil natürlich: mit Pfeilen, Grinsegesichtern, merkwürdigen Internetadressen. Und vor allem mit seiner etwas nach rechts gekippten Sechs.

Doch heute sind es die übrig gebliebenen Wahlplakate an der Straßenlaterne gleich neben dem Stromkasten, die Rainer Brendel, inspirieren. „Das muss man ausnutzen, solange die noch hängen“, erklärt der Künstler, während er auf einer Leiter steht, die er an den Laternenmast gelehnt hat.

Brendel – verstrubbelte, graue Haare, kariertes Holzfällerhemd, blaue Arbeitshose, mit weißer Farbe bekleckert – schneidet aus einem Plakat der Piratenpartei einen Smiley heraus; Smileys verwendet er auch gerne in seinen Arbeiten. Dann verdreht er die Plakate an den Kabelbindern, die sie am Laternenmast festhalten, und hat jetzt eine Leinwand für ein neues Werk.

Mit einem dicken, blauen Filzstift malt er einen nach unten zeigenden Pfeil, einen Smiley in seinem eigenen Stil und den Computerbefehl „#_type_ALT+1“ auf die Kunststoffplatten. Das neue Werk wird nun an der Laterne zu sehen sein, bis das Plakat entfernt wird. Denn die Kunst von Rainer Brendel ist nicht für die Ewigkeit. Sie verschwindet meist nach ein paar Tagen oder Wochen. Dann, wenn ihr Träger weggeräumt wird oder wenn der Regen sie abgewaschen hat.

Wer schon einmal einen alten Kühlschrank oder eine vergammelte Matratze auf dem Gehweg gesehen hat, auf denen eine Sechs, eine kryptische E-Mail-Adresse oder ein Spruch wie „Bin Blättersammeln“ standen – der hat ein Werk von Rainer Brendel gesehen. Weil Brendel lange Zeit lieber anonym blieb, nannten ihn seine Fans bald „den Sechsenmaler“ – eine geheimnisvolle Erscheinung, die die Stadt mit ihren privaten Hieroglyphen überzog.

Er hat eine ganz eigene Maltechnik entwickelt

Seit mehr als 20 Jahren ist Brendel, 56, in den Straßen von Stadt malend unterwegs. 1995 kam er aus Rheinland-Pfalz nach Berlin, weil er die Aufmerksamkeit nutzen wollte, die die Reichstagsverhüllung Christos für die Kunst bedeutete. Tag für Tag radelte er auf seinem farbverschmierten Fahrrad durch die Stadt und hinterließ seine Signatur auf Sperrmüll, Plakaten und – wenn auch selten – auf Wänden.

Wie ein Schichtarbeiter ging er seiner Tätigkeit diszipliniert und tagtäglich von 14 bis 2 Uhr nachts nach. Dabei hat er eine ganz eigene Maltechnik entwickelt. Ohne abzusteigen, tunkt er den Pinsel in den Farbeimer im Transportkorb vor seinem Lenker und trägt dann wie ein Kalligraph seine Motive mit wenigen Strichen auf. So erklärt sich auch seine Vorliebe für die Ziffer Sechs – die lässt sich so schön vom langsam rollenden Fahrrad malen.

Mit Graffiti habe das nichts zu tun, sagt der Künstler. „Ich habe auch Respekt für den Maler, der eine Häuserwand gestrichen hat, das will ich nicht zerstören.“ Darum benutzt Brendel für seine Kunst Kalkfarbe, die leicht zu entfernen ist, und bemalt nur Gegenstände, die bald von der Straße verschwinden werden. „Nur wenn ich eine ganz abgefuckte Wand sehe, male ich da drauf.“ Oder er bringt seine Motive mit Laub und Tapetenkleister auf.

Von den schätzungsweise 600 Anzeigen, die die Berliner Polizei im Lauf der Jahre gegen ihn gestellt hat, haben nur zwei zu Verfahren geführt, die übrigen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. „Einen Polizisten habe ich sogar von meiner Kunst überzeugt“, erzählt Rainer Brendel. „Der war erst ganz kritisch, später hat er sich über meine Arbeit gefreut.“

Und eine Veränderung des gesetzlichen Verbots von Sachbeschädigung scheint geradezu für ihn gemacht worden zu sein. Im Jahr 2005 wurde der Paragraph 303 des Strafgesetzbuches zum Tatbestand der Sachbeschädigung folgendermaßen ergänzt: „Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.“

"Möglicherweise käme ich in das Guinness Buch der Rekorde"

Für Nichtjuristen übersetzt bedeutet das, dass unerhebliche und vorübergehende Veränderungen erlaubt sind. Und etwas anderes will Rainer Brendel mit seiner Kalkfarbenmalerei ja gar nicht erreichen: Seine Kunst fügt der Stadt auf Zeit etwas hinzu; verewigen will er sich nicht.

Wie viele Kunstwerke auf Zeit er in den vergangenen beiden Jahrzehnten geschaffen hat, will er nicht einmal schätzen – „aber möglicherweise käme ich damit in das Guinness Buch der Rekorde“. Bis heute haben sich trotz der verwendeten Kalkfarbe einige seiner frühen Werke aus der Mitte der Neunzigerjahre gehalten, etwa auf einem Mauerrest an der Wilhelmstraße und am Tacheles.

Zu einer großen Karriere im Kunstbetrieb hat all das nicht geführt. Rainer Brendel kommt zwar in jeder Publikation über Berliner Street Art vor. Aber keine Galerie und kein Museum wollten je seine Arbeit kaufen.

