Der US-Saxofonist Lee Konitz gestikuliert nach der Verleihung des Donostiako Jazzaldia 2013-Award während des Jazzfestivals von San Sebastian.
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BerlinIn den Geschichtsbüchern wird Lee Konitz wohl vor allem durch Miles Davis‘ „Birth of the Cool“ überdauern. Die Sessions begründeten Ende der 40er-Jahre eine Art Schisma im frühen modernen Jazz. Auf der einen Seite der hitzige, emphatische Tonfall Chalie Parkers, auf der anderen der kühle Ton des Davis-Nonetts, in dem Konitz das Altsaxofon spielte. „Cool“ stand dabei für den Stil der US-Westküste - und auch für einen angeblich „weißen“ Ton, wie ihn Musiker wie Dave Brubeck oder Gerry Mulligan in den Fünfzigern popularisierten.

Tatsächlich verstanden sich Parker und Konitz, der eigentlich von der Klarinette kam, gut. Und Konitz‘ cooler Sound beruhte durchaus auf den Bebop-Prinzipien. Nur blies er klarer, in langen Bögen, ohne Vibrato, und anders als bei Parker spielte der Blues für Konitz keine große Rolle. 1927 in Chicago geboren, hatte er vor Davis - und auch danach - in der Band des Pianisten Lennie Tristano gelernt, der mit gleichsam mathematisch präzisem Ton bereits in freien Strukturen und Harmonien improvisierte.

Mit emotionaler Tiefe

Im Laufe seiner enorm produktiven Karriere erweiterte Konitz den Ton und den Horizont seiner Musik entscheidend, er gewann an emotionaler Tiefe und glänzte durch melodisch erfindungsreiche, offene Improvisationen. Joachim Ernst Behrendt, der deutsche Jazzpapst der 60er- und 70er-Jahre, hat ihn einen „der ganz großen Improvisatoren des Jazz“ genannt, wofür man einen der eindrücklichsten Beweise 1967 auf einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Sammlung von Duetten mit verschiedenstens Instrumentalisten hört: Gemeinsam mit u.a. dem Gitarristen Jim Hall, dem Tenoristen Joe Henderson oder dem Geiger Ray Nance spielt er von Louis Armstrong-Nummern zu Free Jazz-Stücken das ganze Repertoire des zeitgenössischen Jazz durch.

Unverwechselbar klare Phrasen

Seit den 50er-Jahren spielte er vorwiegend als Bandleader, in verschiedenen Besetzungen und unter unterschiedlichen stilistischen Vorgaben. So griff er etwa in den 70ern noch einmal das Nonettformat auf, spielte mit dem Bassisten Charlie Haden und dem popaffinen Pianisten und Großimprovisator Brad Mehldau, und vor drei Jahren glänzte er noch einmal mit einem Trio um den Post-Bop-Pianisten Kenny Barron. Man hört seine leichthändigen, neugierigen und unverwechselbar klaren Phrasen, schon und um liebevoll brummelnden Gesang erweitert, in entspannten Standards wie „Stella by Starlight“ oder „Cherokee“, Vorzeigenummern für jeweils Miles Davis und Charlie Parker. Ein wenig kurzatmig vielleicht, spürt man doch noch immer seine wunderbare Lust am „Wunder und der Überraschung der Improvisation“, von der er einmal sprach.

Am 15. April ist Lee Konitz mit 92 Jahren in New York an den Folgen einer Coronainfektion gestorben.