Yordi Pérez Cardoso in seiner ehemaligen Schule in Cienfuegos.
Foto: Sven Creutzmann

CienfuegosDiese Geschichte handelt von einem Traum in einem Land, von dem man sagen könnte, dass dort immer viel geträumt worden ist und in dem viele Träume sich nicht erfüllt haben: Kuba. Sie beginnt, als Yordi Pérez Cardoso neun Jahre alt ist und in der Escuela de Arte Benny Moré aufgenommen wird. Es ist die Kunstschule  von Cienfuegos, einer Stadt an der Bucht von Jagua, vier Autostunden von Havanna entfernt. Ein schmaler Junge ist Yordi damals, dem seine Lehrerin nicht viel zutraut.

Seit 2015 ist Yordi Pérez Cardoso Mitglied des Ballet Revolución, einer 19-köpfigen Truppe, die seit Jahren um die Welt tourt, durch Europa, Asien, Australien. Es ist eine Unterhaltungsshow, der Name eine Übertreibung im Namen des Marketings. Revolution gehört eben zu Kuba wie der Son Cubano, der Rum und das Salsatanzen. Ein bisschen revolutionär ist höchstens die Kombination von klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz.

Seit Dezember ist Ballet Revolución in Deutschland,  Ende Januar gastiert die Truppe im Berliner Admiralspalast. An einem Nachmittag besuchen wir die Nationale Ballettschule in der Altstadt von Havanna. Es ist ein prachtvoller Bau im Kolonialstil gegenüber vom Revolutionsmuseum. Ein Casino war hier früher, vor der Revolution. Jetzt gibt es auf allen drei Stockwerken Studios mit Ballettstangen und Spiegeln an den Wänden.

Zwei Jungen spielen auf einem Flur Fangen. Von überall her erklingt Klaviermusik, live oder vom Band, in allen Räumen wird unterrichtet. Die Türen stehen offen, die Schüler folgen den graziösen Bewegungen der Lehrer, alle kerzengerade, die Mädchen die Haare zu einem strengen Knoten gebunden. Eine zauberhafte Szenerie.  

Voller Energie

m Erdgeschoss probt Ballet Revolución. Die Wände sind kaputt an einigen Stellen, zwei der acht Neonröhren an der Decke funktionieren nicht, es gibt keine Klimaanlage bei fast 30 Grad. Durch die Fenster kommt eine Brise. Und Straßenlärm. Die  Tänzerinnen und Tänzer sind in Trainingskleidung, tragen schwarze T-Shirts und Gymnastikhosen,  Tanzschuhe oder Ballettschuhe, sie machen Dehnübungen.

Dann macht jemand den CD-Player an, und es ist, als würden sie explodieren. Die Nummern bestehen aus einer umwerfenden Mischung aus Klassik, Modern, Salsa, Streetdance und Akrobatik. Es gibt Solos und synchrone Massenszenen. Die Sprünge sind atemberaubend, und die Tänzer unglaublich präsent, präzise, energiegeladen. Auch jung und schön. Roclan González Chávez steht in einer Ecke und klatscht.

Er ist selbst ausgebildeter Tänzer, war an der ENA, der Escuela Nacional de Arte in Havanna, der nationalen Kunstschule für zeitgenössischen Tanz. Jetzt ist er Anfang 40, trägt  Basecap, und arbeitet als Choreograf – nicht nur für Ballet Revolución, sondern auch für das kubanische Fernsehballett. Er hat Yordi Pérez Cardoso ausgewählt, nachdem er Videos von ihm gesehen hatte, in denen er Choreografien des Ballet Revolución vorführt, die er sich selbst beigebracht hatte.

Ineinander verschlungener Haufen

Das war 2015. Nach der Probe liegen alle erschöpft auf dem Boden, der eine mit dem Kopf auf einem Bein oder Arm des anderen, ein ineinander verschlungener Haufen. Ralf Kokemüller, der Chef des deutschen Veranstalters BB Promotion, auf dessen Einladung wir hier sind, erzählt, was bei den Bühnenauftritten anders ist als bei den Proben. Eine Live-Band spiele dann, die Tänzer wechselten häufig ihre Kostüme.

Am nächsten Morgen brechen wir zusammen mit Yordi Pérez Cardoso nach Cienfuegos auf. Die Fahrt führt vorbei an Zuckerrohrfeldern, brachliegendem Land. Pferdewagen sind unterwegs, am Straßenrand stehen Tramper. „Das ist bei uns Folklore“, sagt der Fahrer, der sich nur mit dem Vornamen vorgestellt hat: Boris. Aber es gibt auch immer wieder Grund zum Trampen.

Mal gibt es kein Benzin, mal keinen Kaffee

Vor drei Monaten gab es kein Benzin, ein Ergebnis der US-Sanktionen gegen Venezuela, Kubas Verbündeten, der immer weniger Öl liefern kann. Derzeit ist Kaffee Mangelware, vor ein paar Wochen gab es kein Weizenbrot. Und was den Fahrer angeht: Er erzählt eine Geschichte, die man kennt aus Kuba. Eigentlich ist er Ökonom, aber als Taxifahrer verdient man mehr. Und auch als Tänzer, wenn man im Ausland arbeitet.