Brendel hat dafür sogar Verständnis. „Wer ein Kunstwerk von mir haben will, kann es ja auf der Straße mitnehmen. Warum soll er dafür Geld an eine Galerie bezahlen?“ Noch heute erinnert er sich mit Verwunderung daran, dass ihm einmal ein Passant 100 Mark für eine Arbeit gezahlt hat. „Sonst bekomme ich vielleicht mal fünf oder zehn Euro von jemandem.“

Dabei stellt sich durchaus die Frage, wo genau der Unterschied liegt zwischen seinem Schaffen und dem von etablierten Künstlern wie A. R. Penck oder Jean-Michel Basquiat ist, die mit Strichmännchen oder Krakeleien im öffentlichen Raum begonnen haben und mit ihnen zu Stars der zeitgenössischen Kunst geworden sind. Möglicherweise war das weniger die Qualität ihrer Arbeit, sondern eher ihre Fähigkeit oder ihr Willen, sich auf die Umgangsformen und Regeln der Kunstwelt einzulassen.

Statt mit seiner Kunst Geld zu verdienen, hat er sogar noch seine Erbschaft investiert

Wer – wie der Autodidakt Brendel – dagegen noch nicht einmal einen dauerhaften Künstlernamen vorzuweisen hat und sich mal Artist 6, mal Rex Dildo, mal einfach nur Martin nennt, kann an diesem Spiel nicht teilnehmen.

So funktioniert Brendels Kunst auch als Kritik am Kunstbetrieb, in dem für einen wie ihn schlicht kein Platz ist, selbst wenn die Methoden und die Ästhetik seiner Arbeit eigentlich hervorragend in die Gegenwartskunst passen würden.

Und selbst wenn er so vollkommen in seiner Arbeit aufgeht wie Rainer Brendel. Der hat, statt mit seiner Kunst Geld zu verdienen, sogar noch seine Erbschaft investiert: die bis zu 15 Liter Kalkfarbe, die er in seinen produktivsten Zeiten pro Tag vermalte, mussten schließlich bezahlt werden. Besonders ein Malerbetrieb in der Köpenicker Straße war und ist immer wieder Quelle für Nachschub – wenn Brendel nicht Glück hat und übriggebliebene Farbe auf dem Müll findet.

Inzwischen sieht man nicht mehr so viele Arbeiten von Brendel auf den Bürgersteigen Berlins. Das liegt zum einen daran, dass er nach mehr als zwanzig Jahren auf der Straße öfter krank ist. Das liegt aber auch daran, dass er sich derzeit lieber „um das Internet kümmert“. Schon seit den Neunzigerjahren hat er eigene Websites, zwischenzeitlich waren es mehrere Hundert, mit deren Adressen er Geld verdienen wollte. Seit 2006 ist er bei Twitter aktiv, wo er sich als früher Nutzer den Namen „@sex“ sichern konnte und inzwischen mehr als zwei Millionen Follower hat.

Außerdem hat Brendel entdeckt, dass man mit den internationalen Domainnamen ebenso künstlerischen Schabernack treiben kann wie mit Sperrmüll in Kreuzberg. Diese vor einigen Jahren eingeführten Internetadressen erlauben nämlich den Einsatz von Sonderzeichen – von den deutschen Umlauten wie ä und ü über Lettern aus den arabischen und mongolischen Alphabeten oder dem Sanskrit bis hin zu grafischen Symbolen.

Rainer Brendels Ideen passen gut zur Kunst des niederländischen Duos Jodi

So hat Brendel mit Internetadressen eine Art konkrete Poesie für den Webbrowser entwickelt. Und auch einen weiteren Künstlernamen für sich selbst, der aus diversen Zeichen und Buchstaben besteht. Aus Open-Source-Programmen hat Brendel außerdem eine App entwickelt, die durch Tastenkombinationen das Arbeiten auf dem PC beschleunigen soll und so „mehrere Jahre Lebenszeit“ einspart, wie der Erfinder verspricht.

Rainer Brendels Ideen passen gut zur Kunst des niederländischen Duos Jodi. Hinter dem Namen Jodi verbergen sich Joan Heemskerk und Dirk Paesmans, und sie sind ebenfalls seit mehr als 20 Jahren im Geiste des konstruktiven Vandalismus tätig – anders als Brendel allerdings von Anfang an im Internet.

Als Pioniere der Netzkunst schaffen sie seit 1995 kryptische Websites, dysfunktionale Betriebssysteme, gestörte Computerspiele und lästige Apps für das iPhone. Bei einer gemeinsamen Ausstellung in der panke.gallery in Wedding kann man gerade sehen, wie diese beiden künstlerischen Œuvres kollidieren – und dabei auch eine der ganzen seltenen Ausstellungen von Rainer Brendel erleben.

Dabei haben die Künstler für die Ausstellung die Medien gewechselt: Jodi, die sonst ausschließlich mit digitalen Medien arbeiten und deren Werke man normalerweise nur auf Monitoren zu sehen bekommt, haben eine Auswahl ihrer Lieblingssonderzeichen im Großformat ausgedruckt, was sie wie Höhlenmalerei des Informationszeitalters aussehen lässt. Und der Street Artist Brendel präsentiert – neben einigen Wandzeichnungen – seine Internet-Arbeiten auf einem Computerbildschirm.