Felix Klein während eines Interviews in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Man hat sich daran gewöhnt, den Diplomaten Felix Klein als Antisemitismusbeauftragten zu bezeichnen. Das ist in der verkürzten Form durchaus missverständlich. Tatsächlich ist Klein „Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“. In den Streit um die Einladung des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe als Eröffnungsredner des Kulturfestivals Ruhrtriennale hatte Klein sich tatsächlich kämpferisch eingemischt. Bezugnehmend auf einen Text Mbembes hatte er diesem vorgeworfen, das Existenzrecht Israels infrage gestellt und mit einer Gleichsetzung Israels mit dem südafrikanischen Apartheidregime „ein bekanntes antisemitisches Muster“ bedient zu haben.

In seinem theoretischen Werk hat sich Achille Mbembe jedoch nur am Rande mit Israel befasst. Er gilt als wichtiger Protagonist eines postkolonialen Denkens, die kritisierten Gleichsetzungen stehen bei ihm im erweiterten Kontext einer noch immer wirksamen Politik der Trennung. In den vergangenen Wochen haben immer mehr Stimmen darauf hingewiesen, dass Mbembe eher mutwillig in eine Antisemitismus-Debatte hineingezerrt worden sei. (Siehe auch den Beitrag von Aleida Assmann in der Berliner Zeitung vom 3. Mai.)

In einem an Bundesinnenminister Horst Seehofer gerichteten Brief haben vor wenigen Tagen 37 jüdische und israelkritische Wissenschaftler und Künstler die Abberufung von Klein aus seinem Amt gefordert. „Wir halten Herrn Kleins Versuch, Professor Mbembe als Antisemiten hinzustellen, für unbegründet und unangemessen, anstößig und schädlich“, heißt es in dem u.a. von dem Künstler Dani Karavan, dem Informatiker David Harel und den Sozialwissenschaftlern Micha Brumlik, Moshe Zimmermann und Aleida Assmann unterschriebenen Brief.

Zu den Unterzeichnerinnen gehört auch die israelische Soziologin Eva Illouz, die Klein in der Wochenzeitung Die Zeit vorwirft, mit einem schwammigen Antisemitismusbegriff zu hantieren und legitime Kritik an der israelischen Besatzungspolitik mundtot zu machen. Andererseits macht Illouz jedoch deutlich, dass sie Mbembes Position für einseitig und gleichgültig „gegenüber der komplexen, tragischen Geschichte der Juden“ halte. Allerdings bereite ihr eine Doppelmoral Sorgen, mit der man auch jüdische Kritiker der israelischen Politik zum Schweigen bringe.

Wäre es an dieser Stelle der verfahrenen Diskussion nicht angebracht, aus den intellektuellen Schützengräben herauszukommen? Es scheint jedenfalls wenig sinnvoll, dem Fall Mbembe durch einen Fall Klein zu ersetzen. Die Verknüpfung verschiedener Perspektiven historischer Opfererfahrungen und deren Überwindung ist viel zu wichtig, als dass sie in kleinmütigen Kämpfen um politische Deutungshoheit preisgegeben werden sollten. Es geht vielmehr um die Erweiterung eines Diskurses, der in der Lage ist, eine vergiftete Hermeneutik des Verdachts zu überwinden.