Das gilt für jede Tätigkeit, die nicht mit kubanischen Pesos bezahlt wird. Die harte Währung in Kuba ist der Peso Convertible, der sich an den Dollar anlehnt. Über Politik möchte Boris nicht sprechen. Ja, Trump, der alle Lockerungen zurücknahm, die Obama gegenüber Kuba eingeführt hatte, werde nicht ewig an der Macht sein. „Aber unser Präsident ...“ Durchaus möglich, dass Miguel Días Canez für Jahrzehnte regieren wird, so wie die Castros vor ihm.

Von Cienfuegos aus führt eine kaum befahrene Landstraße in Yordis Heimatort, die Ciudad Nuclear, die Nuklearstadt. Die Siedlung nach sowjetischem Vorbild entstand von 1980 an für Arbeitskräfte aus Kuba, aber auch aus der Sowjetunion und aus Bulgarien. Sie sollten hier das erste Atomkraftwerk Kubas, ja der Karibik bauen. Von der Straße aus ist der Rohbau zu sehen, Symbol eines Traums, der nie verwirklicht wurde.

„Sozialismus oder Tod“

Als die Sowjetunion zusammenbrach, kehrten die  russischen Experten in ihre Heimat zurück. 1992 verkündigte Fidel Castro persönlich, dass man das Werk nicht weiterbauen könne. „Zona“ nennen sie das Gebiet heute noch. Zone. Die Ciudad Nuclear besteht aus vierstöckigen Flachbauten, von denen Farbe blättert, dazwischen liegen Grünstreifen. Hier trocknet Wäsche, wachsen Bananenstauden. „Socialismo o muerte“ steht an einer Wand, Sozialismus oder Tod. An einer Straßenecke grast ein Pferd.

Was für ein Sinnbild für die enttäuschten Hoffnungen dieses Landes, die sich auch immer wieder um Energie drehten, um Strom, um Benzin. Wo die Familie all die Stühle im Wohnzimmer her hat, damit der Besuch sich setzen kann? Eigentlich gibt es hier nur die Bank gegenüber vom Regal mit dem Fernseher. An der Wand hängen zwei Ventilatoren, der Boden ist gefliest, auf dem niedrigen Tisch  steht ein Strauß künstlicher Rosen. Yordi Pérez Cardosos Eltern und die jüngere Schwester Rosana, die sich mit einem weißen Kleid herausgeputzt hat, stehen.

Man merkt, wie aufgeregt sie sind. Der Vater erzählt, wie er als junger Ingenieur in die Ciudad Nuclear kam. Das ist fast 40 Jahre her. Viele zogen weg, als das Atomkraftwerk aufgegeben wurde, er fand Arbeit in der Raffinerie von Cienfuegos. Die Mutter arbeitet in einem Kindergarten. Sie haben sich für diese Begegnung mit Journalisten aus Deutschland Hilfe geholt: Taimi Blanco Ruiz, die Yordi seit seiner Kindheit kennt und eine Art Mentorin für ihn war, führt nun das Wort. Wie eine Funktionärin klingt sie, als sie von den Talenten in Kunst, Wissenschaft und Sport erzählt, die die Ciudad Nuclear hervorgebracht habe.

Die wichtigen Kunstschulen

Yordi Pérez Cardoso hätte ein Billy Elliot sein können, wie der zarte Junge in dem gleichnamigen britischen Film heißt, der so gern tanzen möchte, dessen Bergarbeiter-Vater ihn aber zum Boxen schickt. Stattdessen sagt Yordi: „Mein Vater hat mich immer unterstützt.“ Er sei es gewesen, der ihn zur Kunstschule in Cienfuegos geschickt habe, weil er sich im Kinderzirkus so gut gemacht hatte. Das spricht für das gute Vater-Sohn-Verhältnis, es sagt aber auch etwas aus über die Wertschätzung der Kunstschulen.

Später, als der Sohn in Havanna  war, schickten die Eltern ihm Essen. Tanzen sahen sie ihn ein einziges Mal, als Ballet Revolución in Cienfuegos auftrat. Eine Ausnahme. Eigentlich gibt die Truppe in Kuba keine Vorstellungen. Hier kann man kein Geld verdienen. „Ich liebe ihn, er lebt seinen Traum“, sagt seine Schwester, als wir im Aufbruch sind. Dann gibt es noch eine Wohnungsführung. Der Vater öffnet die Türen zum gekachelten Bad und zu den drei Schlafzimmern.

Das mit den lila Wänden ist Yordis, obwohl er kaum noch hier wohnt. Das Zimmer ist eine Bekundung: Hier ist mein Zuhause. Im letzten Moment erzählen sie, dass sie erst am Vortag eingezogen sind. Sie haben die Wohnung gerade gekauft, sie ist größer als die alte. „5 500 Dollar hat sie gekostet“, sagt der Vater. „Yordi hat uns geholfen.“ Das flüstert er.