"Der thermale Widerstand" : Premiere in der Deutschen Theater Box

Berlin - Der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz hat es mit lebenssaftigen Metaphern, die er ordentlich durcharbeitet;  er knetet und quetscht die Sprache wie einen Leib, klatscht sie gegen die Wirklichkeit der Bühne, wringt und laugt sie aus.

Schon die Titel verraten dabei einen Hang zur Hausmannskost: „Dosenfleisch“, „Am Beispiel der Butter“, „Der Herzerlfresser“. Erstaunlich, was da alles in den vermeintlich durchsortierten Begriffen steckt, wenn man sie in die Mangel nimmt.

Insofern ist das Setting seines jüngsten, in Zürich uraufgeführten und nun in der Box des Deutschen Theaters von Matthias Rippert zur Premiere gebrachten Stückes „Der thermale Widerstand“ geradezu prädestiniert: Ein Thermalbad. Mit Masseur! Und mit Metaphernanschluss ins Sexuelle, Verdauungs- und sonst wie Körperflüssige, was wiederum umstandslos die Mechanismen von Kaptial und Ausbeutung vor Augen führt.

Schweißtreibende Konzentration

Auf eine Weise, dass man hinterher eine Weile nicht mehr unreflektiert und mit einem Gefühl für die großen Zusammenhänge der Waren- und Finanzströme die Toilette benutzen kann. Wie bereichernd!

Zumal in der nur einstündigen Inszenierung den Spielern schon nach fünf Minuten der Schweißfilm in den Gesichtern glänzt. Dabei war es bei der Premiere am Freitag gar nicht so stickig,  wie es in der Box sein kann.

Es ist wohl die Konzentration, wenn nicht gar die Vorstellungskraft, die ihnen das Wasser aus den Poren drückt. Das Denken gerät zum Ausscheidungsakt via Diffusion, jedenfalls blicken die Spieler entsprechend − so mehr nach innen, als wüssten sie selbst nicht so genau, was sich da anbahnt.

Traditionsbadeanstalt gegen Wellness-Wahn

Eine angekeimte Traditionsbadeanstalt versucht sich auf dem sich aufblähenden Wellness-Markt zu behaupten. Der Masseur (Harald Baumgarten) wird von der Geschäftsleitung (Linda Pöppel) angehalten, sein Serviceportfolio in den Graubereich der unterleiblichen Dienstbarkeiten hinein auszuweiten.

Klar, dass dem fantasielosen, auf die niederen Instinkte zielenden Pack nichts anderes einfällt. Ein neuer, idealistischer Bademeister (Daniel Hoevels) möchte das Bad wieder zu seinen Wurzeln in der Antike führen und zu einem utopischen Ort der Gemeinschaft machen, zu einem „Diskursbad“.

Ins Spiel kommt dann aber auch die Investmentberaterin einer Softdrinkkette (Anne Kulbatzki), um den Laden durchzukommerzialisieren. Ja, sogar eine neoliberalismuskritische Stadttheaterdebatte kann man hier einfließen lassen.

Kein Wunder also, dass der in voll ausgestattete Zellen (Bühne Selina Traun) gepresste, mit blutdrucksteigernden Musikimpulsen (Robert Pawliczek) unterlegte, mit deftigen Bedeutungen aufgepumpte Abend schließlich birst und die Spieler nicht mehr nur mit Schweiß, sondern auch mit weniger durchsichtigen Körperflüssigkeiten beschmiert dastehen. Sehr erfrischend!


Der thermale Widerstand. 8., 15., 22., 27. Okt., 19.30 Uhr, Deutsches Theater (Box), Karten unter Tel.: 28441225