Berlin - Am 4. Januar 1947 erschien das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ das erste Mal. Gründer, Verleger, Chefredakteur und wichtigster Autor war der damals 23 Jahre alte Rudolf Augstein. Im Jahr darauf, Albert Camus hatte gerade den Preis der französischen Kritiker für „Die Pest“ bekommen, debütierte Augstein an der Landesbühne mit einem Drama „Die Zeit ist nah…“ Auch hier, wie bei dem erfolgreichen Vorbild, wird eine Stadt von der Pest bedroht.

Im „Spiegel“ hieß es über die Aufführung: „Das Gleichnis dauert fast drei Stunden, dem Publikum kam es länger vor. Es saß, als sich zum Schluss auf der Bühne alle Figuren verlaufen hatten (was ihnen nicht zu verdenken war), ziemlich ratlos aus.“

In der deutschen Presse der Nachkriegszeit etablierte sich dieser Ton als der „Spiegelton“. Dass er ihn auch gegen sich laut werden ließ, zeigt die Souveränität des jungen Augstein. Vielleicht ist sein Verzicht auf weitere Ausflüge in die Welt des Theaters weniger ein Zeichen von Resignation als vielmehr ein Beleg für Augsteins Geschick, den „Spiegel“ auch als Mittel der Selbsterkenntnis einzusetzen.

„Spiegel“-Redaktion war hungrig nach Information

Die ältere Generation des deutschen Journalismus bestand aus Leitartiklern und Welterklärern. Augstein und die Seinen hatten auch Spaß daran, aber sie waren vor allem hungrig nach Information. Sie wollten nicht nur anderen sagen, wo es lang geht, sie wollten selbst auch wissen, was passiert. Wer heute die alten „Spiegel“-Ausgaben liest – sie stehen alle online – wird das vielleicht nicht auffallen. Erst wer die Zeitgenossen – in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln - hinzuzieht, wird das Frische, das Neue wahrnehmen.

Beim „Spiegel“ hatte die Obrigkeit nicht per se recht. Sie hatte aber auch nicht schon darum unrecht, weil sie von der falschen Partei gestellt wurde. Der „Spiegel“ war nicht links. Er war nicht rechts. In einer Welt, in der die meisten Zeitungen noch solche von Parteien waren oder denen doch sehr nahe standen, war wirkliche Unabhängigkeit fast schon ein Alleinstellungsmerkmal. Der „Spiegel“ war das Organ eines Publikums, das er sich selbst erst schuf: der sich in der Parteienlandschaft frei umschauende Bürger, der je nach Lage mal für diese, mal für jene Partei votiert. Nach 1945 mussten die Deutschen die Welt, ihr Land und sich selbst neu entdecken. Eines der wichtigsten Instrumente für diese Expedition war der „Spiegel“.