Es hat seine Nachteile, Leser der FAZ oder SZ zu sein. Wer sich auf diese Blätter beschränkt, hat noch immer nichts mitbekommen von den erheiternden Turbulenzen um den soeben erschienenen Thriller „Der Sturm“ eines gewissen Per Johannson. Hinter Johansson steckt, wie berichtet, zumindest zur Hälfte der Chef des SZ-Feuilletons, Thomas Steinfeld. Das Pseudonym hat ein Redakteur der „Welt“ über einen Umweg geknackt: Er erkannte in dem Mordopfer des Krimis Züge von Steinfelds Rivalen und Ex-Chef Frank Schirrmacher und war so in einer langen Indizienkette auf den Autor Steinfeld gekommen. Dem äußerlich betont sanften Feuilletonisten Steinfeld traute er zu, sich genüsslich ausgemalt zu haben, wie der als mitunter tyrannisch geltende FAZ-Herausgeber nicht nur umgebracht, sondern von einer braven Dachsfamilie hernach durchprobiert und zerrissen wird.

Und tatsächlich. Steinfeld bekannte sich zur Autorschaft, bestritt aber, Schirrmacher gemeint zu haben. Der sei aus allen möglichen Kollegen zusammengesetzt. Was für ein Fest! Was für eine Vorlage! Höhnisch-ungläubige Kommentare in diversen Feuilletons. Steinfeld setzt daraufhin noch eins drauf und erzählt dem „Focus“, das Mord- und Dachsopfer sei zu großen Teilen doch nur einem Vorbild zu verdanken, und zwar ihm selbst. Hinter dem „journalistischen Genie“, dem „big shot“ und „mächtigen Mann“, dem „Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird“, dem „Irrfahrer, der unglaublich oft einfach recht hatte“, stecke also er selbst, Steinfeld, nicht nur, aber „in hohem Maße“. Großes Gewieher, die schlimmsten Vorurteile schienen bestätigt. Das Feuilleton – ein Jahrmarkt, ach was, ein Pfuhl der Eitelkeiten, eine Orgie des Selbstreferentiellen. Frank Schirrmacher indessen erklärte gelassen, den Fall nicht kommentieren zu können. Er lese keine schwedischen Krimis.

Tausende andere aber schon. Deshalb die Frage: Wie ist er denn nun, der Roman? Taugt er was?

„Der Sturm“ hat einen wunderschönen Anfang und einen ebenso schönen Schluss: zwei Naturbeschreibungen, in denen es um den südschwedischen Frühling geht, insbesondere um die Anemonen, die viel mehr versprechen, als der schönste Frühling halten kann.

Schwedenkrimi wie aus dem Lehrbuch

Dazwischen spult sich ein Schwedenkrimi ab wie aus dem Lehrbuch. Es geht um Internetkriminalität, Hacker und Firewallkonstrukteure , die die Angriffe, vor denen sie schützen sollen, selber starten. Und eben um einen deutschen Chefredakteur, der zu gut recherchiert hat. Hier und da ein paar echte Cliffhanger an den Enden der kurzen Kapitel, aber nicht zu penetrant platziert. Bei jedem Kapitelanfang weiß man sofort, wo und bei wem man sich befindet. Ab und zu wird im Kopf einer der Hauptfiguren die Handlung rekapituliert, damit der Leser nicht den Überblick verliert. Die Handlungsstränge laufen fachgerecht gebündelt auf den titelgebenden Sturm zu. Und, ganz wichtig: Der Leser ist den Figuren immer ein Stück voraus, wenn auch unsicher tapernd. Aber immerhin: Es dämmert ihm. Das unterhält und schmeichelt.

Kurz: ein amtlicher, etwas akademischer Schwedenkrimi. Ziemlich untertemperiert. Andererseits ist das Genre für viel Herz auch nicht bekannt, lebt es doch von der gewissen Schadenfreude, mit der die schwedische Wohlstandskultur ihre dauernde Besorgtheit kompensiert. Steinfeld hat das Land seines zweiten Wohnsitzes, zugleich die Heimat seiner Ehefrau eben gut studieren können. Aber spannend wie ein Håkan Nesser ist das Buch dann doch nicht.

Die Szenen um den vermeintlichen Schirrmacher nehmen nicht so viel Raum ein, um die These, der Autor leide an Rachegelüsten, die über das Spielerische hinausgingen, fundieren zu können. Sie sind andererseits die bei weitem animiertesten, was auch an der Perspektive der Hauptfigur liegt: Ronny Gustavsson ist ein kleiner, vom Chef gehänselter Reporter des Lokalblatts Skånepos-ten und hat das deutsche Alphatier aus der Untersicht im Blick.

In Paris hat Ronny bei Deleuze studiert, mithin das Ende des Idealismus mitbetrieben, und ist nun zuständig für Osby und Umgebung, wo nie was passiert, außer eben jetzt, die Sache mit dem Dachs.

Ein alter ego Steinfelds

Auch dieser Lokalreporter ist gewissermaßen ein alter ego Steinfelds. Aus der liebevollen Ausgestaltung spricht Zeile für Zeile der Wunschtraum, einmal nicht Feuilletonchef sein zu müssen. Andere gehen dafür zur Domina, Steinfeld schreibt sich einen Loser zusammen, der am Ende, natürlich, auf der richtigen Fährte ist.

Persönlich wundert sich der Rezensent, wie viel Zeit manche Kollegen haben, mitten in der Zeitungskrise einen solchen Roman zu schreiben. Noch mehr wundert er sich aber über die in einigen Feuilletons verdruckst ausgesprochenen Empfehlungen an die SZ-Chefredaktion, doch darüber nachzudenken, ob Steinfeld für ihre Zeitung noch tragbar sei. Pfui Teufel, was für eine spießige Doppelmoral. Erst lachen, dann nach Strafe rufen.